Jun 13, 2019
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Ökonomie trifft Krimi: Kooperation gewinnt

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In dem Ökonomie-Thriller „Gier“ geht es um die Folgen einer neuen Finanz- und Wirtschaftskrise. Gewaltige Sparprogramme, Massenarbeitslosigkeit und Hunger drohen ⎼ auch in Deutschland. Der Autor vermischt die Handlung mit einer in der Wissenschaft belegten Idee, wie der Kapitalismus menschlicher und gerechter werden kann.

Ob „Blackout“, „Zero“ oder „Helix“ ⎼ die gesellschaftskritischen Bestseller-Dystopien von Marc Elsberg sind en Vogue. Zwar wirken sie manchmal etwas langatmig, doch sie zielen stets auf mögliche Zukunftsszenarien, die eher erschrecken als erfreuen. Der Österreicher Elsberg gehört zu den wenigen Schriftstellern, denen es gelingt, Action mit wissenschaftlichen und gesellschaftskritischen Aspekten zu verbinden und damit für ein breites Publikum zugänglich zu machen. In der Kategorie „Unterhaltung“ erhielt er als bisher einziger Romanautor für zwei seiner Bücher die Auszeichnung „Wissensbuch des Jahres“.

In seinem neuem Roman „Gier ⎼ wie weit würdest Du gehen“ geht es um folgende Story: Eine neue, gewaltige Wirtschaftskrise treibt in Berlin die Menschen auf die Straße. Sie demonstrieren gegen Arbeitslosigkeit und drohende Sparpakete. Bei einem Sondergipfel von Wirtschaft und Politik soll in der Hauptstadt eine Lösung gefunden werden. Der (fiktive) Nobelpreisträger Herbert Thompson, der in Berlin eine entscheidende Rede halten soll, hat eine Formel gefunden, die einen Ausweg aus der globalen Krise ermöglicht und Wohlstand für alle garantiert. Er sagt: „Über den neuen Nationalismus dürfen wir uns nicht wundern. Wenn man jahrzehntelang den Staat zurückdrängt, bleibt vom Nationalstaat nur mehr national. Das fliegt uns jetzt um die Ohren. National. International. (…) Ich habe eine wichtige Rede zu halten.“ Doch bevor Thompson diese Rede halten kann und die Formel weltweit bekannt wird, stirbt er bei einem Autounfall. Zufall oder Absicht? Die Jagd nach der Formel jedenfalls beginnt ⎼ sie soll vernichtet werden.

Die neue Formel für Wohlstand

Autor Elsberg greift für diese Formel auf die wissenschaftlichen Arbeiten von Ole Peters (Experte für „Ergodicity & Economics“ oder für die Frage nach „What’s a growth rate, really?“) und seinem Team am London Mathematical Laboratory zurück, die belegen, dass bestimmte Kooperationsmodelle im Allgemeinen für Wohlstand und Wachstum sinnvoller sind als Nicht-Kooperationen. Oder wie Elsberg es in einem Interview erklärt: „Wenn nicht jeder für sich dem Fetisch Wachstum hinterherjagt, sondern die Menschen miteinander kooperieren, haben alle mehr Ertrag.“ Elsberg verwandelt diese Idee der Kooperation in seinem Bestseller zu einer „Bauernfabel“.

Was auf den ersten Blick kommunistisch anmutet, meint aber nicht Vergemeinschaftung und Gemeineigentum, sondern Kooperation und Teilen. Es geht Elsberg um eine Wirtschaft der Kompetenz und besten Fähigkeiten. Um eine sinnvolle Wohlstandverteilung global zu realisieren, solle zum Beispiel jede Volkswirtschaft das machen, was sie am besten kann. Jedes Land spezialisiert sich auf das Gut und die Waren, die es im Vergleich zu anderen Gütern im eigenen Land kostengünstiger herstellen kann. So lenkt es seine Arbeitskräfte in die produktivste Verwendung.

„Die Ökonomen sind bisher davon ausgegangen, dass Menschen ihren eigenen Nutzen optimieren“, meint Elsberg, „jetzt kommen aber einige Physiker rund um Ole Peters vom London Mathematical Laboratory, die sagen: Die Menschen optimieren die Wachstumsrate ihres Wohlstands.“ Kooperation und Teilen, meint der Autor, stellen in diesem Zusammenhang die eigentlichen Wachstumstreiber dar ⎼ und nicht Konkurrenzdenken, und schon gar nicht Gier. „Aus Egoismus sollte man zusammenarbeiten. Aus Gier sollte man teilen“, lässt Elsberg einen seiner Protagonisten in seinem neuen Roman sagen. „Das sind keine Ideologien, keine vagen Ideen, keine gefühligen Wolkenkuckucksheim-Tanzereien, die keine ihrer Behauptungen belegen können […]. Das ist simple Mathematik, wie Sie sehen. Berechenbar. Vorhersagbar.“

© WhatsBroadcast

Dass die hier gemeinte bessere Welt natürlich Teil einer Utopie ist und aller Voraussicht nach bleiben wird, ist auch dem Weltenerschaffer Elsberg klar. Doch Teilen, sagt er, lohnt sich, „und zwar nicht im Sinne der Wohltätigkeit, sondern im Sinne wirtschaftlichen Eigennutzes.“ Wettbewerb sei nach wie vor wichtig, er dürfe jedoch keine Hauptrolle spielen. Der Fokus liege auf Zusammenarbeit. Sie schaffe schnelleres und höheres Wachstum als Nichtzusammenarbeit.

Fazit

ielleicht wäre angesichts der Komplexität des Themas ein kurzes Sachbuch übersichtlicher gewesen. Doch hätte dieses vermutlich nur eine kleine Zielgruppe erreicht. Elsbergs Verdienst ist es nämlich, ein aktuelles finanz- und wirtschaftspolitisches Thema für ein Bestsellerpublikum populär gemacht und diesem neue Denkanstöße geliefert zu haben. Dass sein Roman im Zeitalter von „Sharing Economy“ mit Kooperation, Teilen, sozialer Verantwortung und Ressourcenschonung grundsätzlich auf fruchtbaren Boden fällt, ist offensichtlich.

Marc Elsberg: Gier – Wie weit würdest Du gehen? Blanvalet, München 2019

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