Mrz 25, 2019
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Woher kommt der Begriff „Nazi“?: Warum unsere Väter und Großväter anfällig für den Nationalsozialismus wurden

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So dachte man zumindest! Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass sich die Spezies des gemeingefährlichen und omnipräsenten Nazis wieder heimisch zu machen scheint, und zwar paradoxerweise je größer der zeitliche Abstand zur nationalsozialistischen Diktatur wird.

Verharmlosung des Nationalsozialismus durch scherzhaften Umgang mit der Vergangenheit

Dagegen formiert sich selbstverständlich massiver, mutiger Widerstand der Zivilgesellschaft und ihrer Verbündeten. Wie üblich in unseren Zeiten, begleitet von einem Hashtag: #Nazis raus – heißt es nun vollmundig, und jeder macht mit bzw. wagt es nicht, sich zu verweigern. Fragt man jedoch die eifrigen Widerstandskämpfer, wer denn ein Nazi sei, woran man ihn erkenne, oder gar, wie man zu einem solchen einst geworden ist und heute wieder werde, herrscht nicht selten betretenes Schweigen. Angesichts solcher Ignoranz hilft nur noch der dreiste Frontalangriff, so geschehen Anfang des Jahres, als Nicole Diekmann, Korrespondentin im ZDF-Hauptstadtstudio, die selbstverständlich ironisch gemeinte flapsige Antwort gab: Nazis, das seien diejenigen, die nicht die Grünen wählten. Damit waren auch Wähler der CDU/CSU, SPD, FDF, Linken und der AfD gemeint. Man kann es drehen, wie man will: Mit ihrem „Scherz“ hat sie den Nationalsozialismus verharmlost, seines mörderischen, totalitären Charakters beraubt und andere demokratisch legitimierte Parteien diskreditiert. Nichts weiter als ein „Scherz“? Zu erkennen ist: Wer immer dann, wenn er sprachlos geworden ist und ihm in einer politischen Diskussion Argumente ausgehen, die Nazi-Keule als ultima ratio hervorholt, um den oder die Kontrahenten zum Schweigen zu bringen, sollte sich unbedingt informieren, welche Bedeutung und Implikationen der Begriff tatsächlich besitzt. Andernfalls steigt das Risiko enorm, sich unglaubwürdig zu machen, missverstanden zu werden oder sich gar in der Öffentlichkeit zu blamieren, wie es der genannten Journalistin geschehen ist.

Woher kommt der Begriff „Nazi“?

Ursprünglich bezieht sich der Terminus „Nazi“ keineswegs auf den Nationalsozialismus. Preußische Konservative benutzen ihn bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus durchsichtigen Gründen, um Reichskanzler Bismarcks Sozialgesetzgebung als „nationalen Sozialismus“ zu schmähen. Wenige Jahre später – 1903 – handelt sich Friedrich Naumann, der evangelische Theologe und liberale Politiker dieses Prädikat ein, weil er einen Liberalismus mit sozialer Verantwortung praktiziert, der in dem 1896 gegründeten „Nationalsozialen Verein“ seinen organisatorischen Ausdruck findet. Nach 1918 greifen unabhängige Sozialdemokraten den Begriff „nationalsozialistisch“ auf, um den nationalen Kurs der ehemals international orientierten Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) seit 1914 zu kritisieren. In diesem Sinne grenzt der „Vorwärts“, das Zentralorgan der MSPD, den nationalorientierten Flügel der Section francaise de l´internationale ouvrière, also der französischen Sozialisten, von denjenigen Parteimitgliedern ab, die Sympathie für die kommunistische Dritte Internationale empfinden. Erst im Juli 1921 erhält der „Nazi“ sein bis heute gültiges Alleinstellungsmerkmal: Im „Vorwärts“ wird er in Verbindung gebracht mit dem bayerischen „Ordnungsblock“, also als Synonym für rechtsradikale, demokratiefeindliche und antisemitische Gruppen, die nach der blutigen Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919 wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Hier formiert sich 1920 die NSDAP als zunächst unbedeutende Splitterpartei, die sich entschieden von der „roten“ Revolution distanziert und in der Republik das Produkt eines heimtückischen „Dolchstoßes“ zu erkennen glaubt.

Wie wurden junge Deutsche nach 1918 zu „Nazis“?

Die mehr als berechtigte Frage, wie und warum ein junger Mensch Sympathie für derart menschenfeindliche Gruppen aufbringen und auf diesem Weg zum „Nazi“ werden konnte, hat Hartmut E. Arras in einem soeben erschienenen Buch untersucht und dargelegt. Es handelt sich um die materialgesättigte Biografie seines Vaters Erwin, eines Nazis der ersten Stunde. Schon der Titel „Vom Freischärler zum Propagandisten des Nationalsozialismus“ verrät, dass der Nazi ein besonderer Menschentyp gewesen ist, der sich nur aus den speziellen deutschen Lebensbedingungen des frühen 20. Jahrhunderts, des kaiserlichen Obrigkeitsstaates, herleiten lässt und sich somit von Franzosen, Briten oder auch Amerikanern fundamental unterscheidet, die in einen halbwegs demokratisch-parlamentarisch strukturierten Staat hineingeboren und aufgewachsen sind. Erwin Arras geht den Weg hunderttausender seiner Altersgenossen die zur Kriegsjugendgeneration gehören und besonders anfällig für das verhängnisvolle Gedankengut des Nationalsozialismus werden. Geboren 1905 im Zeitalter wilhelminischer Weltmachtträume und großspuriger Kanonenbootpolitik, wächst er in einem gut situierten, bürgerlichen Elternhaus auf, das wie viele andere auch bewusst national und kaisertreu empfindet. Den Ersten Weltkrieg mit all seinen materiellen Entbehrungen, täglichen Verlustmeldungen und – in der zweiten Kriegshälfte – Niederlagen erlebt der Neunjährige als „verzweifeltes Ringen“ des „heldenhaften“ Deutschlands um seine bloße Existenz gegen eine „Welt von neidischen und heimtückischen Feinden“. Aber er ist, wie viele andere seines Jahrganges noch zu jung, um selbst mitzukämpfen.

Die Novemberrevolution von 1918 kommt für die Familie Arras völlig überraschend. Hat die Weltkriegspropaganda nicht jahrelang von deutschen Siegen gefabelt und die militärische Unterlegenheit des Gegners beschworen? Selbst noch im Spätsommer 1918, als die deutschen Verbände de facto schon geschlagen waren? Die nun tonangebende Sozialdemokratie lehnt es ab, hier aufklärend im Volk zu wirken, überzeugte Anhänger der Republik zu gewinnen und revanchistischen Bewegungen von vornherein das Wasser abzugraben. Die Dolchstoßlegende gedeiht auf fruchtbarem Boden. Wie andere Deutsche auch erlebt die Familie Arras eine von nationaler Demütigung und materieller Entbehrung geprägte Nachkriegszeit, vor der ihr das untergegangene Kaiserreich geradezu strahlend erscheinen musste. Der Versailler Vertrag löst heftige Empörung aus, niemand kann oder will ihn sich erklären. Er muss ein bösartiger, intriganter Versuch der Versklavung Deutschlands auf Ewigkeit durch die „Feindmächte“ sein. Jugendliche wie Erwin Arras, verblendet von der staatlich gelenkten Unschuldspropaganda, erfahren kein Wort über die Ursachen des Friedensschlusses oder der deutschen Niederlage von 1918. In den Schulen schildern ihnen weiterhin kaiserlich-monarchistisch gesinnte Lehrer in den grellsten Farben, dass Deutschland als geknechtetes, unterjochtes Volk von seinen Unterdrückern, vor allem den Franzosen und Polen, befreit werden müsse, bringen ihnen den „großen Bismarck“ mit seiner gepanzerten Faust als Vorbild für eine gelungene Außenpolitik nahe und setzen damit klammheimlich auf die Karte der Revanche.

Das Schlüsseljahr 1923 und seine Folgen

Das Jahr 1923 wird zum Schlüsseljahr für den nunmehr 17jährigen Erwin Arras. Mit großer Bestürzung und kaum zu zügelnder Wut verfolgt er die Besetzung des Ruhrgebiets durch belgische und französische Truppen, spürt im eigenen Elternhaus die verheerende Wirkung der galoppierenden Inflation und erlebt ohnmächtig die zum Scheitern verurteilten Putschversuche linker und rechter Kräfte. Den von der Republik verkündeten passiven Widerstand verurteilt er als unzureichend. Deutschlands Ehre und seine berechtigten Interessen müssten auch mit Gewalt verteidigt werden. Bewaffneter, illegaler Widerstand – hier artikuliert sich bereits der Geist der nationalsozialistischen Wehrhaftmachung. Von der nationalistischen Welle erfasst, die im Frühjahr 1923 durch Deutschland schwappt und die schwachen Fundamente der demokratischen Republik in kürzester Zeit hinwegfegt, schließt sich Erwin im Mai 1923 der „Gruppe Damm“ an, einer paramilitärischen Verschwörergruppe, auch „Feldjäger“ genannt, über deren Struktur und Aktivitäten in dem vorliegenden Buch erstmals berichtet wird. Unmittelbarer Anlass für seinen Schritt ist die standrechtliche Erschießung Albert Leo Schlageters, eines ehemaligen Offiziers und nationalsozialistischen Aktivisten, den die französische Militärbehörde im Ruhrgebiet wegen Spionage und Sprengstoffanschlägen zum Tode verurteilt. Der von rechtsradikalen Gruppen entfachte „Schlageter-Kult“ zeigt seine Wirkung auch auf den jungen Arras. Als er am Sarg Schlageters steht, wallt in ihm „unmächtig gelittener Schmerz“ auf. Begeistert vom Mut und der Opferbereitschaft derer, die ihr Leben im Kampf gegen die verhassten Besatzungsmächte, vor allem die Franzosen, riskieren, entschließt er sich, Freischärler zu werden.

„Es war“, urteilt Leopold Schwarzschild, der Journalist und ehemalige Herausgeber des „Tagebuchs“, 1938 aus dem Exil, die „Ruhr-Krise“, von der Hitler „aus einem Hintergrund-Dasein nach vorne geführt wurde. In direkter Wirkung riss der Hexensabbat der Inflation und der Verelendung, die das Ruhr-Drama begleiteten, die nationalsozialistische Bewegung hoch. In indirekter Wirkung aber kam ihr der exzessive Nationalismus zugute, der damals nicht nur entstand, sondern von oben gezüchtet wurde.“

Keimzellen der „nationalen Revolution“ wider die „feindliche Welt demokratischer Gleichmacherei“

Fortan ist Erwin Arras Mitglied eines konspirativen Geheimbundes mit terroristischem Charakter, einer von vielen, die seit Sommer 1919 massenhaft aus dem Boden geschossen sind, vor allem in Bayern. Sie locken Soldaten und Offiziere ohne Berufsausbildung an, die befürchten, in der schlechten Wirtschaftslage nach 1919 keine bürgerliche Existenz mehr zu finden. Ebenso große Attraktivität üben sie auf junge Akademiker und Schüler höherer Schulen aus, von denen viele in den aufgewühlten Jahren nicht in der Lage sind, ein Studium aufzunehmen oder einen Beruf zu erlernen. Erwin Arras ist einer von ihnen, obwohl er auch weiterhin die Schule besucht. In seiner neuen Heimat, „Bollwerk soldatischer Kameradschaft“, „Männerbund“ und Ordnungsfaktor in einer „feindlichen Welt demokratischer Gleichmacherei und revolutionärem Internationalismus“, fühlt er sich wohl. Sie soll die Keimzelle „einer nationalen Revolution“ gegen eine als „schwächlich“ und „undeutsch“ empfundene Republik sein, die das geheimbündlerische Treiben der Feldjäger kurioserweise aktiv unterstützt. Denn es geht gemeinsam gegen den Versailler Vertrag; seine Bedingungen sollen unterlaufen werden: in erster Linie der Zwang zur Abrüstung und die Aufhebung der Wehrpflicht. In der „Gruppe Damm“ und all den anderen illegalen Formationen wird das militärische Personal trainiert, das im 100.000-Mann-Heer nicht zur Verfügung steht für den Revanchekrieg der Zukunft, den die Heeresspitze klammheimlich plant. Unzählige Mitglieder dieser Verbände strömen in den nächsten Jahren in die ihnen ideologisch nahestehende NSDAP. Erwin Arras folgt ihnen 1932.

Für ein von fremden und fremdländischen Einflüssen befreites Deutschland

Hartmut Arras gebührt der Verdienst, uns den Begriff „Nazi“ in einem voluminösen, faktenreichen und gut lesbaren Buch näher gebracht zu haben. Ein Nazi – darunter versteht die demokratische Öffentlichkeit der frühen 1920er Jahre einen glühenden Gegner der Republik, der ein diktatorisches Deutschland fordert, um auf dieser Grundlage Revanche für die „Demütigung“ vom November 1918 zu nehmen, auch mit den Mitteln des Krieges. Oft glaubt er, im „jüdischen Bolschewismus“ den „hinterhältigen“ Drahtzieher der gegen das „grundehrliche“ Deutschland gerichteten feindlichen „Verschwörung“ erkannt zu haben. Ein eliminatorischer Antisemitismus ist nicht selten die Folge. Der Nazi – das ist per definitionem ein Rassist und Herrenmensch, der die Republik beseitigen, Deutschland von fremden und fremdländischen Einflüssen befreien und Europa abschaffen bzw. ihm seinen Stempel aufdrücken will, um das „großgermanische Reich“ bzw. eine mehr oder minder „reindeutsche oder europäische Nation“ zu errichten. Man vergleiche die oben gegebene Definition mit dem leichtfertig geäußerten Vorwurf des Nazitums von heute! Wer ihn aber erhebt, sollte schon imstande sein darzulegen, wo der „Nazi“ von heute mit dem von gestern auf eine Stufe zu stellen ist.

Hartmut E. Arras: Vom Freischärler zum Propagandisten des Nationalsozialismus – Mein Vater Erwin Arras (1905-1942), 544 S., 173 Abb., Hardcover, 19.80 € – ISBN 978-3-943425-69-7

von Lothar Wieland

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Klare Kante · The European · The European

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