Mai 6, 2019
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WIlly Brandt im Kreuzfeuer der Stasi: Willy Brandt und das Ende einer Kanzlerschaft

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© Bundespresseamt

Ausgerechnet die DDR, mit deren Führung er unter Preisgabe seiner früheren kritischen Positionen eine Verständigung gesucht hatte, war für das vorzeitige Ende seiner Kanzlerschaft verantwortlich. Wie konnte ein DDR-Spion ins Machtzentrum der Bundesrepublik gelangen? Eine Spurensuche in den Stasi-Akten.

Er war der ständige Begleiter des Bundeskanzlers: Wenn die Fraktion oder der Parteivorstand der SPD zusammenkamen, dann saß auch Günter Guillaume fast immer mit am Tisch. Er organisierte Willy Brandts Wahlkampfreisen, begleitete ihn in den Urlaub und folgte ihm beständig mit einer Tasche wichtiger Akten. Selbst im privaten Domizil des Bundeskanzlers ging er ein und aus. Vor 45 Jahren, am 24. April 1974, wurde der Mann, der als des Kanzlers Schatten galt, unter dem Vorwurf der Spionage für die DDR verhaftet.

Es war der spektakulärste Spionagefall in der Geschichte der Bundesrepublik. Ungeachtet aller Sicherheitsvorkehrungen war ein Agent des DDR-Staatssicherheitsdienstes bis an die Spitze der westdeutschen Regierung vorgedrungen. Dabei hatte er nicht nur Kenntnis von den wichtigsten politischen Vorgängen im Kanzleramt und in der SPD-Spitze bekommen. Auch die persönlichen Schwächen des Regierungschefs hatte er aus unmittelbarer Nähe kennengelernt. Günter Guillaume wusste, dass Brandt zuweilen Zuflucht im Alkohol oder bei attraktiven Journalistinnen gesucht hatte. Zwei Tage, nachdem SPD-Fraktionschef Herbert Wehner den Kanzler darauf aufmerksam gemacht hatte, dass der DDR-Spion vor Gericht „pikante Details“ auftischen könnte, erklärte Brandt seinen Rücktritt.

Im Dezember 1975 wurde Guillaume wegen Landesverrats in einem besonders schweren Fall zu 13 Jahren Haft verurteilt. Trotzdem rankten sich auch danach zahlreiche Spekulationen um seinen Fall und die Umstände seiner Enttarnung. Willy Brandt zum Beispiel vermutete, dass Wehner von der Platzierung des Agenten gewusst hatte. Dieser kannte SED-Chef Erich Honecker noch aus gemeinsamen Einsätzen für die KPD in den 1930-er Jahren und pflegte seit 1973 einen vertraulichen Kontakt zu ihm. Und er hielt Brandt als Kanzler für zu lasch, so dass er ihn durch Helmut Schmidt ersetzen wollte. Der Leiter der DDR-Spionage, Markus Wolf, behauptete hingegen in seinen Erinnerungen die Enttarnung seines Agenten sei gar nicht die Ursache von Brandts Rücktritt gewesen. Vielmehr hätten Bonner Intrigen zu seinem Sturz geführt.

Umso größer waren die Hoffnungen, dass die Akten des DDR-Staatssicherheitsdienstes mehr Klarheit bringen würden. Wie war es möglich gewesen, dass mit Günter Guillaume ein kleiner SPD-Funktionär, der nur über einen Acht-Klassen-Abschluss verfügte, so weit nach oben kommen konnte? Welche Informationen hatte er aus dem Bundeskanzleramt der Stasi übermittelt und welche Rolle spielte dabei Brandts Privatleben? Hatte Guillaume auch politisch zugunsten der DDR Einfluss genommen? Und warum hatte ihn Ost-Berlin, als er bemerkte, dass ihn die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik observierten, nicht rechtzeitig in die DDR zurückgezogen?

Agentenakte vernichtet

Viele dieser Fragen sind bis heute nicht endgültig zu beantworten. Denn wer die Hinterlassenschaften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nach dem Stasi-Informanten Guillaume durchforstet, wird bald feststellen, dass aus seiner Agentenakte nicht ein einziges Dokument überlebt hat. Der mehrbändige Vorgang wurde im Zuge der Selbstauflösung der Spionage-Hauptverwaltung A (HVA) 1990 vernichtet oder beiseitegeschafft – so wie die meisten Akten der Westagenten der Stasi.

Selbst in der zentralen Personenkartei der Stasi, in der Millionen Deutsche aus Ost und West verzeichnet wurden, existiert kein Eintrag zu Günter Guillaume. Aufgefunden im Stasi-Archiv wurde lediglich eine Karte, die Guillaumes Rentenansprüche als hauptamtlicher MfS-Offizier dokumentierte. Auch nach der Wiedervereinigung sicherte ihm diese seinen Lebensunterhalt – bis zu seinem Tod am 10. April 1995.

Wenn man Guillaumes Agentenkarriere nachzeichnen will, muss man deshalb auf verschiedene Quellen zurückgreifen. So ist einer propagandistischen DDR-Broschüre über das „Leben und Wirken des Kommunisten und Tschekisten Paul Laufer“ zu entnehmen, dass es dieser gewesen sei, der Guillaume und seine Frau Christel 1955 für den Staatssicherheitsdienst angeworben hätte. Die Darstellung klingt halbwegs plausibel, denn Laufer war schon in der Weimarer Republik von der KPD zur Unterwanderung der SPD eingesetzt worden und leitete Mitte der 1950-er Jahre jene Stasi-Spionageabteilung, die für die Bearbeitung von SPD und DGB verantwortlich war.

Der Staatssicherheitsdienst und Guillaume behaupteten später, dass Laufer für den damals 28-jährigen politisches Vorbild und Vaterfigur zugleich gewesen sei. Im Westen wurde dagegen darüber spekuliert, dass Guillaume aufgrund seiner Mitgliedschaft in der NSDAP zur Zusammenarbeit erpresst worden sei. Da in der DDR – wie man unter anderem im „Braunbuch DDR“ nachlesen kann – eine große Zahl hoher Funktionäre früher der NSDAP angehört hatten, ist wahrscheinlicher, dass Guillaume dem Spionageapparat aus Abenteuerlust und politischer Überzeugung beigetreten war.
Guillaume arbeitete damals als technischer Redakteur und Fotograf für den Ostberliner Verlag „Volk und Wissen“. Daneben führte er seit 1954 erste verdeckte Einsätze in der Bundesrepublik aus. Bei westlichen Nachrichtendiensten gingen zu dieser Zeit mehrere Berichte ostdeutscher Quellen ein, denen zufolge Guillaume „in auffälligem Maße im Interesse des DDR-Systems aktiv“ sei und immer häufiger nach Westdeutschland geschickt würde. Im Oktober 1955 sei er schließlich ganz für die Westarbeit freigestellt worden. Dass diese Berichte nicht dazu führten, Guillaume den Zugang ins Kanzleramt zu verwehren, war Ausdruck einer politischen Naivität gegenüber der DDR, die sich im Zuge der Entspannungspolitik in der Bundesrepublik rasant ausbreitete.

Nach seiner Verhaftung gab Guillaume an, hauptamtlicher Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes im Range eines Hauptmanns gewesen zu sein. Er hätte den Status eines „Offizier im besonderen Einsatzes“ (OibE) bekleidet. Der Bundesanwaltschaft zufolge war er seit September 1955 Hauptamtlicher Inoffizieller Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes gewesen. Guillaume war also nicht nur gelegentlicher Informant der Stasi, sondern ein bezahlter DDR-Agent.

Die Datenbanken der HVA

Näheren Aufschluss über Guillaumes Rolle beim MfS geben verschiedene Datenbanken der Stasi, die in den 1990-er Jahren entschlüsselt wurden. Eigentlich sollten diese nach einem Beschluss des Zentralen Runden Tisches vom Februar 1990 vernichtet werden. Doch mehrere Datenträger überlebten die Zerstörungsaktion – und wurden Jahre später von dem bis heute kaum gewürdigten Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, Stephan Konopatzki, wieder lesbar gemacht.

Ein Blick in diese Daten zeigt, dass Guillaume keineswegs der systematisch aufgebaute Spitzenspion war, als der er später dargestellt wurde. Seine Anwerbung glich eher einem Routinevorgang. Guillaume, der Spionagechef Markus Wolf zufolge den Decknamen „Hansen“ trug, wurde danach im September 1954 als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der HVA registriert. Seine Frau Christel (Deckname „Heinze“) kam erst im Oktober 1958 als Agentin hinzu, als sich das Ehepaar bereits seit zwei Jahren in der Bundesrepublik befand.

Beide Vorgänge wurden von einem unbedeutenden HVA-Mann namens Erich Boldt geführt. Dieser bildete sogenannte Übersiedlungskandidaten aus und nahm ansonsten eher technische Aufgaben wahr. Laufer spielte nur insoweit eine Rolle, als er dessen Vorgesetzter war. Im späteren Verlauf von Guillaumes Agentenkarriere war der Stasi-Offizier Walter Weichert für ihn zuständig, der es nach dessen Verhaftung noch bis zum stellvertretenden Leiter des Referates für die Ausforschung der SPD brachte.

Als DDR-Flüchtling in Frankfurt

Immerhin wurde Guillaumes Übersiedlung in die Bundesrepublik im Mai 1956 genau vorbereitet. Die Stasi unterzog ihn zunächst einer mehrmonatigen nachrichtendienstlichen Ausbildung. Anschließend meldete seine Schwiegermutter, eine Holländerin, ihren Wohnsitz in Frankfurt am Main an. Auf diese Weise konnte das Ehepaar in den Westen „flüchten“, ohne dass es sich den geheimdienstlichen Befragungen im Notaufnahmelager unterziehen musste. Das MfS gab ihnen zudem eine „Starthilfe“ in Höhe von 10.000 DM mit.

Mit dem Geld übernahm Guillaume in der Frankfurter Innenstadt einen kleinen Kaffee- und Tabakladen. Seine Frau suchte sich eine Stellung als Sekretärin. Gesteuert wurde er – wie die meisten DDR-Spione – mittels chiffrierter Funksprüche, die das MfS über Kurzwelle nach Westdeutschland sendete. Der Verfassungsschutz fing zwischen Juni 1956 und Januar 1959 knapp 100 solcher Funksprüche auf. Aus ihnen ging aber nur hervor, dass das MfS einem unbekannten Agentenpaar in der Bundesrepublik Aufträge zur Nachrichtenbeschaffung aus der SPD erteilte. Erst Jahre später konnten sie Guillaume zugeordnet werden.

Über Funk erhielt Guillaume beispielsweise den Auftrag, den Prozess gegen Otto John zu beobachten. John war der erste Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz gewesen. 1954 tauchte er überraschend in der DDR auf und wirkte dort an mehreren propagandistischen Pressekonferenzen mit. Ein Jahr später kehrte er zurück und erklärte, er sei entführt worden. Da ihm dies damals niemand abnahm, wurde John 1956 der Prozess gemacht. 1957 erhielt das Ehepaar Guillaume dann den Auftrag, in die SPD einzutreten und sich dort als „rechte“ Sozialdemokraten zu profilieren. Auf diese Weise sollten sie in die Lage versetzt werden, für die Stasi Quellen zu erschließen und zu führen.

Guillaumes Aufstieg in der SPD ließ jedoch noch längere Zeit auf sich warten. Erst 1962 fing er an, für die Parteizeitung des Bezirks Hessen-Süd „Der Sozialdemokrat“ als Fotograf und Journalist zu arbeiten. Ein Jahr später war er bereits so stark in die Arbeit des Blattes involviert, dass er das Kaffeegeschäft nicht mehr zur Tarnung brauchte. 1964 wurde er leitender Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks Frankfurt, 1968 Stadtverordneter und Geschäftsführer der Rathausfraktion sowie Wahlkreisbeauftragter des Bundestagsabgeordneten Georg Leber.

Der ehemalige Vorsitzende des SPD-Unterbezirks, Emil Bernt, berichtete später, dass seine Parteigliederung durch Guillaume in den 1960-er Jahren regelrecht unterwandert worden sei. So sei er selbst durch eine Serie diskreditierender Presseartikel aus dem Weg geräumt worden, die wahrscheinlich vom Staatssicherheitsdienst veranlasst worden seien. Da Guillaumes Stasi-Akte weg ist, wird wohl niemals mehr zu klären sein, ob das MfS seinem Agenten auf diese Weise den Weg geebnet hat.

Guillaumes Ehefrau

Für die Stasi interessanter war in dieser Zeit Guillaumes Ehefrau Christel. Seit 1959 arbeitete sie im Parteibüro des SPD-Bezirks Hessen-Süd als Sekretärin. Dabei unterstützte sie auch den Bundestagsabgeordneten Wilhelm Birkelbach. Als Birkelbach 1964 die Leitung der hessischen Staatskanzlei übernahm, machte er sie dort zu seiner zweiten Vorzimmerdame.
Auf diese Weise erhielt Christel Guillaume erstmals Zugang zu geheimen Dokumenten. Ihr Mann Günter fotografierte sie zuhause ab und ließ die Aufnahmen der Stasi zukommen. Als ihr später der Prozess gemacht wurde, spielte deshalb auch die Frage eine Rolle, ob sie geheime Berichte der NATO in die Hände bekommen hätte, die damals über Birkelbachs Schreibtisch gelaufen waren. Konkret ging es um die Militärmanöver „Fallex 64“ und „Fallex 66“.

Diese Frage lässt sich heute mit einem klaren „Ja“ beantworten. So ging laut Datenbank der HVA 1965 beim MfS ein siebenseitiger Bericht über die Auswertung der Übung „Fallex 64“ ein. Zwei Jahre später folgte ein 41 Seiten starkes Dokument über die Ergebnisse der Übung „Fallex 66“. Auch ein 1962 registrierter Bericht über die SPD-Bezirksparteitage Hessen-Süd und eine 82-seitige Personencharakteristik über Wilhelm Birkelbach aus dem Jahr 1970 dürften von Christel Guillaume stammen.

Aufstieg in der SPD

Günter Guillaume selbst lieferte damals noch keine relevanten Informationen. Er war das, was die Stasi einen „Residenten“ nannte. Von Frankfurt betreute er nicht nur seine Frau, sondern noch zwei weitere Quellen aus der SPD. Er schilderte sie später als die hochrangigen Politiker „Fritz“ und „Max“, die dem MfS „brisante Informationen“ geliefert hätten. Meist hätte er nach den Zusammenkünften mit ihnen noch in der Nacht einen Bericht angefertigt. Anschließend hätte er diesen als Mikrofilm in einer leeren Zigarrenhülse über seinen Instrukteur „Heinz“ nach Ostberlin weitergeleitet.

Als geübter Fotograf, der unter anderem über eine Kleinbildkamera der Marke „Minox“ verfügte, konnte Guillaume ohne Probleme Dokumente ablichten. Er war auch in der Lage, sogenannte Mikrate herzustellen, das heißt extrem verkleinerte Ablichtungen, die man zum Beispiel unter eine Briefmarke kleben konnte. Darüber hinaus benutzte er Deckadressen und Tote Briefkästen. Zum „Auftanken“, so Guillaume in seinen Erinnerungen, sei er oftmals nach Berlin gefahren, wo er sich im Ostteil der Stadt mit Laufer getroffen hätte.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft traf sich Guillaume in dieser Zeit auch mindestens zweimal mit Spionagechef Wolf. Ende 1964 habe dieser ihn dabei instruiert, Kontakte zu SPD-Politikern zu knüpfen, die bei einem Regierungswechsel in Bonn von Bedeutung werden könnten. Agenten an die Fersen eines erfolgversprechenden Politikers zu heften, damit dieser im Fall seines Aufstiegs den Spion mit nach oben befördert, gehörte tatsächlich zu den erfolgreich praktizierten Methoden der HVA.

Nachlesen kann man dies in einer „Forschungsarbeit“ der Stasi, die Markus Wolf in Auftrag gegebenen hatte – genau zu der Zeit, als Günter Guillaume Karriere machte. Am Beispiel des Bundeskanzleramtes wird in der 1974 fertiggestellten Gemeinschaftsdissertation beschrieben, wie das Verfahren funktioniert. Führungskräfte, so heißt es darin, „die eindeutig aus Gründen der Parteipolitik berufen und eingesetzt werden, nehmen im Prinzip auch die erforderlichen Hilfskräfte (wie Sekretärin, Schreibkräfte, Referenten, Kraftfahrer) aus ihrer früheren Umgebung mit. Auf diese Weise können aus der Basis der gesamten HVA Möglichkeiten der Einschleusung entstehen, die auf keinen Fall verpasst werden dürfen.“

Vermittlung ins Kanzleramt

Guillaumes Aufstieg ins Bundeskanzleramt erfolgte genau nach diesem Muster. Im Spätsommer 1969 hatte er erfolgreich den Wahlkampf für den damaligen Bundesverkehrsminister der SPD, Georg Leber, organisiert. Noch im Prozess gegen den Kanzleramtsspion äußerte sich dieser geradezu enthusiastisch über seinen ehemaligen Wahlkampfhelfer: „Herr Guillaume steckte in keinem zeitraubenden Privatberuf, konnte sich seiner Aufgabe voll widmen. Er war arbeitswillig, hilfsbereit, immer da, wenn er gefordert war, sehr reaktionsfähig, kein praxisferner Mann, ein guter Organisator.“ Als Guillaume nach der für die SPD erfolgreichen Bundestagswahl im Oktober den Wunsch äußerte, nach Bonn zu gehen, stieß er bei Leber sofort auf offene Ohren.

Der Spitzenpolitiker der SPD konnte damals nicht wissen, dass Guillaume auch über ihn berichtet hatte. In der Datenbank der HVA ist unter anderem ein neunseitiger Bericht über Leber und dessen Einschätzung einiger innerparteilicher Fragen vom Juli 1969 verzeichnet. Als Willy Brandt im Oktober 1969 mit den Stimmen von SPD und FDP zum Bundeskanzler gewählt worden war, fragte Leber den neuen Leiter der Abteilung Wirtschaft im Kanzleramt, Herbert Ehrenberg, ob man nicht Verwendung für den verdienten Parteifunktionär Guillaume hätte. Dieser erhielt daraufhin eine Stelle als Hilfsreferent im Bundeskanzleramt. Seine Frau konnte etwas später in die hes¬sische Landesvertretung nach Bonn wechseln.

Guillaumes Einstellung im Kanzleramt kam gegen den Willen des Personalrates zustande, der seine mangelhafte Qualifikation monierte und eine Parteibuch-Gefälligkeit witterte. Vor allem aber erfolgte sie trotz erheblicher Sicherheitsbedenken. Bei der obligatorischen Überprüfung war der Verfassungsschutz nämlich auf die eingangs erwähnten Berichte aus den fünfziger Jahren gestoßen. Die neuen Herren im Kanzleramt hielten sie jedoch für unbegründete Verdächtigungen aus der Zeit des Kalten Krieges und schenkten ihnen keine Beachtung.

Vor allem Horst Ehmke, der Chef des Kanzleramts, spielte dabei eine fatale Rolle. Er nahm zwar eine Befragung Guillaumes vor, doch offenbarte er dabei auch, dass der einstige Informant des Bundesnachrichtendienstes inzwischen verstorben sei. Auch Leber zeigte sich von den Hinweisen unbeeindruckt. Angesprochen auf die Sicherheitsbedenken verwendete er sich erneut für seinen Schützling. Nachdem auch der Verfassungsschutz keine Einwände gegen Guillaumes Ermächtigung zum Umgang mit Verschlusssachen erhob, wurde der DDR-Spion rückwirkend zum 1. Januar 1970 im Kanzleramt eingestellt.

Der Agent saß nun in der Höhle des Löwen und machte sich schnell durch rastlose Zuarbeit beliebt. Schon bald wurde er deshalb befördert. Offiziell war er zuständig für die Verbindungen zu Gewerkschaften und Angestelltenverbänden. Doch schnell erwarb er sich den Ruf eines Faktotums, der sich um alles kümmerte und auch vor Nachtarbeit nicht zurückscheute.

Mit seinem kumpelhaften Verhalten gelang es Guillaume, im Bundeskanzleramt zahlreiche Kontakte zu knüpfen. Bald wurde er Vorsitzender der Gewerkschaftsgruppe. Auch den weiblichen Beschäftigten trat er äußerst charmant gegenüber. Unter ihnen war auch die Sekretärin Egon Bahrs, mit der er – in der Zeit der Verhandlungen über den Grundlagenvertrag mit der DDR – kurzzeitig ein Verhältnis gehabt haben soll. Da sich sein Arbeitszimmer direkt über den Diensträumen des Kanzlers befand, wurde zudem darüber spekuliert, er könne Brandt abgehört haben.

Als Referent des Kanzlers

Durch seinen beruflichen Aufstieg nahmen Guillaumes nachrichtendienstliche Möglichkeiten rasant zu. Wolf zufolge trug er dazu bei, dass die DDR im Vorfeld der deutsch-deutschen Gespräche zwischen Brandt und dem DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph ein nahezu vollständiges Bild der Vorstellungen der Bundesregierung besaß. Guillaume wiederum berichtete, er habe den Bundeskanzler überredet, bei seinem Besuch 1970 in Erfurt auch das Konzentrationslager Buchenwald zu besuchen. Die DDR konnte sich dabei öffentlichkeitswirksam als antifaschistischer Staat in Szene setzen – und überrumpelte Brandt damit, dass Soldaten der Nationalen Volksarmee, entgegen den Verabredungen, feierlich die Kränze trugen.

Einblicke in vertrauliche Regierungsunterlagen erhielt Guillaume zum ersten Mal, als er beim SPD-Parteitag 1970 in Saarbrücken das Verbindungsbüro zum Kanzleramt leitete. Bald darauf wurde er auch für den Umgang mit Papieren ermächtigt, die als „streng geheim“ deklariert waren. Den eigentlichen Durchbruch erreichte Guillaume jedoch im Sommer 1972, als er gebeten wurde, einen der drei Referenten im Büro des Bundeskanzlers zu vertreten. Jetzt war er in unmittelbarer Nähe des Bundeskanzlers, verantwortlich für die Verbindungen zur SPD und zur Bundestagsfraktion.
Und der Agent nutzte seine Chance. Willy Brandt gegenüber machte er nicht nur durch Fleiß und organisatorisches Geschick auf sich aufmerksam. Mindestens ebenso beliebt machte er sich durch die Art, wie er sich um das persönliche Wohlergehen des Kanzlers kümmerte. Er holte ihm frische Croissants zum Frühstück und wählte auf Reisen sogar seine Garderobe aus. Auch wenn Brandt mit einem Sonderzug durch die Bundesrepublik fuhr, war Guillaume sein ständiger nützlicher Begleiter.

Unentbehrlich machte sich Guillaume vor allem im Wahlkampf 1972. Er bereitete nicht nur die Auftritte und Veranstaltungen des Kanzlers präzise vor. Er trug auch beflissen den Koffer mit den Regierungsakten, die Brandt unterwegs bearbeiten musste. Auf diese Weise gelangten beispielsweise zwei Fernschreiben Egon Bahrs aus der Schlussphase der Verhandlungen mit der DDR über den Grundlagenvertrag in seine Hände.

Und Guillaume sorgte dafür, dass sich Brandt am späten Abend von den anstrengenden Wahlkampfeinsätzen erholen konnte. Nach seiner Verhaftung kursierten Gerüchte, er habe dem Regierungschef Damen aus der Bahnhofsgegend „zugeführt“ und Liebesnächte im Salonwagen auf Tonband aufgezeichnet. Belege dafür gibt es nicht. HVA-Chef Wolf erklärte später vielmehr, dass sich der Staatssicherheitsdienst nicht um die Frauengeschichten Brandts gekümmert habe. Allerdings hatte ein Einflussagent von KGB und HVA bereits 1961 in der Bundesrepublik ein Buch mit Liebesbriefen Brandts an eine Bonner Journalistin veröffentlicht, um den damals noch von der DDR bekämpften SPD-Politiker zu diskreditieren.

Nach dem Wahlerfolg der SPD, der Brandt zu einer zweiten Amtsperiode als Kanzler verhalf, wurde Guillaume im November 1972 zu einem der drei persönlichen Referenten des Bundeskanzlers ernannt. Jetzt war er ständig in der Nähe des Kanzlers, nahm an den wichtigsten Besprechungen teil und hatte immer die notwendigen Unterlagen zur Hand. Bei den Sitzungen der Abteilungsleiter im Kanzleramt war er ebenso dabei wie bei denen in der Parteizentrale.

Allerdings lief der Hauptstrom der Regierungsakten nicht über Guillaumes Schreibtisch, sondern über den von Brandts Büroleiter. Von seinem Vorgänger hatte Guillaume aber zwei brisante Ordner übernommen, die Geheimberichte des Verfassungsschutzes über die kommunistische Unterwanderung der SPD enthielten. Auch seine Frau entwickelte neuen Ehrgeiz und bewarb sich als Sekretärin Georgs Lebers, der nach der Bundestagswahl zum Verteidigungsminister aufgestiegen war.

Wie Guillaume später berichtete, traf er in dieser Zeit in Bonn und Umgebung regelmäßig mit dem DDR-Agentenpaar „Arno“ und „Nora“ zusammen. Diese fungierten als Kuriere, deren wahre Identität bis heute nicht bekannt ist. Bei den Treffs in Gaststätten, Hotels oder Autos habe er ihnen allerdings kaum Papiere oder Fotonegative übergeben, sondern zumeist mündlich über politische Trends, SPD-interne Machtkämpfe und die Atmosphäre in der Umgebung des Kanzlers informiert.

Seine „Sternstunde“, so Guillaume weiter, sei im Juni 1973 gekommen, als er aufgefordert wurde, Brandt in dessen Urlaub nach Norwegen zu begleiten. In dieser Zeit ging der gesamte Schriftverkehr des Regierungschefs durch seine Hände. Die zum Teil als „geheim“ oder „streng geheim“ klassifizierten Fernschreiben – darunter ein vertrauliches Schreiben des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon – habe er damals heimlich in ein Hotel in Schweden geschafft, wo sie von einem Mitarbeiter des MfS abfotografiert worden seien.

Informationen von geringem Wert

Ob dies stimmt, ist allerdings fraglich. Die Auswertung der entschlüsselten Datenbanken zeigt, dass Guillaumes Bedeutung für den Staatssicherheitsdienst offenbar geringer war, als es seine Stellung vermuten ließ. Insgesamt gingen unter dem Decknamen “Hansen“ zwischen Juli 1969 und April 1974 bei der Auswertungsabteilung nur 24 Berichte und Dokumente ein, also gerade einmal fünf pro Jahr. Die Zahl der von der HVA weitergegebenen Informationen, die auf seine Berichte zurückgingen, lag mit 21 sogar noch niedriger.

Die Hälfte der registrierten Informationen betrafen SPD-Parteiinterna wie beispielsweise die Zusammenfassung und die Vorlagen einer Sitzung des Parteipräsidiums im Januar 1973. Auch der Entwurf einer Rede Willy Brandts vor dem SPD-Parteitag in Hannover vom April 1973 ist verzeichnet. Eine Sitzung des SPD-Parteivorstandes im Februar 1973 und die Situation in der Parteizentrale im Februar 1971 waren ebenfalls Gegenstand der Berichterstattung. Viele Berichte waren sogar noch unbedeutender. Ein knappes Viertel widmete sich Gewerkschaftsfragen, zum Beispiel den Differenzen zwischen dem Deutschen Gewerkschaftsbund und der amerikanischen Gewerkschaft AFLCIO in Vorbereitung einer Reise Brandts in die USA im Juni 1971.

Nur ein gutes Viertel von Guillaumes Berichten befasste sich mit der Regierungspolitik im engeren Sinne. Eine im März 1970 registrierte Information über die „Vorbereitungen der möglichen Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und der DDR“ dürfte dabei von besonderem Interesse gewesen sein. Von den brisanten Papieren aus Norwegen wie dem Brief Nixons ist hingegen nichts in der Datenbank zu lesen. Der geringe Wert der Quelle „Hansen“ zeigt sich auch darin, dass von neunzehn benoteten Informationen vierzehn mit „3“ („mittlerer Wert“) bewertet wurden. Nur fünf erhielten die Note „2“ („wertvoll“) und keine einzige die Note „1“ („sehr wertvoll“) – für einen Top-Spion ein sehr bescheidenes Ergebnis.

Dass die hochkarätigen Informationen aus dem Kanzleramt aus Gründen der Konspiration nicht in der Datenbank verzeichnet wurden, ist wenig wahrscheinlich. Denn die HVA registrierte dort durchaus Informationen, die leicht zur Enttarnung Guillaumes hätten führen können – auch und gerade in der Zeit, als er in unmittelbarer Nähe des Kanzlers war. Spionagechef Wolf meinte nach dem Zusammenbruch der DDR, Guillaume hätte gar nicht den Auftrag gehabt, laufend Informationen zu schicken, sondern sollte sich vor allem der Ostpolitik widmen. Ab Januar 1973 seien die Verbindungen fast auf Null reduziert worden und ab Sommer hätte das Ehepaar wegen der Observationsmaßnahmen seine Tätigkeit gänzlich eingestellt.

Von den Einträgen in der Datenbank wird diese Darstellung nicht bestätigt. Danach hat Guillaume noch zwei Wochen vor seiner Verhaftung seinen letzten Bericht abgefasst. Thema waren die Beratungen der SPD-Spitzengremien am 30. und 31. März 1974 in Münstereifel. Auch Guillaume selbst erklärte nach seiner Rückkehr in die DDR, in dieser Zeit seinen Instrukteur getroffen und eben darüber berichtet zu haben.

Wahrscheinlicher ist deshalb eine andere Erklärung. Der Eintritt des Agenten in das Bundeskanzleramt kam für die HVA unerwartet und sogar ungelegen, weil er dort extrem gefährdet war. Nicht einmal seinen auffälligen französischen Namen hatte er bei der Übersiedlung aus der DDR abgelegt, so dass er ausgesprochen leicht wiedererkannt werden konnte. Auch Wolf hatte nach eigenen Angaben damit „nie gerechnet“, dass Guillaume trotz der strengen Sicherheitsüberprüfungen den Weg ins Kanzleramt finden würde.

Der Kontakt zu dem Agenten wurde deshalb offenbar auf das Notwendigste beschränkt, so dass nur wenige, eher zufällige Informationen nach Ostberlin gelangten. Für diese Interpretation spricht auch, dass die Zahl der von Guillaume beschafften Informationen im Gegensatz zu Wolfs Behauptungen ab 1973 plötzlich ansteigt. Damals hatte die HVA, auch wegen des Verhaltens der westdeutschen Sicherheitsorgane, den Eindruck gewonnen, der Agent sei doch sicherer als anfangs angenommen.

Ein schwerwiegender Verdacht

Genau in dieser Zeit fiel jedoch erstmals ein massiver Verdacht auf Guillaume. Durch Zufall fand der Verfassungsschutz heraus, dass der persönliche Referent des Bundeskanzlers vermutlich jener jahrelang gesuchte MfS-Agent in der SPD war, der in den fünfziger Jahren per Funk instruiert worden war. Wichtigstes Indiz: Die damals übermittelten Geburtstagsglückwünsche waren jeweils an Tagen gesendet worden, als Günter und Christel Guillaume Geburtstag hatten.

Verfassungsschutzpräsident Günther Nollau nahm dies im Mai 1973 zum Anlass, Innenminister Hans-Dietrich Genscher zu informieren, dass im Kanzleramt möglicherweise ein DDR-Spion beschäftigt wäre. Da das Beweismaterial nach Meinung der Behörden aber nicht ausreichte, ließ man Guillaume zunächst unbehelligt und ordnete lediglich seine Beschattung bei besonderen Anlässen an. Zudem informierte man Willy Brandt, der den Verdacht jedoch für ausgesprochen unwahrscheinlich hielt.

Das Vorgehen der Sicherheitsbehörden wurde später heftig kritisiert. Statt Brandt von der potentiellen Gefahr zu befreien – und sei es durch eine Beförderung Guillaumes –, ließ man den mutmaßlichen Agenten noch fast ein weiteres Jahr an dessen Seite weiterarbeiten. De facto benutzte man den Bundeskanzler sogar als Lockvogel zur Aufklärung eines Spionagefalls. Auch er selbst betätigte sich als Hobby-Detektiv. Wie einer seiner Mitarbeiter später berichtete, ließ er abends manchmal die Akten auf seinem Schreibtisch in einer bestimmten Ordnung zurück, um festzustellen, ob sich in seiner Abwesenheit jemand daran zu schaffen gemacht hätte.

In dieser Zeit hatte Guillaume weiterhin Zugang zu allen Sitzungen und Dokumenten, im Sommer 1973 sogar zur gesamten Kanzlerkorrespondenz. Zusätzliche Beweise gegen ihn wurden dadurch nicht gewonnen. Allerdings bemerkte der Spion nach einiger Zeit, daß er observiert wurde, so dass er sich leicht in die DDR hätte absetzen können. Guillaume nutzte jedoch nicht die mehrfach sich bietenden Fluchtchancen.

Die Verhaftung

Überführt wurde der Agent nur durch einen gravierenden Verstoß gegen die Verhaltensregeln, die der Staatssicherheitsdienst für den Fall einer Verhaftung gelehrt hatte. Als Sicherheitsbeamte am 24. April 1974 um 6.32 Uhr mit einem Haftbefehl des Generalbundesanwaltes in Guillaumes Wohnung drängten, hatte er ihnen, nur mit einem Bademantel bekleidet, zugerufen: „Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier! Respektieren Sie das!“

Guillaume bezeichnete seine spontane Reaktion später als „Eselei“ und versuchte sie mit allerlei Rationalisierungen zu erklären. Noch aus dem Gefängnis heraus entschuldigte er sich bei Wolf und der SED für sein „Fehlverhalten“. Letztlich hatte er sich selbst ins Gefängnis gebracht, denn außer einigen Filmrollen für das schnelle Ablichten von Dokumenten hatte die Hausdurchsuchung keinerlei Beweise gegen ihn zutage gebracht.

Guillaumes spätere Erklärung, er habe durch den Ausruf seine Instrukteure warnen wollen, klingt wenig überzeugend, da er auch noch in den ersten Tagen der Haft geständig blieb. Gegenüber dem Ermittlungsrichter gab er damals zu, Offizier des Staatssicherheitsdienstes zu sein. Bei den polizeilichen Vernehmungen offenbarte er weitere Einzelheiten seiner Agententätigkeit, deren Protokollierung er aus Angst vor Nachteilen in der DDR jedoch vermeiden wollte. Erst als ihn seine „Zentrale“ zum Stillschweigen verdonnerte, verweigerte er jede Aussage.

Was Guillaume zu seinem Geständnis veranlasste, ist bis heute unklar. Hoffte er, daß Willy Brandt – in seinem eigenen Interesse – eine rasche und diskrete Lösung der Affäre ermöglichen würde? Oder wollte er, nach den Jahren des Versteckspielens, endlich zu seiner Tätigkeit stehen? Der Preis für die Heldenpose war jedenfalls hoch: 20 Monate Untersuchungshaft, 42 stumm zu ertragende Prozeßtage und fast sechs Jahre Strafvollzug.

Wenig Nutzen, viel Schaden

Politisch stellte die Enttarnung des Kanzleramtsspions für die DDR ein Fiasko dar. Aber auch nachrichtendienstlich standen Nutzen und Schaden in einem krassen Missverhältnis: Erst lieferte der Agent, der mehr als 1000 Stunden in Brandts unmittelbarer Nähe zubrachte und in einer „Traumposition“ saß, aus Sicherheitsgründen kaum handfeste Informationen. Dann wurde der Spion von der Bundesrepublik enttarnt und musste Jahre seines Lebens in Haft verbringen, da die empörte Bundesregierung den üblichen Agentenaustausch lange Zeit ablehnte. Schließlich führte der Fall zu einer massiven Belastung der deutsch-deutschen Beziehungen und was noch schlimmer wog – zum Rücktritt eines von der DDR gestützten Bundeskanzlers.

Wie Ermittlungen der Bundesanwaltschaft nach dem Ende der DDR zutage förderten, war es nämlich der Staatssicherheitsdienst gewesen, der Willy Brandt zwei Jahre zuvor im Amtgehalten hatte. Als die sozialliberale Koalition durch Überläufer aus den eigenen Reihen ihre Mehrheit im Bundestag verloren hatte, hatte Spionagechef Wolf dem CDU-Abgeordneten Julius Steiner beim konstruktiven Misstrauensvotum im April 1972 50 000 DM zahlen lassen, damit er für Brandt und gegen den Kandidaten seiner eigenen Fraktion stimmte. Auch die zweite Brandt-Stimme aus dem Lager der Opposition wurde danach vom MfS durch eine Geldzahlung beschafft.

Verantwortlich für den verpatzten Spionageeinsatz war Markus Wolf, der dadurch intern sichtlich in Bedrängnis geriet. Doch zu seiner Verantwortung für den Sturz Willy Brandts hat er sich weder damals noch später bekannt. In seinen Erinnerungen warf er sich lediglich vor, dass er bei der Überprüfung Guillaumes den frühen Funksprüchen des MfS keine Beachtung geschenkt hätte. Schuld an Brandts Rücktritt wären allein die bundesdeutsche Sicherheitsorgane sowie innerparteiliche Gegner wie Herbert Wehner und Helmut Schmidt gewesen, von denen Willy Brandt „mit Missgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden“ wäre.

1974 hatte Wolf als HVA-Chef bereits ähnlich argumentiert, wenngleich in anderer Terminologie. In einem Papier mit dem Titel „Zur Entwicklung der Krise der SPD/FDP-Koalition in der BRD und zum Verfall der Autorität Brandts“ hieß es in typisch marxistischer Manier: „Die Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus hat in allen westeuropäischen Ländern und in den wichtigsten überseeischen imperialistischen Ländern zu einer Verstärkung der politischen Instabilität geführt, die sich auch auf die BRD ausgedehnt hat. Der Rücktritt Brandts als Bundeskanzler ist Ausdruck dieser Entwicklung“.

Im Anschluss an diese Feststellung folgten langatmige Ausführungen über unterschiedliche Klasseninteressen und den sich verstärkenden Widerstand der Monopole, über die labiler gewordene ökonomische Situation und den offenen Ausbruch der Energiekrise. Schließlich wurde diagnostiziert: „Die Verhaftung des persönlichen Referenten Brandts wurde von den reaktionären und entspannungsfeindlichen Kräften zum Anlass für eine weitere Steigerung der planmäßig geführten Kampagne gegen die Person Brandt genommen“. Namentlich wurden sodann zahlreiche Schuldige für den Rücktritt Brandts genannt – nur einer fehlte in der Liste: Markus Wolf, der Guillaume so lange an seiner Seite hatte wirken lassen. Erleichtert hielt der Spionagechef damals in seinem Tagebuch fest, dass seine „Argumentation“ von Erich Honecker im Politbüro verwandt und „ohne großes Palaver“ Reaktionen festgelegt worden seien.

Nachträgliche Verklärung

Um so mehr Mühen verwandte die HVA später darauf, den Fall Guillaume doch noch als Meisterstück darzustellen. Auch der Spion klammerte sich an die Lebenslüge, dass die Jahre in der Haft nicht umsonst gewesen wären, und zeigte weder Reue noch Selbstkritik. Als der Agent im Oktober 1981 aus dem Gefängnis entlassen wurde und in die DDR zurückkehrte, wurde er – inzwischen mit Vollbart – den versammelten Mitarbeitern auf einer Dienstversammlung des Staatssicherheitdienstes als leuchtendes Vorbild vorgeführt. Nach „fünfundzwanzigjährigem Einsatz im Operationsgebiet“, so Erich Mielke in einer feierlichen Ansprache, sei der Name Guillaume in der DDR „Sinnbild für klassenbewußtes, standhaftes Verhalten und humanistisches und patriotisches Verhalten“.
Als neues Domizil erhielt Guillaume eine Villa am See zur Verfügung gestellt. Erich Honecker verlieh ihm den Karl-Marx-Orden, die höchste Auszeichnung der DDR. Einige Jahre später, als in den deutsch-deutschen Beziehungen längst wieder business as usual herrschte, machte sich die Stasi daran, die Legende vom Meisterspion in einem Buch auszubreiten. Unter der Ägide der Desinformationsabteilung der HVA porträtierte der Schriftsteller Günter Karau Guillaume als selbstlosen „Kundschafter des Friedens“ , der unerschütterlich für die Ideale des Sozialismus gekämpft habe und den großen kommunistischen Spionen wie Richard Sorge oder Klaus Fuchs ebenbürtig sei. 1998 erschien sein Buch im Militärverlag der DDR und 1990 – in einer bereinigten Fassung – auch in der Bundesrepublik.

Doch Guillaume hatte weder einen drohenden Angriffskrieg vorhergesagt noch die Atombombe beschafft und auch keinen Beitrag zur Sicherung des Friedens geleistet. Im Gegenteil: Er hatte durch seine Tun den einzigen mit einem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Bundeskanzler aus dem Amt befördert. Mit sprachlichen Verrenkungen versuchte das Buch, den offenkundigen Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zuzudecken: „Indem ich meiner Mission treu blieb, auch noch in der dunkelsten Stunde,“ so wurde Guillaume zum Beispiel in den Mund gelegt, „war es einfach unmöglich, zum Verräter an seinem [Brandts] Anspruch zu werden. Auch Willy Brandt begann wohl bald zu dämmern, wer die eigentlichen Verräter waren.“

Persönliche Tragödie

In Wahrheit litt Guillaume vermutlich doch darunter, daß Brandt, für den er so viel getan hatte und den er aufrichtig bewundert hatte, ausgerechnet durch ihn zu Fall gebracht worden war. Auch privat brach die im Prozess zur Schau gestellte Rolle des verschworenen Agentenpaares bald zusammen. Schon kurz nach der Rückkehr in die DDR wurde die Ehe der Guillaumes geschieden, und der vom Vater heiß geliebte Sohn schlug sich auf die Seite seiner Mutter. Später stellte dieser sogar einen Ausreiseantrag aus der DDR rechnete in einem Buch mit seinem Vater ab. Auch der Ex-Agent, der die westliche Lebensart so genossen hatte, mußte bald feststellen, daß die Wirklichkeit in der DDR mit seinen Idealvorstellungen wenig gemein hatte. Als sie 1990 unterging, weinte er ihr keine Träne nach.

In den 1990-er Jahren bekam die Legende vom Meisterspion weitere Risse. Guillaume erklärte, dass seine frühere Darstellung, er habe noch kurz vor seiner Verhaftung in Südfrankreich einen hohen HVA-Mann getroffen, der ihm die Rückkehr in die DDR angeboten hätte, eine Erfindung gewesen sei. Er und Wolf machten sich nun gegenseitig dafür verantwortlich, dass die Stasi ihn nicht rechtzeitig in die DDR zurückgezogen hatte. Der ehemalige Spionagechef bezeichnete den Fall 1997 schließlich als seine „größte Niederlage“ und als „politisches Eigentor“ der DDR.

Vielleicht gehört daher auch die Geschichte vom Meistercoup bei Brandts Urlaub in Norwegen zur Legendenbildung. Während Guillaume in seinem Buch noch behauptete, daß sich seine „Zentrale“ aufgrund der Bedeutung der Dokumente geweigert hätte, ihm ein paar der damaligen „Fundstücke“ aus dem Archiv zur Verfügung zu stellen, präsentierte Wolf in seinen Erinnerungen eine neue Version: Die Unterlagen seien gar nicht in Ostberlin angekommen, weil die Kurierin „Anita“ sie nach einer Observation in den Rhein geworfen habe. Was immer die wirkliche Ursache gewesen sein mag, Guillaumes „Sternstunde“ hatte jedenfalls niemandem irgendeinen Nutzen gebracht.

Das Heldenepos, das in Wahrheit eher einer Tragödie glich, wurde von den Verantwortlichen der SED bis zum bitteren Ende gespielt. Als der ehemalige Kanzleramtsspion am 10. April 1995 verstarb, glich seine Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn fast einem Staatsbegräbnis – mit dem Unterschied, dass die Trauergäste ihre hohen Ämter in der DDR durch die Friedliche Revolution allesamt verloren hatten. Auch Wolf, der niemals strafrechtlich dafür zur Verantwortung gezogen wurde, dass er Guillaume und Tausende andere in das Spionagegeschäft des Staatssicherheitsdienstes verstrickt hatte, ließ es sich nicht nehmen, an seinem Grab zu erscheinen. Ein spärlicher Blumenstrauß war das letzte, was er dem Kanzleramtsspion mit auf den Weg zu geben hatte.

Quelle: Hubertus Knabe

von Hubertus Knabe

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