Jan 28, 2019
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Wochenrückblick: Wann Merkel zur Frau wurde. Und andere gute Buchtitel

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Der Spiegel überprüft gerade die Texte seines berühmtesten Ex-Mitarbeiters. Dabei stießen die nachträglichen Faktenchecker auch auf den Umstand, dass Claas Relotius’ Beitrag für den Klimakatastrophentitel „Was der Erde droht. Und was wir tun können“ wie Literatur wirkt (so irgendwann ein Preisjurymitglied über ein anderes CR-Werk) beziehungsweise überhaupt Literatur ist, wenn auch nicht gerade Reiseliteratur.

Denn Relotius flog für seinen Beitrag gar nicht in den Südsee-Inselstaat Kiribati, der speziell in deutschen Medien schon seit Jahren als Untergangskandidat gehandelt wird, sondern blieb, wie sich jetzt herausstellte, in Los Angeles und dachte sich dort (Chateau Marmont?) seine hautnahe Reportage aus. Relotius kam nur bis Los Angeles wäre zweifellos ein guter Buchtitel, und für eine ordentliche Flasche Chateau d’Yquem entschlage ich mich aller Ansprüche.

Auf Achgut seziert Uli Kulke ausführlich die Relotius-Geschichte „London, Paris und Polen sind untergegangen“ (bei London, Paris und Polen handelt es sich um kiribatische Siedlungen); er erklärt, warum keiner der genannten Orte tatsächlich untergegangen ist, auf welche exquisite Weise Relotius zum Namen seines Protagonisten kam – und warum selbst die Korrekturmitteilung der Spiegel-Redaktion über die Fabrikation seines Reporters a. D. einen ziemlichen großen Haken enthält, oder wie es heute heißt: ein Narrativ.

Aber ernsthaft: glaubt irgendjemand, die Zulieferung des Hamburger Goldjung hätte auch nur ein Deut anders geklungen, wenn er wirklich in die Südsee geflogen wäre? Anschauung verdirbt zwar das beste Narrativ, aber wer sagt denn, dass er sich außerhalb von seinem Hotel in London (übrigens mit 2000 Einwohnern der zweitgrößte Ort im Staat Kiribati) mehr als die örtliche Oxford Street angesehen hätte, um sich dann zum Schreiben zurückzuziehen? Mit seiner Entscheidung, gleich in L.A. zu bleiben, sparte Relotius eine Fantastillion Gramm Kohlendioxid, wahrscheinlich sogar mehr. Das sollte man ihm zugutehalten beziehungsweise in die Laudatio des Greta-Thunberg-Preises für vermiedene Recherche einflechten.

Dass es den Daheimgebliebenen unter Narrativgesichtspunkten nur Scherereien bringt, wenn jemand wirklich in Gegenden fliegt, die seit Jahren untergehen und nicht Venedig heißen, zeigt übrigens die Geschichte des Ozeanologen Axel Mörner, der sich einmal an Ort und Stelle auf Fidschi die Meeresspiegel-Messstationen anschauen wollte, deren Werte in den IPCC-Klimabericht einfließen. Wenn man dort ist, wirkt alles etwas anders, diesen Effekt kennt man auch aus dem Vergleich von Katalog und Strandhotel. In diesem Fall allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Am Fidschi-Strand sieht es dann doch weniger schlimm aus als auf dem Papier. Mörners Schlüsselsatz Korallen lügen nicht gäbe jedenfalls einen prima Krimititel ab.

Was uns zum nächsten Titelkandidaten resp. Kandidatin bringt. In der eben verwichenen Woche besuchte ZEIT-Autorin Jana Hensel die Kanzlerin, um ein Interview mit ihr zu führen beziehungsweise das journalistische Genre neu zu definieren. Hensel hatte vor dem Kanzlerinnengespräch schon einen Artikel über Angela Merkel und sie, Jana Hensel geschrieben (beziehungsweise umgekehrt), der Maßstäbe setzte beziehungsweise sprengte:

„Aber dennoch, Merkels spröder Glanz, ihr so unglamouröser Glamour hat auch auf jene abgefärbt, die ihn stets bestritten haben. Wir alle wurden größer darin.

Mein Deutschland-Gefühl, es ist in Wahrheit ein Angela-Merkel-Gefühl. Ich bin in dieses Gefühl eingezogen wie andere in ein Haus. Ich habe darin genauso selbstverständlich gewohnt wie auch das Kind. Es ist uns mit den Jahren wie zu einer zweiten Haut geworden. Ist es nicht das, was wir Heimat nennen? Ist es nicht das, wonach wir immer suchen, wonach wir uns sehnen?“

Der Ton erinnerte ein wenig an die ganz, ganz frühe Luise Rinser, und schon deshalb hätte die ZEIT-Chefredaktion merken müssen, dass es eine sehr, sehr schlechte Idee wäre, ausgerechnet die Autorin dieses Poesiealbenschmuckblattes zur Kanzlerin zu schicken. Sie ging aber doch, um dort das Interview folgendermaßen einzuleiten bzw. zu –läuten:

„Frau Bundeskanzlerin, als Sie verkündet hatten, sich vom CDU-Vorsitz zurückzuziehen, habe ich in der ZEIT einen sehr persönlichen Abschiedstext geschrieben.“

Noch in derselben Textspalte folgt die Frage: „Sind Sie im Amt zur Frau geworden?“

Worauf Merkel, die unter Hensels Fragen bzw. Anwesenheit ein wenig zu leiden scheint, antwortet: „Nein, im Amt sicherlich nicht, ich war ja schon vorher eine Frau.“

Ich war schon vorher eine Frau – auch das hat zweifellos Titelformat. Aber auch: Ich zog in das Merkel-Gefühl ein wie in eine zweite Haut. Ohne Mietpreisbremse.

Sollte jemand in nächster Zukunft den Zustand der deutschen Medien in den späten Zehner Jahren dokumentieren und dabei Papier sparen wollen wie Claas Relotius weiland Flugmeilen: Er (oder sie) bräuchte nur dieses eine Interview abzuheften.

 

 

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Klare Kante · Publico

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