Jul 8, 2019
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Wochenrückblick: Kleist in Paris, oder: Die Stiftung Medientest erleichtert Ihnen die Wahl

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Spät erscheint auch dieser Rückblick wieder, erst nach der vollständig verrauchten Woche, um ja kein Dementi der einen oder anderen Meldung zu verpassen. Es kamen aber keine, obwohl eigentlich erwartet.


In der vergangenen Woche sprach der Intendant des Saarländischen Rundfunks Thomas Kleist bei der Verleihung des Deutsch-Französischen Journalistenpreises und machte einen Vorschlag, wie die Medienqualität zu verbessern sei. Unsereiner denkt immer, eine Verbesserung sei gar nicht mehr möglich. Bei den Medien, die jemand wie Thomas Kleist üblicherweise im Auge hat, handelt es sich schließlich um Qualitätsmedien, die von diesen Medien ja selbst Qualitätsmedien genannt werden. Der Fingerzeig des Intendanten ging tatsächlich in eine andere Richtung.
„Hasskommentare“, so Kleist in Paris, verbreiten sich wie ein „Lauffeuer” im Netz, alternative Medien wirkten wie “Spaltpilze” in der Gesellschaft.

Auch „neue Internetanbieter“ und die steigende Zahl sogenannter Influencer mache es nicht einfacher, den Wahrheitsgehalt bestimmter Sachverhalte im Netz zu identifizieren. Kleists Lösung sieht folgendermaßen aus: Ein „Gütesiegel“ könne dem Internetkonsumenten „auf Anhieb vor Augen führen, wer es mit wem zu tun hat“. Es könne mit dem TÜV-Kennzeichen auf Elektrogeräten vergleichbar sein. Verlässliche Informationen, auf deren Grundlage Meinungsbildung stattfinde, seien die Basis einer Demokratie. Leider führte er nicht aus, welche Internetschrifttumskammer das Gutzeichen auf Anhieb auf einzelne Beiträge drücken soll. Die Begriffe „Spaltpilz“ und „Spalter“ haben eine gewisse Tradition, gerade in Deutschland. Fachkräfte fürs Gütesiegeln und gegen das Irremachen müssten sich also finden lassen. Annetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung kann Dank ihrer jahrzehntelangen Erfahrungen garantiert sachdienliche Hinweise geben. Die von der Kahane-Stiftung getragene Internetplattform „Bellotower“, die ihrerseits das Gütesiegel problemlos bekäme,
zeigte vor kurzem jedenfalls, wie ein Ungütesiegel aussieht, und zwar für die Jury der Leipziger Jahresausstellung. Die hatte nämlich den Maler Axel Krause zu eben dieser Schau eingeladen, obwohl Krause Sympathien für die AfD geäußert hatte (keine Sorge, Kause ist mittlerweile wieder ausgeladen). Seine Bilder zeigen unpolitische Szenerien.

Aber, so der Kahane-Wachturm, Werk und Künstler dürfe man heute – auch und gerade heute! – nicht mehr trennen:

„Glücklicherweise“, so Belltower, „bilden sich im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen eindrucksvolle Vernetzungsinitiativen von Zivilgesellschaft und Kunstschaffenden, die der Normalisierung der AfD und damit der Verrohung des politischen Diskurses entgegentreten wollen – auch und gerade in Leipzig. Das alles kann auch dem Verein Leipziger Jahresausstellung nicht verborgen geblieben sein. In Bezug auf die Einladung Krauses führt der Verein seine Satzung, eine demokratische Wahl der eingeladenen Künstler*innen und die Trennung von Werk und Autor als Argumente ins Feld. Letzteres ist 2019 eine wohl eher theoretische und bestenfalls antiquierte Figur, […] Das Mantra des Vereins nur ein Werk zu zeigen und nicht die Gesinnung des Künstlers, scheint vor diesem Hintergrund nicht zum Selbstschutz geeignet.“

So ähnlich, nur eben positiv und natürlich verdichtet in einem wohlgestalteten virtuellen Stempel stellen wir uns das Gütesiegel vor. „Grüner Punkt“ als Name ist ja schon vergeben, aber es gibt ja noch eine breite Vielfalt für schöpferische Ideen von Kulturschaffenden. „#WirsindmehrPilz“, irgendwas mit der Silhouette von Frank-Walter Steinmeier – für Kreativität gibt es keine Obergrenze.

Publico sagt ja zum Gütesiegel, von mir aus auch zum Ungütestempel. Mit ihm fiele dem Leser die Orientierung noch leichter als sowieso schon.

Einen Text, der jedes Gütesiegel gleich welchen Namens verdient, verschickte die Oper Leipzig in der vorigen Woche. Die Leipziger Handelshochschule beabsichtigt, Angela Merkel aus irgendeinem Grund die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Zum Festakt in der Oper soll es eine musikalische Umrahmung geben. Um diese Tatsache wiederum medial zu umrahmen, führte die Presseabteilung der Oper gleich selbst ein Interview mit ihrem Opernintendanten Ulf Schirmer, und verschickte es an Journalisten.

„Ich empfinde es als Ehre, der Graduierung der Absolventen sowie dem Festakt zur Verleihung der Ehrendoktorwürde an die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel durch die Handelshochschule einen feierlichen Rahmen zu geben“, sagte Schirmer vermutlich zu seiner Pressesprecherin.


„Dr. Angela Merkel stellt eine Figur von welthistorischer Bedeutung dar und es freut mich ganz besonders, diesen außergewöhnlichen Anlass hier in ihrer Studienstadt Leipzig gemeinsam mit dem Gewandhausorchester musikalisch gestalten zu können.

Welche Gedanken liegen der Planung des musikalischen Programms für solch einen Festakt zu Grunde?

Prof. Ulf Schirmer: […] Für einen Festakt wie diesen wählt man Musik mit einem heiteren und offenen Charakter. Außerdem fragt man natürlich, wofür steht das Orchester und das Haus musikalisch und welche Musik entspricht Frau Dr. Angela Merkel?

Für welche Werke haben Sie sich entschieden?

Prof. Ulf Schirmer: Was wir wissen ist, dass die Bundeskanzlerin ein gern gesehener Gast der Bayreuther Festspiele ist und die Werke von Richard Wagner gerne hört und sieht. Die Oper Leipzig ist zudem bekannt für ihre intensive Auseinandersetzung mit den Werken Wagners, das Vorspiel zur Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ war also schnell gesetzt.
[…]
Was macht Musik mit einem Festakt wie der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Dr. Angela Merkel?

Prof. Ulf Schirmer: Das kann ich Ihnen sagen: Sie bedeutet Erhebung! Musik feiert, würdigt und segnet die Anwesenden und den Akt als solchen.“


An der Formulierung: „Was macht das mit uns“, liebe Leser, erkennen Sie seit mindestens fünf Jahren einen Qualitätsartikel (Praxisbeispiel: „was macht bento mit uns?“). „Was macht Musik mit einem Festakt“ resp. mit dem Akt als solchen – so stellen wir uns die schöpferische Weiterentwicklung der Sprache vor, die nötig ist, um auch das nächste Qualitätssiegel einzuheimsen.

Apropos „Verleihung der Doktorwürde“: Diese Formulierung suggeriert fälschlicherweise, sie müsste irgendwann wieder zurückgegeben werden. Muss sie nicht, jedenfalls, wenn sie nichts mit Ehre zu tun hat. Familienministerin Franziska Giffey besitzt ihren Doktortitel immer noch, trotz der 238 Plagiatsstellen, Blindzitate, Falschzuschreibungen und anderer Mängel in ihrer Promotion. Es können auch 2380 sein, jedenfalls nach amerikanischer Zitierweise der Texte von VroniPlag.

In einem Tagesspiegel-Interview sagte Giffey zwar in der vergangenen Woche: „Wenn du schnell laufen willst, geh’ alleine. Wenn du weit kommen willst, geh’ gemeinsam“, und jeder sogenannte durchschnittliche unbefangene Leser hätte gedacht, sie mache sich jetzt auf, gemeinsam mit Ursula von der Leyen zu gehen, die eine nach Brüssel, die andere an die SPD-Spitze, jedenfalls raus aus dem Kabinett von Dr. Merkel, der Frau von welthistorischer Bedeutung.

Tatsächliche meinte Giffey mit dem konfuzianischen Zitat nur irgendwas zur SPD. Die Prüfung ihrer Promotion, so die Ministerin so ziemlich am Ende ihres Interviews, laufe. Bis dahin werde sie natürlich als Ministerin Dr. Giffey weitermachen.
Das heißt, die Prüfung läuft, um genau zu sein, schon ziemlich lange. Giffeys Plagiatsaffäre begann im April, die Überprüfung der Promotion im Mai 2019. Im Fall des Freiherrn zu Guttenberg gab es die ersten Hinweise auf Plagiate in seiner Doktorarbeit am 12. Februar 2011. Am 1. März trat er zurück. Seinen akademischen Grad hatte er vorher schon abgelegt.

Auf diesem kleinen Unterschied nicht übermäßig herumgeritten zu sein ist übrigens ein weiteres Verdienst der verlässlichen Informationsmedien, die sich der Löschung von Lauffeuern verschrieben haben.
Es gibt ja nicht ohne Grund auch ein Qualitätssiegel der Verschwiegenheit. Was würde das mit uns machen, wenn wir uns darauf nicht mehr verlassen könnten?
ZDF, Arte, Deutschlandradio, die Saarbrücker Zeitung sowie France Télévisions und Radio France.

Es ist die nächste Eskalationsstufe in einem Kampf, bei dem beide Seiten der jeweils anderen die Verletzung von Gesetzen vorwerfen. Es ist ein Kampf, der weit in die abendländische Geschichte und bis zu Antigone zurückreicht, jener Heldin der gleichnamigen Tragödie von Sophokles, die sich über den Befehl des Herrschers von Theben hinwegsetzt und ihren auf dem Schlachtfeld vor den Mauern der Stadt gefallenen Bruder bestattet. Sophokles’ „Antigone” liefert die Folie, auf der sich auch das Drama um Carola Rackete abspielt. Und wer glaubt, dass es sich dabei nur um eine altphilologische Petitesse handelt, verkennt die große Bedeutung, die Antigones Fall für die europäische Rechtsgeschichte spielt.

Vor dem Europäischen Gerichtshof dürfte sie Recht bekommen. Bis dahin jedoch ist sie eine tragische Figur, die tat, was getan werden musste und sich geopfert hat.

 

 

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Klare Kante · Publico

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