Apr 18, 2019
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Wie das jüdische Viertel in Mossul die IS-Herrschaft überstehen konnte

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„Als die Stadt [Mossul] 2017 von der Terrororganisation ‚Islamischer Staat‘ (IS) befreit worden war, lag der Großteil von West-Mossul in Trümmern. Nicht aber das jüdische Viertel. Zwar müssen die Menschen auch hier ihre Häuser instandsetzen. Doch sie stehen überwiegend noch und brauchen hauptsächlich Reparaturen und einen neuen Farbanstrich, um die Spuren von drei Jahren Besatzung auszulöschen. Die meisten Einwohner waren geflohen, als die Kämpfe zwischen dem IS und der irakischen Armee und ihren Verbündeten ihr Viertel erreichten. Nun kehren sie in ihre Häuser im Mahallat al-Jahud, im jüdischen Viertel, zurück. (…)

‚Daesh zerstört alte Dinge‘, sagt [Imad Fetah] mit trauriger Stimme und benutzt dabei die arabische Bezeichnung für die Terrormiliz. Dabei ging es dem IS nicht nur um diese Nachbarschaft. Alles, was nicht zu ihrer äußerst rigiden Auslegung des Islam passte, musste weg: Statuen von Dichtern und Schriftstellern, religiöse Stätten der Sufi, Bibliotheken mit einzigartigen Buchsammlungen. Die Islamisten hätten nur Dinge toleriert, für die sie einen Nutzen gehabt hätten, sagt Imad Fetah. ‚Wie die Tunnel in unserem Viertel, die die Juden gegraben hatten.‘ Die Tunnel wurden vor vielen Jahrzehnten gebaut, um den Bewohnern im Falle einer Gefahr als Fluchtweg zu dienen. Bis der IS kam, wurden sie vermutlich das letzte Mal 1948 genutzt, als nach der Gründung des Staates Israel anti-jüdische Unruhen ausbrachen. (…)

Doch warum hat die Umgebung wie durch ein kleines Wunder die IS-Besatzung relativ unbeschadet überstanden? Faisal Jeber vom Gilgamesh Center schreibt das dem verlassenen Zustand der Häuser zu. Er vermutet, die meisten IS-Kämpfer in Mossul hätten die hebräischen Schrifttafeln nicht erkannt, weil sie Analphabeten gewesen seien. Die Anwohner dagegen betonen, dass der IS sie aus dem Stadtteil vertreiben wollte, eben weil es jüdischen Ursprungs ist und dadurch als haram – verboten – angesehen wurde. Dass sich die Menschen weigerten – so verängstigt sie auch gewesen sein mögen –, ihre Häuser zu verlassen und sie brennen zu sehen, ist nach ihrer Meinung der Hauptgrund dafür, dass das Viertel gerettet wurde.

Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass das jüdische Viertel im Vergleich zum Rest von West-Mossul die Bombardierung während der Befreiungsschlacht verhältnismäßig gut überstanden hat, wahrscheinlich dank US-amerikanischer Truppen. In dem Wissen um den Wert des jüdischen Erbes in Mossul hatten sie den Bereich in ihren Karten markiert.“ (Judith Neurink: „Spurensuche im Irak: Warum das jüdische Viertel in Mossul vom IS verschont wurde“)

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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