Feb 11, 2019
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Wochenrückblick: Skandal, Skandal im Graubezirk

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In der vergangenen Woche nahm ich an einer Podiumsdiskussion des WDR in Köln am Wallrafplatz teil, es ging um die Frage, wie es mit dem Journalismus n. R., nach Relotius, weitergeht. Auf der Bühne saß die Philosophin Bettina Stangneth, der Journalistik-Dozent Tanjev Schultz und der Redaktionsleiter des Magazins Panorama Georg Restle, auch er eine Art Journalistikdozent, und eben meine Wenigkeit. Every party needs a pooper, that’s why we invited you. Die Diskussion ging hin und her, ein ausgeglichenes Spiel trotz Unterzahl, wie ein Fußballreporter sagen würde. Wer mag, kann das Gespräch im Podcast von WDR5 nachhören. Etwa in der Mitte der Diskussionsstunde erwähnte der alles in allem doch recht faire Moderator Stephan Karkowsky einen Publico-Artikel über eine Monitor-Sendung, in dem es um ein didaktisches Säulendiagramm zur Zahl der Asylanträge in Deutschland ging, das Restle damals an der Studiowand zeigte.

Die Höhe der Säulen, hatte ich damals geschrieben, sei stark verzerrt und die Darstellung manipulativ gewesen. Die Balkengrößen passten einfach nicht zu den Zahlen, sie suggerierten einen viel stärkeren Rückgang der Asylbewerberzahlen, als es die Statistik hergab. Hier kann gern jeder noch einmal nachlesen und vor allem nachrechnen, wie hoch die Balken eigentlich hätten ausfallen müssen: Publico vom 9.7.2018 „Alternative Säulen”.

In Baden-Württemberg gäbe das wahrscheinlich eine schöne Abituraufgabe („ein Kästchen entspricht etwa 70 000 Asylerstanträgen. Konstruiere ein entsprechendes Balkendiagramm“, in Berlin zumindest ähnlich: „ordne folgende Zahlen nach Größe“).

Der Moderator fragte Restle, ob er meine, dass ich damit eine Falschdarstellung über ihn verbreitet hätte. Gut, er hätte auch gleich Restle nach dessen Umgang mit grafischen Darstellungen fragen können. Aber so herum war es sogar noch besser. Georg Restle jedenfalls erklärte, oh ja, ich hätte falsche Behauptungen verbreitet, seine Grafik sei selbstverständlich völlig in Ordnung gewesen. Dann versuchte er, etwas zu widerlegen, was ich allerdings gar nicht geschrieben hatte, worauf ich noch einmal auseinanderfieselte, was tatsächlich in meinem Text stand. Wonach Restle wiederum, nun ja, thematisch abschwenkte.

Am Ende der Diskussion ergab sich etwas Interessantes: Ein Studiogast kam zu uns beiden, und sagte, er verstünde von Mathematik immerhin so viel, wie es Naturwissenschaftler üblicherweise tun, und Restles Balken, die seien wirklich nicht korrekt gewesen.

Der letzte Balken vielleicht, meinte Restle.

Leider nicht nur der, sagte der Mann aus dem Publikum.

Restle: Aber die Zahlen, die über den Balken stünden, seien ja korrekt.

Ohne Zweifel, meinte ich, deshalb sei es ja gerade so manipulativ, eine falsche Grafik zu zeichnen, denn Balkenhöhen prägen sich in ein paar Sekunden bei einem Zuschauer eben besser ein als Ziffern. Es folgte ein wirklich beachtlicher Satz von dem Monitor-Mann: „Dass die Balken falsch waren, hat mich doch am meisten geärgert.“

Ich lasse das einmal so stehen, auch deshalb, weil dieser Satz, auch wenn er nicht während der Sendezeit gefallen war, immerhin seinen Vorwurf einigermaßen neutralisierte, ich hätte eine Falschbehauptung verbreitet. Denn dagegen hätte ich mich, so sehr ich solche Zusatzmühen scheue, förmlich wehren müssen.

Dass Balken in Diagrammen etwas verrutschen, kommt beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen übrigens öfter vor, als der ARD-Faktenchecker denkt resp. checkt. Hauptsache, die Zahlen oben drüber sind korrekt:

Was ich ebenso stehen lassen will, ist Georg Restles Schlusssatz auf der Bühne: „Es gibt kein linkes Magazin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.“

Um den berühmten proletarischen Dichter Gottfried Benn zu zitieren: „Sela, Psalmenende.“

Bei unserer kleinen Kölner Runde handelte es sich nur um eine Fußnote, verglichen mit einem deutlich größeren Medienereignis: Das Onlinemagazin „Tichys Einblick“ hatte einen Text über die SPD-eigene Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG) und ihr Beteiligungsverhältnis an Zeitungen veröffentlicht. In dem Artikel ging es auch um die Art und Weise, wie ein Journalist des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ (Eigentümer: Madsack-Verlag, daran wiederum beteiligt mit 23,1 Prozent die DDVG) sich über andere, nämlich finstere Medien geäußert hatte.

Madsack und der DDVG missfiel der Tichy-Beitrag, Anwälte schickten eine Unterlassungserklärung. Tichy löschte den Artikel, weil er das Budget seines Magazins nicht in Rechtsstreitigkeiten stecken wollte, kündigte die Löschung auf TE auch an, und schrieb die Bemerkung dazu, das Internet vergesse nichts. Als der inkriminierte Artikel bei Tichy verschwand, tauchte er prompt an vielen Stellen in Facebook auf. Er fand dadurch mit Sicherheit mehr Leser, als wenn er unbeanstandet stehengeblieben wäre. Was man unter Fachleuten „Streisand-Effekt“ nennt.

Die Verbindungen, die Tichy in dem Text gezogen habe, seien „Unsinn“, rügte der Medien-Branchendienst „MEEDIA“; Beteiligungsverhältnisse von Parteien und allgemein Eignern an Medien seinen „an vielen Stellen einsehbar“. An so vielen nun doch nicht. Von den verbliebenen Zeitungslesern wissen vermutlich viele nicht, wie viel SPD indirekt in ihrem Blatt steckt. Aber darum allein ging es in dem Tichy-Text gar nicht. Hier soll deshalb noch einmal der Kern des Beitrags herauspräpariert werden. Der Journalist Markus Decker vom Redaktionsnetzwerk Deutschland hatte in der Kölner Rundschau und anderen zum Netzwerk gehörenden Zeitungen den Auftritt Henryk Broders bei der AfD-Bundestagsfraktion genutzt, um einmal ganz gründlich seine Demarkationslinie durch die Medienlandschaft zu ziehen:


„Gleichwohl wird Broder, der auf der einschlägigen ‘Achse des Guten’ veröffentlicht, unter anderem deshalb seit längerem einer rechtspublizistischen Grauzone zugeschlagen. Dort ist er nicht allein.

In eine ähnliche Kategorie fällt der einstige ‘Spiegel’-Autor Matthias Matussek, der vom ‘Spiegel’ zur ‘Welt’ ging und dort entlassen wurde. Dem war ein Tweet vorausgegangen, in dem Matussek einen Terroranschlag in Paris mit den Worten kommentierte: ‘Ich schätze mal, der Terror von Paris wird auch unsere Debatten über offene Grenzen und eine Viertelmillion unregistrierter junger islamischer Männer im Lande in eine ganz neue frische Richtung bewegen.. 🙁 ‘.

In die Kritik geraten ist zuletzt ebenfalls der Blogger und ‘Welt’-Autor ‘Don Alphonso’, der mit bürgerlichem Namen Rainer Meyer heißt. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) wirft ihm vor, regelmäßig andere auszugrenzen, etwa Flüchtlinge. Aktueller Stein des Anstoßes ist, dass Meyer in die Jury des Medienpreises des Deutschen Bundestages berufen wurde.

Als Medien in der Grauzone zum Rechtspopulismus gelten Kritikern schließlich ‘Tichys Einblick’, verantwortet von dem früheren ‘Wirtschaftswoche’-Chefredakteur Roland Tichy, das Magazin ‘Cicero’ und die ‘Neue Züricher Zeitung’. Die ‘Achse des Guten“’und die ‘Junge Freiheit’ haben die Grenze nach allgemeiner Einschätzung überschritten.“


Kurz danach löschten die RND-Zeitungen allerdings Cicero und die NZZ aus der Grau- beziehungsweise Schwarzliste, warum auch immer. Wer schon die Neue Zürcher in eine Übergangszone unmittelbar vor der Finsternis einordnet, der sagt ziemlich viel über sein eigenes Milieu.

Interessanterweise ist Markus Decker auch einer der Referenten bei einer Tagung der Amadeu-Antonio-Stiftung, die am 14. Februar unter dem Titel „Der rechte Rand der DDR-Aufarbeitung“ stattfindet, gefördert von der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung. In dem Ankündigungstext zur Tagung heißt es:

„Der Fall Hubertus Knabe ist in aller Munde. Bei den Debatten um seine Entlassung ist in den Hintergrund getreten, dass er auch eine Scharnierfunktion zu den rechten Rändern der DDR-Aufarbeitung hatte. […] Dass Diskussionsbedarf besteht, scheint offensichtlich. Ein Tribunal ist dagegen nicht intendiert.“

 

So, wie eben auch die NZZ in der Grauzone des Rechtsradikalismus ihre Scharnierfunktion erfüllt.

Ein Journalist in einem Redaktionsnetzwerk, das einem Medienkonzern mit SPD-Beteiligung gehört, vertritt also einmal in mehreren Zeitungen die Ansicht, dass die Grauzone zum rechtsradikalen Rand schon bei NZZ, Cicero und Don Alphonso verläuft, und referiert gleichzeitig bei einer linksextremen Stiftung, die allein im Jahr 2017 fast eine Million Euro an Steuergeldern einsackte, überwiesen größtenteils durch SPD-geführte Ministerien, und deren nicht erklärtes, aber inoffizielles Ziel unter Führung einer einstigen Stasi-Zuträgerin darin besteht, die Sperranlagen gegen Rechts schon quer durch die liberale Mitte zu errichten. Das spricht nicht unbedingt für eine wechselseitige Abhängigkeit, aber für eine gewisse Koinzidenz.

So ungefähr lautet die Botschaft des bei Tichys Einblick verschwundenen, aber an vielen Stellen wiederaufgetauchten Textes.

Eine Pointe besteht darin, dass diejenigen, die als Vertreter eines Mediums und/oder einer Partei die Grenze so ziehen, dass etwa drei Vierteil der Bevölkerung entweder zur Grauzone oder schon zum nicht betretbaren rechten Mordor gehören, dass diese Vertreter dann mit einigermaßen synchron nach unten weisenden Verkaufskurven und Stimmenanteilen zurechtkommen müssen.

Markus Decker schreibt öfters in der „Berliner Zeitung“, einem Blatt, das Anetta Kahane eine Kolumne einräumt und auch sonst sehr für phantasievolle Protestformen wirbt:

Was noch fehlt, aber in dieser Medienlandschaft demnächst auch noch kommt: Drehorgelspielen gegen Auflagenkollaps.

Jodeln schadet auch nichts. Und ein Jodeldiplom empfiehlt sich für die Zeit nach dem aktiven Journalismus.

 

 

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Klare Kante · Publico

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