Mrz 18, 2019
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Wochenrückblick: Geburtstagsgastprüfungspflicht, Greta-Thunberg-Märsche – was bürgerliche Eliten künftig beachten müssen

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Die Geburtstagsfeier von Matthias Matussek in Hamburg am vorvergangenen Samstag zeitigte zahlreiche und durchweg positive Folgen.  Erstens verhalf sie dem ehemaligen ARD-Moderator Reinhold Beckmann zu seinem Durchbruch als Protestsänger.


Bekanntlich hatte Beckmann nach der Geburtstagsfeier und vor allem nach einer Verfahrenseinleitung durch den ZDF-Beauftragten für unbundesdeutsches Verhalten Jan Böhmermann mitgeteilt, seine Anwesenheit auf Matusseks Geburtstagsfeier habe nur zum Vortrag eines Protestsongs gegen das Geburtstagskind und dessen rechte Gäste gedient, und zwar einer Nachdichtung von Bob Dylans* „Things Have Changed“. Trotzdem blieb bisher verborgen, dass Beckmann noch an einem zweiten Liedvortrag beteiligt war, nämlich „Kalinka“, angestimmt von der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen.

Damit – und das ist das nächste positive Resultat der kleinen Festivität in Hamburg – stehen die nächsten Schlagzeilen von taz wie Bento schon fest: „Beckmann sang bei rechter Party mehr als bisher bekannt“. Mehr als bisher bekannt funktioniert dort als Überschrift immer. Eine taz-Sachbearbeiterin hatte sich übrigens per Twitter bei den Chefredaktionen von SPIEGEL, ZEIT und ARD gemeldet, und von dort Stellungnahmen gewünscht, wie man künftig mit den Kollegen umzugehen gedenke, die auf der Geburtstagsparty operativ festgestellt worden waren.

Apropos mehr als bisher bekannt: In der vergangenen Woche konnte der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft ehemaliger SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel mit seiner Kritik an der Gästeliste von Matusseks Wohnungsparty das vorläufige Jahreshoch seiner (also Gabriels) Medienpräsenz erreichen. Ein schöner Erfolg, obwohl man sich fragt, warum sich der Vizekanzler und Außenminister a. D. neuerdings darum kümmert, was bürgerliche Eliten treiben.

Zu weiteren staatsbürgerlichen Pflichten und ihrer Auslegung äußerte sich in der vergangenen Woche auch der zu befürchtende Bundesaußenminister Anton Hofreiter im Deutschlandfunk:


Heinemann: Herr Hofreiter, was bedeutet Schulpflicht?

Hofreiter: Ich glaube, dass das eine klassische Debatte ist, um abzulenken, um diese jungen Menschen klein zu machen, um ihr Anliegen nicht ernst zu nehmen. Es ist viel davon die Rede, dass 2050, was uns, die wir schon etwas älter sind, weit entfernt scheint, wir klimaneutral sein müssen. Wenn die Bundesregierung so weitermacht, sind wir davon ganz unendlich weit entfernt. Aber ein Großteil der Menschen, die jetzt protestieren, der jungen Menschen, sind dann jünger, als ich es bin. Wir sind dabei, deren Zukunft zu zerstören. Das haben die begriffen, und das ist ein Riesenproblem.

Heinemann: Herr Hofreiter, wieso können Sie diese ganz einfache Frage nicht beantworten? Was bedeutet Schulpflicht?

Hofreiter: Ich könnte Ihnen diese Frage beantworten. Aber es geht diesen jungen Menschen nicht um die Schulpflicht, sondern es geht diesen jungen Menschen um die Problematik, dass wir, wir, die wir in Verantwortung stehen, und die Bundesregierung, ihnen ihre Zukunft wegnehmen. Und ich bin mir sicher, dass diese jungen Menschen gemeinsam mit ihren Eltern und mit den Schulleitern eine gute Regelung dafür finden werden.

Heinemann: Sie können die Frage offenbar nicht beantworten. Wie sollen Schulen reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler freitags demonstrieren?

Hofreiter: Ich finde das wunderbar, dass diese jungen Menschen über die Klimakrise sprechen wollen, sie allerdings erkennbar auch keine Lust haben, über diese Klimakrise zu sprechen, auch keine Lust haben, über die Zukunft dieser jungen Menschen zu sprechen, sondern diese Infantilisierungsmuster mitmachen. Ich finde das hoch problematisch. Ich finde diese Art der Debatte hoch problematisch, weil nämlich das andeutet, man nimmt diese Menschen nicht ernst.

Heinemann: Wieso können sich Lehrerinnen und Lehrer, die die Schulordnung aufrecht erhalten wollen, nicht auf die Grünen verlassen?

Hofreiter: Wie gesagt, Sie machen es jetzt zum vierten Mal. Den jungen Menschen geht es um die Klimakrise. Ihnen geht es nicht um die Klimakrise. […] Die Lehrerinnen und Lehrer – und davon habe ich viele erlebt – haben die Position, und das ist eine ganz individuelle Position, wie die Lehrerinnen und Lehrer damit umgehen. Jetzt bin ich persönlich der Meinung, dass das bis jetzt in den meisten Bundesländern, nicht in allen Bundesländern, absolut vernünftig gelöst worden ist in den Schulen.

Heinemann: Herr Hofreiter, Sie haben jetzt auch diese Frage nicht beantwortet. Wie sollen Lehrerinnen und Lehrer denn reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler heute unentschuldigt fehlen? Ich drücke es noch mal etwas einfacher aus.

Hofreiter: Wie gesagt, wir werden da nicht zusammenkommen. Nämlich ich möchte über die Klimakrise sprechen. Sie möchten diese jungen Menschen darauf reduzieren, ob sie in die Schule gehen oder nicht.

Heinemann: Herr Hofreiter, entschuldigen Sie bitte! Ich hatte Sie nach Lehrerinnen und Lehrern gefragt. Wie sollen die reagieren, wenn Schülerinnen und Schüler heute oder an Fridays for Future nicht zum Unterricht erscheinen?

Hofreiter: Lehrerinnen und Lehrer sollen schlichtweg vernünftig mit ihren Schülerinnen und Schülern darüber reden, was sie unternehmen können, damit die jetzt herrschenden Menschen nicht ihre Zukunft zerstören.

Heinemann: Wieso kann man nicht samstags für die Zukunft demonstrieren?

Hofreiter: Das haben die Schülerinnen und Schüler selbstbewusst so entschieden, dass sie am Freitag auf die Straße gehen. […] Heinemann: Was würde sich denn ändern, wenn Samstags fürs Klima demonstriert würde?

Hofreiter: Wahrscheinlich wäre die Aufmerksamkeit etwas geringer, wenn samstags für das Klima diskutiert werden würde.

Heinemann: Warum?

Hofreiter: Weil nämlich die Aufmerksamkeit unter anderem auch deshalb so groß ist, weil die Schüler während ihrer Schulzeit gehen und sagen, wenn ihr so weitermacht, macht es wenig Sinn, dass ich in die Schule gehe, weil nämlich die nächsten 20, 30 Jahre die Ökosysteme in so große Probleme kommen, dass meine Zukunft kaputt geht.[…]

Heinemann: Herr Hofreiter, sollten Jugendliche nur dann die Schule besuchen, wenn sie gerade nichts Besseres zu tun haben?

Hofreiter: Das ist, wie gesagt, auch diese klassische Argumentation, an der man erkennen kann, dass man die Jugendlichen nicht ernst nimmt. Nämlich die streiken für etwas, wo es um was Existenzielles geht, nämlich deren Chance, überhaupt ein vernünftiges Leben zu haben.

Heinemann: Würden Sie das denn auch für andere Zwecke genehmigen? Das heißt, wenn jetzt Jugendliche sagen würden, wir wollen gegen Zuwanderung oder gegen die Europäische Union auf die Straße gehen?

Hofreiter: Ich habe das nicht genehmigt.“


 

Könnten bez. müssten sich taz, SPIEGEL Online und Jan Böhmermann nicht auch einmal den Elternelementen widmen, die ihren Kindern die Teilnahme an Greta-Thunberg-Märschen verbieten? Und zwar unter Nennung von Namen und der Veröffentlichung von Fotos?
Bürgerliche Eliten, die auf nicht genehmigten Altbauwohnungsfesten herumhängen und glauben, sie könnten sich mit rechten Hinzen und Kunzen das Büfett teilen, glauben ja auch, es gäbe nicht nur so etwas wie eine allgemeine Steuerpflicht Schulpflicht in Deutschland, sondern auch die Pflicht von Mitgliedern eines Verfassungsorgans, nicht zum Gesetzesbruch aufzurufen.

Der allgemeine Schulzwang besteht in Deutschland übrigens seit gut 300 Jahren, er stammt also aus vorgrünen und strukturell ganz und gar undiskutierbaren Zeiten, weshalb es erstaunlich ist, dass er formal in einem echt progressiven Land wie der Bundesrepublik noch gilt.
Am 28. September 1717 verfügte der damalige preußische König Friedrich Wilhelm I. den obligatorischen Schulbesuch seiner Landeskinder mit einer Begründung, mit der er Kinder noch viel schlimmer infantilisierte als der oben angeführte Radioredakteur mit seinen Fragen:
 
„Wir vernehmen missfällig, dass die Eltern absonderlich auf dem Lande in Schickung ihrer Kinder zur Schule sich sehr säumig erzeigen und dadurch die arme Jugend in große Unwissenheit, sowohl was das Lesen, Schreiben und Rechnen betrifft, als auch in denen zu ihrem Heil und Seligkeit dienenden höchstnotwendigen Stücken aufwachsen lassen.“

Dass die Grünen im März 2019 zur Abschaffung dieses uralten Puderzopfs schreiten, ist ein ungeschriebenes, aber demnächst in gendergerechter Sprache beziehungsweise mit Emoticons zu schreibendes Ruhmesblatt.

Das alles klingt im ersten Moment sehr verwirrend. Aber mit folgenden Merksätzen lernen auch Sie Ihre neuen staatsbürgerlichen Aufgaben:

1. Werden Sie zu einer Geburtstagsfeier eingeladen, dann prüfen Sie vorher die Gästeliste, und sehen Sie nach, ob schon Dossiers zu einzelnen Personen existieren. Besprechen Sie ihre Teilnahme mit Ihrem Arbeitgeber, dem Hausfriedenskomitee und anderen zuständigen Organen.

2. Informieren Sie sich bei Ihren führenden Politikern darüber, welche Landes-  und Bundesgesetze und Verfassungsartikel aktuell gerade beziehungsweise erst recht gelten, und welche gar nicht mehr gehen.

3.
Vermeiden Sie antiklimahetzerische Aussagen wie: „Ich habe Kinder im schulpflichtigen Alter“, egal, ob auf Geburtstagspartys oder bei anderen Gelegenheiten. Beachten Sie, dass in der Bundesrepublik neuen Typs (BRnT) keine Trennung zwischen öffentlichen und Privatangelegenheiten mehr existiert, und alles, was Sie äußern, Thema einer ganzen Böhmermann-Sendung werden kann.

4.
Diese Festlegung ist, anders als die Schulpflicht, nicht verhandelbar.

5.
Achten Sie darauf, welche Demonstration Anton Hofreiter aktuell genehmigt.

Spätestens dann, wenn die Grünen einen vorsorgenden und widrigenfalls zur Stilllegung verpflichtenden IQ-Obergrenzwert von 110 einführen, verstehen sich diese und andere Bürgerverhaltensregeln praktisch von selbst.
Ansonsten: begraben Sie ihr Gehirn an der Biegung des Flusses, an der demnächst die deutsch-französische Flugzeugträgerin „Charlotte Roche“ vorbeischippert, die sich Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel in der vergangenen Woche wünschten.

 


* Auf einer Pressekonferenz wurde Bob Dylan 1968 über Protestsänger gefragt:
“Later, someone at a press conference asks him how many other protest singers exist. It’s as if the man is asking Sen. Joe McCarthy for the number of Communists in the State Department. Dylan ponders it, then replies, ‘About 136.’
‘You say about 136 — or exactly 136?’ the reporter asks.
‘Either 136 or 142.’”

 

 

 

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