Feb 17, 2019
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Thema Afghanistan – Wer kann dieses Land verstehen?

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Dies ist der zweite Bericht einer Schwedin über die Zustände in den Gesellschaften, aus denen nach wie vor zehntausende junge Männer ohne oder mit gefälschten Papieren zu uns kommen. Solche Berichte sind schwer zu ertragen. Aber wir sollten wissen, welchen Hintergrund die Menschen haben, die von unseren Politikern nach wie vor willkommen geheißen werden.

Der Westen verschließt lieber die Augen vor der Realität. Aber die Realität holt uns bereits ein.


von Helena Edlund

Vor einiger Zeit fragte mich ein unbegleiteter junger Afghane, wie ich Afghanistan für einen Schweden beschreiben würde. Ich antworte ihm, dass das nicht ginge. Kein Schwede könne es verstehen. Afghanistan ist ganz einfach zu anders, zu unbegreiflich. Der junge Mann schaute mich nachdenklich an und nickte. Das Netzwerk World Values Survey, welches die Veränderung von Wertvorstellungen und ihre Auswirkung auf Gesellschaft und Politik untersucht, bestätigt diesen Schlusssatz. WVS ist vermutlich am bekanntesten für seine Diagramme über Wertvorstellungen bestimmter Länder, in denen diese Länder den Kategorien traditionell/säkular und überlebensgewillt/individualistisch zugeordnet werden. Schweden befindet sich seit langem in der oberen rechten Ecke, es ist von allen untersuchten Ländern eines, das am stärksten säkular und individualistisch geprägt ist. Afghanistan ist aus nachvollziehbaren Gründen nicht Teil dieser Untersuchung (es gibt in Afghanistan keine Voraussetzung für Untersuchungen dieser Art), aber würde mit größter Sicherheit im Bereich unten links zu finden sein. Als eines der traditionellsten und überlebensgeübtesten Länder wie auch Jemen, Irak und Jordanien. Wenn man den absoluten Gegensatz zu Schweden suchen wollte, dann wäre Afghanistan sicher eine plausible Wahl.

Bevor ich verschiedene Gebiete betrachten werde, ist es mir wichtig, Folgendes zu betonen: Afghanistan zu verstehen ist unmöglich, wenn man nicht dort gewesen ist. Afghanistan ist nämlich weniger ein Land, sondern vielmehr ein Phänomen. Sicherlich kann man sich Wissen über dieses Land anlesen, wer aber niemals vor Ort war, kann es schlichtweg nicht verstehen. Wir können durch Wissensaneignung eine intellektuelle Sachkenntnis über das Land und seine Kultur sammeln, aber erst ein Besuch des Landes kann uns begreifen lassen, welche Konsequenzen seine Kultur hat – sowohl für das Land, als auch die Gesellschaft und das einzelne Individuum. Googlesuche und ein Studium auf die Entfernung sind eine Sache, echte Begegnungen, Geschmäcker, Geräusche und Gerüche sind eine völlig andere.

Die größte Schwierigkeit, die afghanische Kultur und Lebensweise zu verstehen, besteht darin, dass wir immer von uns selbst, unserem eigenen Wertesystem und unseren Erfahrungen ausgehen, wenn wir Anderen begegnen. Wir sind sozusagen unser eigener Referenzpunkt, mit dem, was wir als „normal“ verstehen, wenn wir die Welt um uns herum untersuchen. Anders ist es auch kaum möglich. Diese Methode funktioniert auch ganz gut, wenn wir Kulturen begegnen, die unserer eigenen ähneln – aber was passiert, wenn wir auf Kulturen stoßen, die sich wesentlich von der unsrigen unterscheiden und außerhalb unseres Fassungsvermögens liegen?

Ich will ein Beispiel geben. Ich denke, einer der deutlichsten Unterschiede zwischen der afghanischen und der schwedischen Kultur liegt in der Sicht über Gewaltanwendung: In Afghanistan ist es relativ risikolos, wenn ein Mann seine Frau tötet. Er wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht angeklagt und sein Ansehen in der Gesellschaft kann sogar steigen. Es ist generell gesehen auch unproblematisch, wenn ein Mann ein Kind heiratet und es zum Sex zwingt. In solchen Fällen Gewalt anzuwenden, wird weder als schändlich noch als falsch betrachtet, im Gegenteil, oft wird Gewalt als ein erstrebenswertes Zeichen für Stärke und einen guten Charakter gehalten. Für den normalen Schweden, in einer Gewalt verurteilenden Kultur sozialisiert, ist dieses Verhalten dagegen unbegreiflich und widrig. Vor wenigen Tagen (16. Dez. 2018) wurden zwei junge Frauen während eines Urlaubs in Marokko ermordet, die Dänin Maren Ueland und die Norwegerin Louisa Vesterager Jespersen. Die ausländische Presse hat darüber berichtet, wie diese Frauen bestialisch enthauptet wurden, während die schwedische Presse von Verletzungen am Hals berichtete. Warum? Handelt es sich um eine Kombination von politischer Korrektheit und einer friedensgeschädigten Nation, die nicht in der Lage ist, das teuflische Böse zu erwägen?

Ich denke, dass wir im Prinzip zwischen drei verschiedenen Erklärungsmodellen wählen können, wenn wir versuchen wollten, die afghanische (oder in diesem Fall islamische) Akzeptanz einer für uns so unverständlichen Gewalt zu verstehen. Zwei berühren Äußerlichkeiten, die uns auf einen Holzweg leiten, das dritte führt uns zum Ziel: Der eine Irrtum – der uns oft in Schweden als Erklärung präsentiert wird – ignoriert die kulturellen Faktoren, die für uns erschreckend und unbegreiflich sind. Auf diese Weise können wir das für uns Begreifliche, was dann übrig bleibt, mit unserem Wertesystem zuordnen. Wir picken sozusagen die Rosinen aus dem Kuchen. Das ist die gängige Vorgehensweise bei denen, die behaupten, dass „alle Kulturen gleich gut“ und „alle Menschen gleich (wie ich)“ sind.
Der andere Irrweg liegt in der rassistischen Vereinfachung, dass „alle Afghanen Monster sind“.
Das dritte Erklärungsmodell, das gleichzeitig das schwierigste, aber auch konstruktivste ist, beinhaltet die Anerkennung, dass es faktisch Kulturen gibt, die von einem inhumanen und destruktiven Ideal geprägt sind. Jedes Individuum – auch wir selbst! – hat das innewohnende Vermögen, sowohl gut, als auch böse zu sein. Dass wir in der Lage sind, sowohl Güte, als auch bodenlose Bosheit zu zeigen. Diese Möglichkeit bedeutet, in Kombination mit dem Sozialisierungsprozess, den jedes Individuum als Kind durchlebt, dass wir Teil einer Gesellschaft oder Gruppe in einer Gewalt bejahenden Kultur werden, und somit eine akzeptierte Gewalt ausüben, ohne dabei das Gefühl von Schuld oder Scham zu haben, wie es eine Person empfinden würde, die in einer Gewalt verurteilenden Gesellschaft aufgewachsen ist.

Dass uns dieses dritte Erklärungsmodell so schwer fällt zu akzeptieren, liegt meiner Meinung nach daran, dass wir im gleichen Moment, in dem wir anerkennen, dass alle Menschen in der Lage sind, bestialische Handlungen zu begehen, auch die uns selbst innewohnende dunkle Seite anerkennen müssen. Dass auch wir, unter bestimmten Umständen, uns so wie sie verhalten können. Das „Ich“ ist nämlich immer auch im „Alle“ enthalten. Die Begegnung mit dem Bösen ist somit auch eine Begegnung mit uns selbst, mit unserem eigenen Innenleben. Und diese Begegnung ist uns nicht immer angenehm. Die meisten von uns wollen das eigene Böse nicht betrachten und viele leben in der sicheren Überzeugung, dass sie sich niemals in einen Kindermörder oder Capo in einem Konzentrationslager verwandeln könnten. Eine solche Sicht des eigenen Ichs in Kombination mit der Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind, führt zu dem logischen Schlusssatz, dass alle Menschen gleich gut sind, so wie man sich selbst einschätzt. Die Bosheit anderer Menschen wird als ein Programmierfehler, eine Abweichung vom natürlichen Zustand des Menschen eingeordnet.

Das ist eine Beurteilung, wie wir sie vom Umgang mit IS-Terroristen kennen, die nun nach Schweden zurückkehren, nachdem ihr Kalifat kollabiert ist. Wenn wir voraussetzen, dass der natürlich Zustand des Menschen der ist, dass er gut ist, braucht es darum ja keine Bestrafung der „Rückkehrer“, sondern nur gefühlsmäßige Unterstützung und praktische Hilfe durch den Sozialdienst für die Zeit, die die „Rückkehrer“ brauchen, um wieder zu den „schwedischen Wertmaßstäben“ zurück zu finden. Terroristen sind in ihren Augen fehlgeleitete Menschen, die wieder gut (sprich: wie wir) werden wollen, sobald der böse Zwischenfall aufgehört hat, seine Macht über das Individuum auszuüben. Sicherlich wird der Einzelne in der Begegnung mit seinem neuen Umfeld verändert, aber der Schwachpunkt bei diesen Überlegungen ist der, dass man die Macht der Sozialisierung nicht ernst nimmt. Bestimmte Teile der Kultur, in der wir sozialisiert wurden, sind so tief in unserem Inneren verankert, dass es schwer ist, mit ihnen zu brechen, auch wenn wir es versuchen. Und es ist schwer zu übersehen, dass es gerade der Hass auf unser westliches Wertesystem ist, der die Terroristen motiviert hat, sich dem IS anzuschließen.

Bevor ich nach Afghanistan reiste, hatte ich in einer Auslandseinheit auf dem Balkan gedient, in Nordafrika gearbeitet und humanitäre Hilfe in den früheren Oststaaten geleistet. Außerdem habe ich eine 3-monatige Ausbildung in einer militärischen Einheit absolviert und war mit anderen Worten davon überzeugt, dass ich auf das, was mir begegnen würde, gut vorbereitet war. Welch ein Irrtum! Afghanistan war so diametral anders, so tiefgreifend und vollständig anders als alles, was mir zuvor begegnet war. Das, was mich am meisten beeinflusst hat, war nicht die Armut und alles Elend. Dem war ich auch an anderen Orten begegnet. Nein, was ich als Schlimmstes erlebte war die Sichtweise auf den Menschen. Oder besser gesagt, der Mangel an substanzieller Mitmenschlichkeit. Ich lebte, trotz allem, was ich bisher gesehen hatte, in der Überzeugung, dass alle Menschen im Grunde gleich sind, dass es bestimmte Werte und Sichtweisen gab, die alle (psychisch gesunden) Menschen teilen. Ein Beispiel dafür war meiner Meinung nach die Fürsorge, die wir unseren Kindern geben, dass wir anderen Menschen Gutes wünschen, uns um unsere Mitmenschen kümmern und ihnen keine Schmerzen oder einen Schaden zufügen wollen.
Der Moment, in dem ich einsehen musste, dass ich mich geirrt hatte und dass es Situationen gibt, in denen ein Individuum vergewaltigen und morden kann, ohne dass das Umfeld auch nur eine Augenbraue hebt, war eine der schmerzhaftesten Stunden in meinem Leben. Die Begegnung mit Afghanistan veränderte mein Menschenbild. Das ist eine Erfahrung, die ich mit vielen Veteranen teile, die im Ausland gedient haben. Die Untersuchungen beweisen diese Veränderung. Das Verteidigungsministerium hat Untersuchungen zur Motivation von Soldaten vor und nach dem Auslandseinsatz durchgeführt. Ein Angestellter des Ministeriums erklärte mir, dass die Ergebnisse Jahr für Jahr die gleichen seien – das Menschenbild ist nach dem Einsatz grundsätzlich schlechter. Die Begegnung mit dem Land, der Kultur und der Bevölkerung hat bei den Soldaten zu einer negativeren Sicht gegenüber den Bewohnern und auch der Möglichkeit, eine Verbesserung zu bewirken, geführt.

Manche erlebten eine grundlegende Lebensveränderung durch die Erfahrung in Afghanistan. In der FS20 traf ich Kongo, oder Dag, wie er früher hieß. Vier Jahre nach dem Wechsel in die Heimat sah ich sein Gesicht, in einem Artikel in Expressen. Kongo war einer der Veteranen, die zurück gekehrt, aber nie nach Hause gekommen waren. Ich traf viele Afghanistan-Veteranen, die an posttraumatischem Stress litten (PTSD). Manche so schwer, dass sie Gewaltverbrechen begingen, andere, wie Kongo, isolierten sich völlig von ihrem Umfeld. Hierbei geht es um Kampferlebnisse, aber auch um die Begegnung mit einer für die Soldaten völlig unbegreiflichen Kultur – ein Soldat vergisst nie die verstümmelten Frauen oder die Schreie von Kindern, die misshandelt wurden. Eine immer wiederkehrende Aussage von Personen, die längere Zeit in Afghanistan waren, ist die, und das ist kaum verwunderlich, dass es ihnen unmöglich ist, ihrem Umfeld davon zu berichten, was sie erlebt haben. Keiner kann es nachvollziehen. Keiner glaubt ihnen. Was man erlebt hat – die Wahrheit – ist für den durchschnittlichen Svensson so wirklichkeitsfremd, dass man im günstigsten Fall der Übertreibung und im schlimmeren Fall der Lüge aus niederen Motiven angeklagt wird.
Aber die Wahrheit ist wie sie ist, egal wie viel Überbringer einer schlechten Nachricht wir köpfen.
Ich wiederhole noch einmal: Afghanistan ist für den, der niemals dort war, unbegreiflich. Und der, der dort war, wird danach oft von diesen Erlebnissen heimgesucht. Solange, wie die wasserdichten Schotten zwischen unseren Kulturen funktionierten, konnten wir so reagieren. Diesen Luxus können wir uns aber nicht mehr länger leisten. Mit dieser Erkenntnis geht das Leben aber erst einmal weiter.

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Allgemein · Klare Kante · Vera Lengsfeld

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