Nov 13, 2018
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Wer das Räderwerk der Welt in Betrieb hält : Analyse der Mächtigen

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Daniel Levins Buch ist leicht zu lesen und schwer zu verdauen. Der das schreibt, ist nicht irgendjemand: Daniel Levin kennt Afrika und den Nahen Osten wie wenige, hält sich aber aus dem Blick der Öffentlichkeit fern, weil das seinem Ansinnen schaden könnte – in schwierigen Konfliktzonen von Angola bis Jemen die junge Elite zu finden und sie auszubilden helfen. Hinter den Kulissen arbeite man wirksamer. Nun aber doch: auf langen Flügen, in Hotelzimmern schrieb er über seine Erfahrungen, als Therapie und Ablenkung – von hohlen Phrasen, Zeitvergeudung, aufgeblasenem Verhalten, das er immer wieder erdulden muss (Daniel Levin, Alles nur ein Zirkus. Fehltritte unter Mächtigen, Zürich 2018 – zuvor in England erschienen und auch in Japan). Levin hat Afrika und dessen Musik als Sohn eines israelischen Diplomaten in Jugendjahren in Kenia lieben gelernt, in der Schweiz über das rechtliche Verhältnis von Staat und Kirche in Israel promoviert, dann als Partner von Anwaltskanzleien in New York, wo er lebt, Regierungen in aller Welt beraten. Für eine Stiftung des Fürstenhauses Liechtenstein vermittelt er diskret in Konfliktgebieten. Er ist neben zwei (Erb-)Prinzen von Liechtenstein dort der einzige Stiftungsrat.

Dreimal schimmert trotz aller Resignation so etwas wie Bewunderung in seinem Buch voller Einblicke und Anekdoten durch: In Peking, Moskau und Luanda. Der Präsident eines chinesischen Staatskonzerns hat eine geheime Sondereinheit zwei Jahre lang eine tausendseitige Studie erstellen lassen über jedes afrikanische Land – über nationale Vermögenswerte und Ressourcen, Entscheidungsträger und deren Schwächen, über Trendsetter und vor allem die Kontrolleure der Telekommunikationsnetzwerke: eine militärisch ausgeklügelte Blaupause für die wirtschaftliche Annexion eines ganzen Kontinents. Dass das in einem Fall, in dem die Auftraggeber Levins Netzwerk ausnutzen wollten, (zum Glück) scheiterte, beruhte auf Arroganz der neuen Weltmacht, Duckmäusertum der Untergebenen und mangelnder Flexibilität.

In Moskau traf er einen freimütigen Regierungskritiker. Dieser spricht vom „Präsidenten und seinen Gangstern“, dessen unersättlicher Machthunger über die Grenzen Russlands hinaus Territorien in Nachbarländern verschlingen und die Sowjetunion wiederaufbauen wolle. Dass der Kremlherrscher ihn verschonte, ihm Freiraum ließ, verwunderte Levin – er beachtete einige kryptische Aussagen nicht. Einige Jahre später tauchte ebenjener dank der Vorgeschichte in der Bevölkerung beliebte „Kritiker“ auf russischen und internationalen Fernsehschirmen auf. Er verteidigte vehement die russische Aggression in der Ukraine: offenbar ein lange vorbereitetes strategisch ausgeklügeltes Spiel.
Echte Bewunderung blieb indes in Angola: Ein Übersetzer erkannte, dass Levin sich für Sprache und Kultur seines Gastlandes echt interessierte und führte ihn auf einen ausgedehnten Schwarzmarkt mit ausgeklügelten Regeln. Dort erkannte er, dass nicht er in der angolanischen Zentralbank der jungen Elite das Funktionieren des internationalen Kapitalmarktes beibringen müsse, sondern dass das eigentlich Händler auf diesem Schwarzmarkt tun müssten und er dort nur lernen konnte. Hunderte Mitarbeiter des Internationalen Währungsfonds, von Stiftungen und Beraterorganisationen kämen, so sein angolanischer Gesprächspartner, ins Land, um die „Eingeborenen aufzuklären“ – mit einer fast komischen Ahnungslosigkeit über Land, Geschichte und Kultur, und mit den gleichen Standardrezepten und -reden von Dakar bis Ulan Bator. Dabei bräuchten vor allem ehemals kommunistische Länder mit bitterer Armut und Wohlstandsgefälle keine Belehrung, wie Geld funktioniere. Kapitalismus in Reinform finde man in China oder Angola; im Vergleich sei Amerika ein sozialistisches Land.

Zurecht nennt der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann – bekannt für seine Studien zur Verhaltenspsychologie und Entscheidungsabläufen – Levins Buch „brillante Beobachtungen zur Anthropologie der Macht“. Es geht um politische Macher, getrieben einzig und allein von Ehrgeiz. Bei den Erlebnissen über zwei Jahrzehnte hinweg sei er, so der Autor, mehr Beifahrer als Lenker, eher Zuschauer denn Hauptdarsteller. Dabei ging es ihm um Verhaltensmuster, nicht um die Bloßstellung einzelner (ohnehin anonymisierter) Personen. Er habe dabei gesehen, wie wenig man aus eigenen Fehlern lerne. In Gesprächen erwähnt Daniel Levin zwei Ausnahmegestalten, die ihm begegnet seien, für die dieser Zyklus nicht gegolten habe, die sich nicht von der Macht verführen ließen – die beiden südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela und Desmond Tutu.

Die „Liechtenstein Foundation for State Governance“ versucht im Stillen mit Hilfe Levins in Krisengebieten wie Syrien, Libyen, Kongo eine junge Führungselite zu rechtsstaatlichem und marktwirtschaftlichem Denken auszubilden. Dabei geht sie sehr langfristig vor. Nicht immer läuft das gut: Dank anfangs falscher Auswahl und den Opfern im Bürgerkrieg ist sie im Jemen zufrieden, wenn von anfangs 200 jungen Menschen nach 18 Monaten Ausbildung (teils finanziert von den Vereinigten Arabischen Emiraten) 50 übrigbleiben, die beim Wiederaufbau Führungsaufgaben in Staat, Wirtschaft, Militär und Gesellschaft übernehmen können. Dabei seien Frauen gerade in patriarchalischen Gesellschaften in der Regel motivierter. Auch beim Aufbau neuer Strukturen in gescheiterten Staaten wirkt die Stiftung des Fürstenhauses (nicht des Staates) Liechtenstein mit – beim Gerichtswesen, der Verfassung, dem Strafrecht, dem Grundbuchregister, dem Gesundheitswesen.

Ähnlich behutsam differenziert Levin zu seiner (seit 28 Jahren) Wahlheimat. Er wisse nicht, wie lange es gleichsam als Geisel im eigenen Land unter Präsident Trump möglich sein werde, unter Wasser die Luft anzuhalten. Dennoch habe dieser mit seinem spontanen Vorgehen eher als sein Vorgänger Obama auch Positives in der Weltpolitik angestoßen, sichtbar am Vorgehen in Nordkorea – ob das aber gelinge, sei alles andere als gewiss. Was Donald Trump von allen seiner Vorgänger in jüngeren Jahren abhebe: Er habe überhaupt keinen Humor und könne auch nicht über sich selbst lachen. Wie Marine Le Pen oder Viktor Orbán sei er indes komplizierter als die Karikatur, die von ihm gezeichnet werde.

Levin hat mehr und mehr Politiker und Unternehmer erlebt, auch in der westlichen Welt, die Bodenhaftung verloren, in einer anderen Realität leben und unangreifbar wurden, sich nur mit Schmeichlern oder Hofnarren umgeben. Ein Grund für das Aufkommen solcher Politiker sei, dass jedes Land eine begrenzte Zahl von Talenten habe – und für diese sei Politik nicht mehr ein interessantes Ziel. In den Vereinigten Staaten etwa wanderten fähige junge Leute in die Wirtschaft oder die Technologie ab. Nach mehr als zwanzig Jahren im inneren Kern der Politikberatung sagt Daniel Levin, er kenne keinen Bereich, in dem Fachwissen so wenig gefragt sei wie in der Politik.

von Robert von Lucius

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Klare Kante · The European · The European

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