Aug 15, 2019
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Wie eine Gender-Theoretikerin dazu kommt, die Burka zu loben

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Für Judith Butler sind Frauen, die die Burka ablegen wollen, „zwangsverwestlicht“ (Quelle: janet_ro2000/CC BY-NC-SA 2.0)

„Als der Deutsche Bundestag im Mai eine Resolution verabschiedete, in der er die Aktivitäten des antisemitischen Bündnisses Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) scharf verurteilte, meldete sich Judith Butler kurz darauf per Videobotschaft zu Wort. Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin, die öfters als BDS-Fürsprecherin auftritt, kritisierte die Resolution als einen Angriff auf die freie politische Meinungsäußerung und als eine Verschiebung des politischen Diskurses nach rechts. Sie stelle einen Versuch dar, Kritik an Israel zu kriminalisieren.

Butlers Engagement gegen den jüdischen Staat ist keineswegs neu oder überraschend. Schon 2006 lobte die Professorin während einer Podiumsdiskussion in Berkeley die antisemitischen Terrororganisationen Hamas und Hizbullah als ‚soziale‘ und ‚progressive‘ Bewegungen und Teil einer ‚globalen Linken‘. Dass es sich dabei nicht um ein bloßes Missverständnis handelte, wie Butler später zu beschwichtigen versuchte, sondern dass ihre Parteinahme für antiwestliche und antiliberale Kräfte ihrem politischen Denken entspricht, lässt sich leicht entlang ihrer publizierten Schriften belegen. (…)

Durch die radikale Ablehnung liberaler und linker Freiheitsvorstellungen samt deren Kernbegriffen Universalismus, Subjektivität und Individuum nähert sich Butler den Positionen islamistischer Ideologen an. Das tut sie, indem sie eine Neudefinition von Freiheit fordert, die nicht mehr auf Subjektivität, sexueller und künstlerischer Ausdrucksfreiheit beruht, sondern vom Begriff der Handlungsfähigkeit (agency) ausgeht: Agency ‚erlaubt diverse Praktiken als Ausdruck von Freiheit vorzustellen, die nicht unbedingt dem Individuum entspringen oder irgendeiner innerlichen Vorstellung von Selbstbestimmung‘. Eine solche Praktik ist für Butler beispielsweise die ‚Freiheit, eine Burka zu tragen‘. (…)

Der Begriff der Handlungsfähigkeit gerät der westlichen Akademikerin zum Instrument, die muslimische Frau des Orients als prinzipiell geschichtslos zu betrachten. Der Anspruch der von Butler vertretenen postkolonialen Theorie, den liberalen wie marxistischen Universalismus als ‚ethnozentristisch‘ zu entlarven und selbst durch ‚Perspektivenwechsel‘ kulturgerecht zu forschen, mündet hier in einen neuen Essenzialismus. Die muslimische Frau wird zum Passepartout in den Händen einer mit Kultur-Stereotypen hantierenden Pseudo-Theorie.

Ohne ein Wort über konkrete Lebensumstände zu verlieren, entscheidet Butler, dass die Burka dem nichtwestlichen Wesen der Afghaninnen entspricht, und behauptet über die Verhüllung: ‚Sie symbolisiert, dass eine Frau bescheiden ist und dass sie ihrer Familie verbunden ist‘ und ergo schützenswert. Radikaler könnte der Bruch mit dem feministischen Anspruch nach weiblicher Subjektivität einerseits und mit dem wissenschaftlichen Anspruch nach Aufklärung und Vernunft andererseits kaum vollzogen werden. (…)

Patriarchale und homosexuellenfeindliche Kräfte, schreibt sie, hätten lediglich ein anderes Konzept von Modernität, daher bedürfe es nicht etwa der Kritik, sondern eines neuen Verständnisses von Zeit. Dass diese andere ‚Modernität‘ Frauen und Homosexuelle bestenfalls an den Anfang ihrer Emanzipationsbewegungen zurückversetzen will und existentieller Gewalt preisgibt, wird nicht einmal mehr als Widerspruch thematisiert. Butlers Ziel ist es, eine Gemeinschaft des ‚kollektiven Widerstands‘ zu bilden, in der man Reaktionären ihre Ablehnung von Homosexualität und das patriarchale Frauenbild nachsieht. (…)

Die eigene Theorielosigkeit wird von Butler in theoretisch anmutende Begriffe und Konzepte gekleidet, die dann fallengelassen werden, wenn sie antiliberalen Zielen widersprechen. Afghaninnen etwa, die nach dem Einmarsch der Vereinigten Staaten 2001 das Ablegen ihrer Burka feierten, nennt Butler verächtlich ‚Kriegsbeute‘ der amerikanischen Armee. Westliche Feministinnen, die diese Entwicklung begrüßten, betrieben ein ‚Kolonialprojekt‘. Nichtwestliche Frauen, die die Burka als Gewalt gegen sich wahrnähmen, seien entweder bereits ‚zwangsverwestlicht‘, entfremdet oder eine bloße Phantasmagorie kriegstreibender Medien. Butler behält sich offensichtlich selbst die Entscheidung vor, wann einer Person Handlungsfähigkeit zuzusprechen ist und wann nicht.“ (Marco Ebert: „Leidensgesänge einer Schmerzensfrau“)


[Anmerkung der Redaktion: Sie können sich diesen Artikel vorlesen lassen, indem Sie auf das „Play“-Symbol über dem Text klicken. Das ist ein Pilotprojekt, die Software befindet sich in der Testphase. Wir freuen uns über Ihr Feedback an info@mena-watch.com.]

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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