Mrz 25, 2019
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Später Wochenrückblick: Von Mittätern, Mitsängern und nackter Haut

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Claas Relotius ist zurück. Nicht ganz. Aber sein Schatten. Nach dem Massaker in der Moschee von Christchurch  gilt es, qualitätsmedial die Kreise der geistigen Mittäter so groß wie möglich zu ziehen. Und möglich ist im Prinzip alles.

In der vergangenen Woche berichtete eine Spiegel-Online-Autorin aus Neuseeland, dass auch der kanadische Buchautor Jordan B. Peterson zu den intellektuellen Mitschützen gehört, mehr oder weniger jedenfalls. Seit seinem Buch „12 Rules for Life“ gehört der früher praktisch unbekannte Peterson zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. Sein Werk verkaufte sich bisher über 2,5 Millionen Mal, seine Vorträge sind binnen Minuten ausverkauft, egal ob in den USA, Europa oder Australien. Oder eben Neuseeland. Zu den zentralen Themen des Wissenschaftlers gehört die Unterscheidung in ein männliches und ein weibliches Grundprinzip der Natur: Er weist darauf hin, dass diese beiden Grundformen seit einer Milliarde Jahre existieren, also fünfmal länger als Säugetiere. Regressive Linke und Netzfeministinnen attackieren ihn deswegen, was ihn wenig kümmert.

Wie nun platziert ihn die Spiegel-Schreiberin in die Reihen um den Täter von Christchurch, der natürlich kein Einzeltäter sein darf?
„Vor dem Terroranschlag in Christchurch posierte Bestsellerautor Jordan Peterson, Liebling der globalen Rechten, mit einem selbst ernannten Islamhasser. In Neuseeland dreht sich die Stimmung gegen ihn“, reportiert die Journalistin Anke Richter für Spiegel Online. Damit verdient sie schon einmal Anerkennung für die dämlichste „selbsternannt“-Wendung der Pressegeschichte: „Selbsternannter Islamhasser“. Offenbar müssen sich auch Islamhasser irgendwo ordentlich zertifizieren lassen.

Was hat es aber mit dem Posieren auf sich? Am 19. Februar ließ sich ein Leser zusammen mit Peterson bei einer Veranstaltung des Autors in Neuseeland fotografieren. Der Fan trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „I’m a Proud Islamapobe“. Dieses Foto nahm jetzt eine linke Buchhandelskette zum Anlass, Petersons Bücher aus den Regalen zu räumen. Womit die Mitschuldfrage für Richter geklärt ist:
„In diese Demonstration von Menschlichkeit und Multikultur platzte am Donnerstag, als die ersten sechs Opfer bestattet wurden, ein Social-Media-Foto, das den kanadischen Bestsellerautor Jordan Peterson bei seiner Lesereise einen Monat zuvor in Christchurch mit einem Fan zeigt. ‘I’m a Proud ISLAMAPHOBE’ (‘Ich bin stolzer Islamophobiker’) stand breit, aber falsch geschrieben auf dem schwarzen T-Shirt des Mannes. Auch dieses Bild hatte Symbolkraft: Jacinda Ardern, neue Lichtgestalt auf der Weltbühne, umarmt muslimische Opfer – Jordan Peterson, umstrittener Publizist und Liebling der Alt-Right-Ideologen, legt seinen Arm um einen Muslim-Hasser.“

Nun ist es schon absurd, ein Foto gut einen Monat vor dem Massaker mit den Bildern auf eine Ebene zu bringen, die Neuseelands Premierministerin nach dem Anschlag produzierte. Einmal ganz abgesehen davon, dass keine Beziehung zwischen Peterson und dem Mann mit dem T-Shirt existiert, abgesehen von der Tatsache, dass beide kurz für ein Foto zusammenstanden. Spiegel Online zeigt das Bild auch ziemlich klein. Dabei ist interessant, welche Stichworte auf dem Shirt unter „I’m a Proud Islamaphobe“ stehen: „Gegen Frauenschlagen, Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Finanzierung von Terrorattacken, Terroranschläge, Genitalverstümmelung“– um nur einige zu nennen. Es handelte sich also um ein dialektisches T-Shirt: Gegen das, was es aufzählt, müsste sich jeder halbwegs Zivilisierte stellen. Wer eine Position gegen Homophobie und Genitalverstümmelung tatsächlich für islamophob hält, bestätigt also die finstersten Bilder, die manche vom Islam zeichnen. Es ist durchaus möglich, dass Peterson, sollte er das T-Shirt wahrgenommen haben, seine Freude an dieser logischen Fallenstellung gefunden hätte.

Den kompletten Shirt-Text überspringt die SpOn-Reporterin, um sich Peterson direkt vorzunehmen:
„Der Psychologieprofessor Peterson ist laut ‘New York Times’ der zurzeit einflussreichste Intellektuelle der westlichen Welt und als Steigbügelhalter rechter Ideologen umstritten.“
„Als Steigbügelhalter umstritten“ – eine weitere Textperle. Welchen rechten Ideologen hält Peterson als einflussreichster Intellektueller des Westens nun den Steigbügel? Das erfährt der SpOn-Leser nicht. Dafür weiß Anke Richter:
„Besonders weiße Männer unter 35, die sich von #MeToo-Streiterinnen bis Migranten bedroht fühlen, feiern ihn dafür wie einen Heilsbringer – und weil er vielen mit seiner väterlich moralisierenden Lebenshilfe die Richtung weist (‘Stell dich gerade hin’, ‘Räum dein Zimmer auf’). Mit dieser geradezu mystischen Wirkung war es zumindest bei vielen Kiwis in der Woche nach dem Moschee-Massaker schlagartig vorbei.“

Eine Kapitelüberschrift bei Peterson lautet tatsächlich „Stand up straigt with your shoulders back“ (es geht um den Zusammenhang zwischen Körpersprache, Rangordnung und Territorialverhalten hauptsächlich bei Hummern). „Stell dich gerade hin“ ginge noch als etwas nachlässige Übersetzung durch. Aber ein anderer Abschnitt in den „12 Rules“ ist eben nicht mit „räum dein Zimmer auf“ überschrieben, sondern mit: „Bring your home in perfect order before you criticize the world“. Was doch etwas erheblich anderes aussagt. Kurzum: Anke Richter betreibt Ideologiekritik an einem Buch, das sie offensichtlich nie gelesen hat. Dafür weiß sie ganz genau, wer die mehr als 2,5 Millionen Leser Petersons sind, als hätte sie unter ihnen eine Umfrage veranstaltet: Nämlich weiße Männer unter 35, die sich von Feministinnen und Migranten bedroht fühlen. Merke: Aus Gutdenkersicht kann man Feministinnen nie kritisieren – sondern sich höchsten von ihnen bedroht fühlen, also an einer Phobie leiden. Der Schreiberin fällt auch gar nicht auf, dass Petersons Erfolg („geradezu mystische Wirkung“) ja kaum erklärbar wäre, wenn sich seine Botschaft tatsächlich in Ratschlägen wie „räum dein Zimmer auf“ erschöpfen würde.

Stattdessen will sie ihn am Ende als Islamfeind überführen, indem sie einen älteren Satz von ihm zitiert: “Islamophobie ist ein von Faschisten erfundenes Wort, das von Feiglingen benutzt wird, um Trottel zu manipulieren.”
Der Begriff Islamophobie wurde von Ayatollah Khomeini nach der Machtergreifung der Mullahs im Iran 1979 speziell für das westliche Publikum geprägt, um jede Kritik an seinem Regime zu stigmatisieren. Peterson fasst diese Begriffsgeschichte zwar zugespitzt, aber korrekt zusammen.

Bei anderen Anschlägen, etwa dem von islamistischen Kämpfern auf eine Kirche im philippinischen Jolo mit 20 Toten und 110 Verletzten im Januar 2019 war die Berichterstattung in Deutschland deutlich leichter.
Seinerzeit stellte nämlich ein großes Medium schon einmal fest, das Motiv sei unklar.

Was die Fahndung nach Hintermännern von vorn herein überflüssig machte.

 

Von Islam und Islamophobie scheint der thematische Brückenschlag zur Nacktheitsphobie zwar groß, aber so groß nun auch wieder nicht. Wer die SPD-Europaabgeordnete Maria Noichl und die SPD-Bundestagsabgeordneten Katja Mast, Manja Schüle und Josephine Ortleb bisher noch nicht kannte, der lernt sie jetzt kennen als Kämpferinnen gegen die Kampagne für Fahrradhelme des Bundesverkehrsministers Andreas Scheuer. Denn Scheuers Fahrradhelm-Model auf dem Plakat trägt zwar Kopfschutz, aber sonst wenig, was Mast „peinlich, altbacken und sexistisch“ findet. Denn: „Halbnackte Frauen und Männer sollten nicht mit Steuergeldern auf Plakate gebannt werden.“

Nun handelt es sich dabei bei weitem nicht um das schlimmste, was mit Steuergeldern angestellt werden kann.
In der vergangenen Woche sickerten übrigens auch allmählich die Schreckensbilder ins politische Berlin, die SPD-Chefin Andrea Nahles beim politischen Aschermittwoch im thüringischen Suhl verursacht hatte. Die Florence Foster Jenkins der soz. Gerechtigkeit ist in der Langversion des MDR zu sehen, und auszuhalten nur für sehr, sehr Abgebrühte. Es ist merkwürdig: Willy Brandt, der damals schon ältere weiße Mann mit Zigarette und Mandoline stimmte würdig-melancholische Lieder in einer Zeit an, als seine Partei noch über 40 Prozent lag. Heute dagegen: Je härter das Derrière der Vorsitzenden übers Grundeis schrammt, desto fröhlicher die Töne dabei.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=eP4jF_zZ4BY

Wie Humba-Humba-Humba Täterä (geschaffen von dem großen Mainzer Ernst Neger) wiederum zu dem Furor gegen nackte Haut passt: Das kann vermutlich nur ein Tiefenpsychologe vom Schlag eines Jordan B. Peterson klären.

Vermutlich würde er raten: Räum dein Oberstübchen auf.
Oder wenigstens um.

 


 

Am Ende noch ein ernstes Wort, liebe und geschätzte Leser: Der Text „Tonnenweise Nachwuchs vermeiden“ auf Publico hat eine solche Fülle von Lesermails hervorgerufen, dass die Arbeitszeit der Redakteurin sich ziemlich verlängert hat. Publico zahlt mit den Zuwendungen der Leser nicht nur diese einzige Mitarbeiterin, sondern auch Gastbeiträge, beispielsweise die Zeichnungen Bernd Zellers, und morgen einen Text von Air Tuerkis über den Blick eines nicht klimastreikenden Berliner Schülers auf die Greta-Tage.

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Die Redaktion sagt Danke.

 

 

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Klare Kante · Publico

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