Sep 1, 2018
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Um einen Held ärmer

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John McCain war weltweit bekannt. Doch in München war der langjährige Senator aus Arizona eine ganz besonders wichtige Figur. Denn John McCain stellte die US-Delegation für die Münchener Sicherheitskonferenz zusammen, er rief, teilweise sehr kurzfristig, seine Kollegen im Senat und Repräsentantenhaus persönlich an und erklärte ihnen die Bedeutung ihrer Teilnahme. Es gab kein anderes hochrangiges Gesprächsforum, das John McCain so sehr persönlich prägte wie die Münchener Sicherheitskonferenz.

In diesem Jahr fehlte er bereits, sein Gesundheitszustand ließ keinen anstrengenden Transatlantik-Flug mehr zu. Seine Frau Cindy nahm stellvertretend den Ehrenpreis der Sicherheitskonferenz entgegen, der frühere Vizepräsident Joe Biden hielt eine bewegende Laudatio.

Großer Verlust für die US-Außenpolitik

John McCain reißt eine Lücke, nicht nur auf der Münchener Sicherheitskonferenz. Ihm nahe stehende Senatoren werden versuchen, diese Lücke im Sinne John McCains zu füllen. Lindsay Graham aus South Carolina war ein enger Freund, Jeanne Shaheen, Senatorin aus New Hampshire, stand ihm politisch sehr nahe, teilte seine Überzeugungen und kämpfte mit ihm für eine liberale Weltordnung. Alle, vor allem die aufstrebende jüngere Generation der US-Außenpolitiker im Senat wie Ron Johnson, Ben Sasse oder Rob Portman, werden auf der internationalen Bühne noch Zeit brauchen, um das Format eines John McCain zu erreichen.

Mit McCain verliert die US-Außenpolitik eine wortgewaltige Stimme.

Er war ein leidenschaftlicher, bisweilen unbequemer Vertreter eines Amerika, das neben eigenen Interessen auch die fundamentale Bedeutung universaler Menschenrechte im Fokus hat. Mit seiner Forderung nach Rüstungsexporten in die Ukraine, um Kiew im Kampf gegen den Kreml zu unterstützen, eckte er in Deutschland an. Die USA waren für John McCain mehr als ein Land, er sah sie als Idee, als Ideal von Freiheit und Demokratie, als Verschmelzung von Geografie und Philosophie. Die Geschlossenheit der transatlantischen Werte- und Interessengemeinschaft war der Ausgangspunkt auch seiner strategischen Überlegungen. Nur ein geeinter Westen kann die globalen Herausforderungen bestehen.

Starkes Militär für ein starkes Amerika

Ein starkes Amerika braucht ein starkes Militär. Als Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Senat und Sprössling einer Offiziersfamilie hatte John McCain immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Soldaten. Das im August 2018 verabschiedete Gesetz über den Verteidigungshaushalt 2018 trug nicht nur wie gewohnt seine Handschrift, es trug diesmal auch seinen Namen: John S. McCain National Defense Authorization Act.

Seinen militärischen Dienst am Vaterland leistete John McCain in der Marine, seinen politischen Dienst jahrzentelang als Senator für den Bundesstaat Arizona. Er war bekannt für hintergründigen Humor, scharfen Geist und bissige Schlagfertigkeit. Vorwürfe, dass er nicht aus Arizona stamme und daher nicht als Senator für Arizona tauge, konterte er mit dem Hinweis, dass er leider nicht das Privileg hatte, in diesem wunderschönen Staat aufzuwachsen. Wenn er es recht überlege, so John McCain in einer Fernsehdebatte vor 40 Jahren zu Beginn seiner politischen Karriere, habe er bislang die längste Zeit an einem Ort in Vietnam zugebracht. Mit dieser Anspielung auf seinen Kriegsdienst und seine Kriegsgefangenschaft nahm John McCain allen Kritikern schnell den Wind aus den Segeln.

Mann der Mitte

Politisch war er ein Mann der Mitte, Republikaner mit Haut und Haaren, harte Schale und liberaler Kern, zu Kompromissen und zur Zusammenarbeit mit den Demokraten fähig, dabei loyal zur eigenen Partei, ohne sich dem neuen Trumpismus anzubiedern. Unvergessen ist sein gesenkter Daumen bei der von Trump forcierten Abwicklung der Gesundheitsreform von Barack Obama. John McCains moralischer Kompaß ist vielen Republikanern heute bedauerlicher Weise abhanden gekommen, sowohl in der Innen- wie auch in der Außenpolitik.

Ausländerfeindlichkeit, das Propagieren von Mauern, Protektionismus, das Einreißen von Institutionen, die Kritik an Bündnispartnern, die Zweifel an der amerikanischen NATO-Treue, die Anbiederung an Amerikas strategische Feinde – die Liste von John McCains Rügen an die Adresse der Trump-Administration wurde länger und länger.

John McCain war nicht frei von politischen Fehlern.

Aber der Politiker bekannte sich zu seinen Fehlern, auch wenn er sie manchmal erst spät erkannte. Mit der Nominierung von Sarah Palin als seine Co-Kandidatin 2008, seine Vizepräsidentin im Falle seines Wahlsieges, machte er die Tea Party erst salonfähig.

Der Stoff, aus dem die Helden sind

John McCains Ableben zeichnete sich ab. Die Nachricht von seinem Tod am 25. August stürzte das politische Washington in tiefe Trauer. Einzig Präsident Donald Trump zögerte mit Respekt- und Beileidsbekundungen. Zu tief sitzt die persönliche Abneigung zwischen beiden. Donald Trump sprach John McCain dessen Heldentum ab, denn Helden ließen sich nicht gefangen nehmen so wie John McCain in Vietnam. Aus dem Weißen Haus wurde durchgesteckt, dass Donald Trump eine öffentliche Würdigung ablehnte und es bewusst bei einer schlichten Twittermeldung beließ. Und die US-Flagge am Weißen Haus ließ er nur unwillig und nach beharrlichem Zureden auf Halbmast setzen. Umgekehrt musste John McCain Donald Trump nicht beim Namen nennen, wenn er die Gefahr eines dumpfen Nationalismus in der US-Außenpolitik geißelte. Es war konsequent, dass John McCain an die Öffentlichkeit trug, dass Donald Trump auf seinem Begräbnis nichts zu suchen habe.

Der Beitrag Um einen Held ärmer erschien zuerst auf Bayernkurier.

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