Feb 6, 2019
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Robert Habeck: Der Popstar der deutschen Politik : Sprecherziehung mit Robert Habeck

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© Foto: © Nadine Stegemann

Er ist der Popstar der deutschen Politik: Robert Habeck, Parteivorsitzender der Grünen. Seine Partei ist auf bestem Weg, die Nummer zwei im Lande zu werden und keiner personifiziert den Boom so wie er. Telegen ist er, eloquent, echter Doktor der Philosophie und ein Bel-Ami, wie er im Buche steht. Eine Art Öko-Kennedy mit Dreitagebart. Wenn es mittelfristig einen grünen Kanzler geben sollte, dürfte kein Weg an ihm vorbei führen.

Schreiben kann er auch noch. Mehr als ein dutzend Bücher gibt es von ihm. Bevor er in die Politik ging, hat er Romane publiziert und Lyrik aus dem Englischen übersetzt. Inmitten der fleischgewordenen Büroklammern, die den deutschen Politikbetrieb dominieren, ragt dieser Homme de Lettres wirklich eindrucksvoll hervor.

Seit Robert Habeck Berufspolitiker ist, bleibt nicht mehr viel Zeit zum Schreiben. Doch für ein schmales Bändchen hat’s auch jetzt gereicht: „Wer wir sein könnten“, lautet der Titel, ein Plädoyer, wie es im Untertitel heißt, für eine offene und vielfältige Sprache in unserer Demokratie. Keines der üblichen Politikerbücher, möchte man meinen, sondern eine tiefschürfende Reflexion über politische Rhetorik. Titel und Autorennamen versprechen: Hier wird nicht über politisches Kleinklein schwadroniert, hier wird die Metaebene beleuchtet.

Kampfbegriff

Sprachkritik aus der Feder eines Grünen: Sind das nicht die, auf deren Parteitagen die Teilnehmer auch gerne einmal mit der unvergleichlichen Formel „Liebe Mitglieder und Mitgliederinnen“ angesprochen werden? Die Partei, die mit dem Binnen-I und dem Genderstern die Sprache von Luther, Hölderlin und Thomas Mann verschönert hat? Die Leute, die uns ermahnen, nicht „Flüchtlinge“ zu sagen, weil es doch „Flüchtende“ heißen müsse?

„Political Correctness“ schreibt Robert Habeck, sei ein „Kampfbegriff der Rechten“. Eine achtsame Sprache müsse sein, denn sie verhindere Diskriminierung nach ethnischer Herkunft, Geschlecht, sexueller Neigung usw. Der Kampf gegen die „Political Correctness“ habe nur ein Ziel, sagt Habeck, sprachliche Grenzüberschreitungen bis hin zu offenem Rassismus und Sexismus zu legitimieren. Was Zucht und Ordnung beim Sprechen anbelangt, liefert Habecks Buch also nichts Neues, da gelten die bekannten Sprech-Tabus. „Neger“ beispielsweise sei natürlich verboten, bemerkt Habeck, man solle „Afrodeutscher“ sagen. Reizvoll in diesem Zusammenhang ist, dass der Autor zigmal das Hohelied auf die Freiheit der Satire singt. Witz und Satire seien die Warnung vor ideologischer Blindheit und Dogmatismus. „Satire testet unsere Toleranz“, schreibt er. Nur autoritäre Regime könnten Satire nicht ertragen. Es wäre interessant zu erfahren, wie Habeck und die Seinen darauf reagieren würden, wenn ein furchtloser Satiriker beispielsweise mal den ja doch ein klein wenig drolligen Kunstbegriff „Afrodeutscher“ aufspießen und vielleicht witzeln würde, ob „alternativ pigmentierte Mitbürgerinnen und Mitbürger“ nicht noch schöner wäre…

Vielfalt

„In der Politik ist Sprache das eigentliche Handeln“, notiert Habeck sehr zu Recht. Und deshalb, da hat er einen Nerv getroffen, ist das Verhältnis von Sprache und Politik auch so essentiell. Souverän zeichnet er auf wenigen Seiten die Idee einer deutschen Kulturnation nach. Schiller, Goethe, Humboldt, Herder, Wieland, Hegel, Schlegel, der Autor hat sie alle zur Hand und bemerkt, „dass sie mit ihren Werken einen nationalen Kanon schufen, bevor es überhaupt eine Nation gab“. Der Instrumentalisierung dieser nationalen Geistestradition gilt gleichwohl seine ganze Verachtung. Bei jeder Leitkulturdebatte, bei jedem Ringen um das Verständnis von Heimat, spüre er den Versuch „Völkisches sprachlich hegemonial zu machen.“

Das ist der Grundton dieses Buches: Auf sämtlichen Ebenen des Politischen geht es zuvörderst um den „Kampf gegen Rechts“. Wer falsch spricht, handelt auch verkehrt. Rassistische und rechtsradikale Sprache würde überall vordringen, ist sich Habeck sicher, der politische Diskurs werde „mehr und mehr von Strategien und Narrativen der Neuen Rechten beschrieben“.

Der Großteil der konkreten Beispiele, die Habeck ins Feld führt, dreht sich um Migration und Integration. Auch wenn er es niemals so formulieren würde, aber da ist er sich offensichtlich ganz mit Horst Seehofer einig, dieser Themenkomplex ist derzeit einfach die Mutter aller politischen Probleme. Feindbild Nummer eins ist die AfD, dicht gefolgt von der CSU. Habeck spricht von einem „Diskurs der Angst“. Die allgegenwärtigen Fremdenfeinde würden Metaphern des Wassers beschwören: „Flut“, „Welle“, „Dammbruch“ – als wären Flüchtlingsströme Naturkatastrophen. Von solch sprachlicher Verrohung zur tatsächlichen Jagd auf Menschen sei es dann nicht mehr weit, sagt Habeck, der Fall Chemnitz, wo Banden Jagd auf Menschen machten, habe das bewiesen.

Dass die zuständigen Landes- und Bundesbehörden die „Hetzjagden“ von Chemnitz niemals bestätigen konnten, ficht Habeck nicht an. Der unzweideutige Kampf gegen die rechte Gefahr dominiert einfach sein Denken. Auch ist der Eindruck einer massenhaften Zuwanderung für ihn lediglich „geschürt“. Eine steile These angesichts von beinahe anderthalb Million Neuankömmlingen in nur anderthalb Jahren 2015/16. „Die Eingeborenen“ sollten nicht auf „die Flüchtlinge“ herabblicken, das „völkische Wir der Nationalisten“ schließe Menschen aus. Dagegen ginge es um eine „Politik, die Vielfalt und Verschiedenheit als Stärke und Reichtum begreift“, was sich in einer offenen und vielfältigen Sprache widerspiegeln müsse.

Ausgrenzung

„Die Idee eines ethnisch-identitären Volkes ist totalitär und ausgrenzend“, schreibt er. Da ist es wieder, das Lieblingswort aller Rechtmeinenden unserer Tage: Ausgrenzung! Der Gegen-Begriff schlechthin zu Integration. Das schlimme A-Wort umschreibt das Weltbild der Böswilligen. Wie leicht macht er es sich, wenn einer von seiner intellektuellen Statur permanent gegen Dumpfbacken-Parolen von Rechtsaußen argumentiert. Einer, der mal so nebenbei zwei, drei kluge Paul-Celan-Zitate aus dem Ärmel schütteln kann, könnte sich doch einem anderen Diskurs-Niveau stellen. Aber das ständig gute Gewissen, auf der richtigen Seite zu stehen, führt bei Habeck wie bei so traurig vielen anderen Intellektuellen zu einer Argumentations-Bequemlichkeit. Habecks hübsch geschriebenes Büchlein wäre so viel überzeugender, wenn er nicht selber ein Ausgrenzer wäre.

Dr. phil. Robert Habeck aus Schleswig Holstein müsste beispielsweise doch den Kieler Philosophieprofessor Konrad Ott kennen, ein Mitglied der Grünen obendrein. Ott hat eine kleine Schrift über „Zuwanderung und Moral“ verfasst und im Rahmen unserer Asyldebatte einfach mal an Max Weber und dessen so hilfreiche Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik erinnert. In Habecks Text kommt Max Weber schlicht nicht vor.

Habeck preist unentwegt den Rechtsstaat, dass jedoch eine Vielzahl von deutschen Staatsrechtslehrern, angeführt von so illustren Namen wie Papier, di Fabio oder Scholz, die Politik der offenen Grenzen in Deutschland scharf kritisieren, findet bei ihm keine Erwähnung. Dass der Doyen der deutschen Geschichtswissenschaft Heinrich August Winkler massive Skepsis äußert – keine Notiz. Die Zweifel so prominenter Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Julian Nida-Rümelin – unbeachtet. Oder all die Stimmen mit muslimischem Hintergrund, die eindringlich vor einem naiven Umgang mit dem Islam warnen: Bassam Tibi, Seyran Ates, Ayaan Hirsi Ali, Hamed Abdel-Samad, Ahmad Mansour usw. – in den Wind gesprochen.

Brenzlig an Namen, wie den genannten: das sind alles keine Rechten! Selbstverständlich und somit auch billig ist es, sich von reaktionären Demagogen abzugrenzen. Schwierig wäre es hingegen, sich auf Aporien einzulassen, z.B. einmal über die Spannung von Menschenrechten und Realpolitik in Zeiten einer modernen Völkerwanderung nachzudenken.

Aber die Ausgrenzung eines nüchternen Diskurses passt in eine Epoche, in der es immer weniger um Richtig oder Falsch, sondern dauernd um Gut und Böse geht. In diesem Sinne ist Habecks Buch ein typisches Zeitdokument.

Robert Habeck:
„Wer wir sein könnten.
Warum unsere Demokratie eine offene
und vielfältige Sprache braucht“
Kiepenheuer & Witsch 2018

von Ulrich Berls

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Klare Kante · The European · The European

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