Feb 21, 2019
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Thema Afghanistan – Kind zu verkaufen

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von Helena Edlund

Als ich mir in meiner Jugend den Film „Sophies Entscheidung“ (Sophie‘s Choice, 1982) anschaute, saß ich dabei sicher und gemütlich in einem der Sessel des Opal-Kinos in Kvissleby. Meryl Streep bekam für ihre Rolle als Sophie Zawistowski einen Oscar. Während die Details aus dem Film mit den Jahren verblassten, so hat sich mir eine Szene doch für den Rest meines Lebens tief ins Gedächtnis gebrannt: Die Szene, als Sophie bei ihrer Ankunft in Auschwitz gezwungen wird, sich zwischen ihren beiden Kindern zu entscheiden. Sie dürfe eines bei sich behalten, das andere würde in die Gaskammer geschickt werden. Sophie trifft ihre Wahl. Für mich damals unbegreiflich – bis ich nach Afghanistan kam.

Stell dir vor, du wärst so hungrig, dass du das Hungergefühl gar nicht mehr spüren würdest. Stell dir vor, wie du deine Kinder dahinsiechen siehst, Tag für Tag, sie sind nur noch Haut und Knochen. Sie weinen und fragen dich, warum du ihnen nichts zu essen gibst. Sie können nicht verstehen, dass du nichts hast, das du ihnen geben könntest. Stell dir gleichzeitig vor, dass du in einem unisolierten Haus wohnst, ohne Fenster. Und es herrschen Minusgrade, aber ihr könnt das Haus nicht heizen, weil du kein Geld für Feuerholz hast. Die Kinder wachen jeden Morgen mit verfrorenen Fingern und Zehen auf. Bis zum Frühjahr und der Wärme ist es noch lang hin. Da erhältst du ein Angebot: Du bekommst alles Geld, was die Familie benötigt und noch darüber hinaus – wenn du eines deiner Kinder verkaufst.

Den meisten von uns würden vor Schreck die Haare zu Berge stehen und wir würden ablehnen – als Eltern verkauft man seine Kinder nicht, eher würden wir selbst sterben. Das ist aber eine Antwort, die uns nicht viel kostet, da wir uns nie in einer solch verzweifelten Situation befunden haben und uns darum keine derartigen Gedanken machen mussten. Notleidende Eltern in Afghanistan werden dagegen genau vor diese Wahl gestellt – in der sie sich zwischen dem Wohl eines Kindes und dem Überleben der Familie entscheiden müssen.

Magda Gad schreibt in ihrem Artikel im Expressen über dieses Phänomen Folgendes: „Marya ist 18 Monate alt und zu verkaufen. Ihr Papa hat Geldschulden und nun sind ihm für seine jüngste Tochter umgerechnet 7.000 € geboten worden.“

Die Familie wohnt in einer umgebauten Garage, aber die Fotos zeigen ein Haus, wie ich es in Afghanistan oft gesehen habe – ein kalter Raum, keine Möbel, ein dünner Teppich auf dem Boden, eine große Familie, eine große Misere. Die Reportage lässt vermuten, dass es sich nach afghanischen Maßstäben eher um eine liberale Familie handelt, aber sie sind arm und Opfer einer Reihe unglücklicher Umstände. In einem Land ganz ohne soziale Netze fällt man ungehindert ins Bodenlose, bis zu dem Punkt, an dem man gezwungen ist darüber nachzudenken, ob man sein einjähriges Kind verkauft.

Ich habe oft den Vorwurf gehört, dass Eltern, die ihre Kinder verkaufen, diese doch niemals lieben würden. Aber es gibt viele Arten und Weisen, wie man seine Kinder lieben kann. Ich habe Eltern getroffen, die mit vollem Ernst der Ansicht waren, dass es gerade aus Liebe geschieht, wenn man seine Töchter so früh wie möglich verheiratet. Gleichzeitig habe ich Väter getroffen, die ihre Töchter niemals verkaufen wollten, aber keine andere Möglichkeit sahen. Vor die Wahl gestellt, sich zwischen zwei Übeln entscheiden zu müssen, wählt man das kleinere von beiden – eines seiner Kinder zu opfern, damit die restliche Familie überleben kann. Mütter haben hierbei wenig zu bestimmen. Die Männer treffen die Entscheidung, die Frauen haben sich damit abzufinden.

Der Herbst ist in Afghanistan die gefährlichste Zeit für ein kleines Mädchen. Wenn die Familie sich Gedanken darüber machen muss, wie sie den Winter überlebt, ist eine Tochter eine mögliche Einkommensquelle. Väter, die ihre Töchter nicht einfach verkaufen wollen, werden zur Aufnahme eines Kredits überredet. Aber dieser muss mit Zinsen zurückgezahlt werden. Und schon schnappt die Schuldenfalle zu, so wie bei Maryas Familie.
Eine andere gefährliche Phase ist, wenn die älteren Brüder ins heiratsfähige Alter kommen. Eine gesunde und durchschnittlich hübsche Frau kostet umgerechnet zwischen 6.000 und 7.000 €. Das ist ein Vermögen in einem Land, in dem das mittlere Einkommen bei 650 € liegt. Die Lösung liegt in einer Art Tauschhandel – wenn ein Sohn heiratet, verkauft man eine Tochter. Das ist ein System, bei dem fast alle verlieren. Das Mädchen läuft Gefahr, viel zu früh verheiratet zu werden, gegen ihren Willen und ohne die Möglichkeit, eine schulische Ausbildung zu bekommen. Gleichzeitig besteht für Jungen in einer Familie, die keine Mädchen zu verkaufen hat, das Risiko, dass sie nie heiraten können. Das ist aber ein großer gesellschaftlicher Makel, der wiederum zu weit verbreiteten sexuellen Übergriffen führt. Mehr dazu in einem späteren Artikel.

Nachdem nun die afghanische Kultur eine der am stärksten traditionsgebundenen ist, mit dem weltweit stärksten Widerstand gegenüber Veränderungen, so ist dieses System nur sehr schwer zu reformieren. Die Afghanen selbst sehen keine Alternative und internationalen Projekten diesbezüglich wird mit großem Misstrauen begegnet. Während meiner Zeit in Afghanistan musste ich erleben, dass gute Projekte, die zum Beispiel mit Patenschaften für Mädchen arbeiteten, alle misslangen, da es keine Möglichkeit zur Kontrolle gab. Eine Familie, die jeden Monat Geld von einem Paten irgendwo auf der Welt erhielt, damit die Tochter zur Schule gehen konnte, verkaufte die Tochter dennoch. Der Gewinn wurde maximiert, indem man weiterhin das Geld für die mittlerweile verheiratete Tochter annahm. Das einzige Projekt, wie ich selbst beobachten konnte, welches einen Rückgang von Kinderehen zur Folge hatte, war die Aktion „Food for School“. Hierbei bekommt die Familie eine bestimmte Menge an Lebensmitteln, wenn sie ihre Tochter in die Schule schickt. Solange ihre Tochter in die Schule geht, wird die Familie mit genügend Essen versorgt, damit sie gut überleben kann und somit keine Tochter verkaufen muss. Weitere Infos siehe hier: Food for School Afghanistan

In den letzten Jahren hat ein weiterer Faktor das Leben für afghanische Mädchen erschwert – der Traum junger Männer von einem neuen Leben in Europa. Ich traf viele Männer in diesem Land, die mich um einen Rat baten, wie sie ihre Auswanderung am besten organisieren sollten. Man wolle das Land um jeden Preis verlassen und habe von einem Paradies im Norden gehört, ein Land des Überflusses, in dem alle willkommen wären und man niemals mehr an irgendetwas Mangel leiden würde. Der Name des Paradieses sei Schweden.
Schwedische Asylamnestien, Familiennachzug und Solidaritätsbekundungen sind starke Pullfaktoren. Und eine große Zahl afghanischer Familien haben sich entschlossen, alles auf eine Karte zu setzen: Man leiht sich Geld, damit einer der jungen Männer aus der Familie die Reise nach Schweden antreten kann und hofft, dass sich alle weiteren Fragen schon irgendwie lösen werden. Oft bekommt man eine gewisse Verschnaufpause für die Rückzahlung des Geldes zugestanden, damit der junge Mann es auch nach Schweden schafft und anfangen kann, das Geld wieder an die Familie zurückzuschicken.

Was auf den ersten Blick wie eine gute Sache aussieht – dass man eine Familie aus der Armut rettet – hat aber eine dunkle Rückseite. Der junge Mann, der nach Schweden geschickt wird, lebt unter einem extremen Druck. Die Zukunft der gesamten Familie lastet auf seinen Schultern. Es wird erwartet, dass er sie mit dem Geld versorgt, dass er in Schweden für seinen Lebensunterhalt bekommt. Er muss also das Migrationsamt davon überzeugen, dass er Anspruch auf Asyl und Familienzusammenführung hat. Wenn ihm das nicht gelingt, ist der finanzielle Ruin der Familie in greifbarer Nähe. Ich habe selbst mit jungen Afghanen in Schweden gesprochen, die eher daran gedacht haben Selbstmord zu begehen, als nach einem solchen Versagen in ihr Heimatland zurück zu kehren. Der Kredit muss zurückbezahlt werden. Aber wie soll das gehen, wenn der Familie nicht erlaubt wird, nach Schweden einzureisen. Viele spielen mit einem hohen Einsatz. Manche gewinnen, andere verlieren – und in den Verliererfamilien leben die Kinder gefährlich. Denn sie sind nun die verbleibenden Einkunftsquellen, die die Rückzahlung des Kredits für die Schleuser ermöglicht. Je jünger ein Kind ist, um so höher der Preis. Marya kann umgerechnet 7.000 € einbringen. Einen Schleuser von der Türkei nach Schweden zu bezahlen kostet aktuell ca. 11.000 €, von Afghanistan aus ist der Preis noch höher. Eine Auflistung in dem Artikel im Expressen zeigt die krassen Fakten: „Laut UNICEF wurden im letzten Halbjahr in den Provinzen Herat und Badghis aufgrund von Dürre und ökonomischen Schwierigkeiten 161 Kinder, incl. Säuglinge, verkauft bzw. zwangsverheiratet. (Das sind nur 2 von 34 Provinzen in Afghanistan – Anm. d. Verf.)” Der Rapport berichtet weiter, dass Mädchen im Alter zwischen einem Monat und 11 Jahren und auch Jungen ab 6 Jahren verkauft wurden.

Leider werden vermutlich sowohl Magda Gads als auch meine Zeugenaussagen bezweifelt werden. Aber weil etwas schrecklich anzuhören ist, muss es nicht automatisch unwahr sein. Gads Reportage zeigt mit aller wünschenswerten Deutlichkeit die Ursachen hinter dem Handel mit Kindern: Eine rigide Tradition, die extrem patriarchalische zerstörerische Geschlechterrollen aufrecht erhält, kombiniert mit einer Clanstruktur als einziger Sicherheit und einem extremen auf das Überleben fokussierten Pragmatismus. Der Mensch will leben – selbst um den Preis eines Kindes. Am Ende landet man auf dem Fußboden einer umgebauten Garage in Herat, bei einer ganz gewöhnlichen Familie, wo eine plappernde Einjährige höchstbietend zu verkaufen ist.

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Allgemein · Klare Kante · Vera Lengsfeld

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