Nov 22, 2019
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Microsoft: Künstliche Intelligenz zur Erforschung von David Ben-Gurions Schriften

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Die Gräber von David Ben Gurion und seiner Frau Paula in Sde Boker

In
einer Pionierarbeit haben sich Forscher an der Ben-Gurion-Universität des Negev
mit dem kalifornischen Softwarekonzern Microsoft zusammengetan, um eine auf
Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Software zu entwickeln, die, wie
israelische Medien berichten,
„die Schriften von Israels erstem Ministerpräsidenten auf eine nie dagewesene
Weise zum Leben erwecken“ wird.

Zukünftig
wird es möglich sein, alle Schriften Ben-Gurions nach bestimmten Wörtern zu durchsuchen,
zudem wird der Computer selbständig Bezüge erkennen. Schon vor 20 Jahren hatte
das zur Universität gehörende Ben-Gurion
Research Institute for the Study of Israel and Zionism
die Schriften Ben-Gurions
digitalisiert und ins Internet gestellt. Jedoch waren sie bislang lediglich als
Bilddateien verfügbar, die der Computer nicht als Text erkennen kann. Darum war
bislang keine Suche nach Begriffen möglich.

Ein
zweites Werkzeug wird Ben-Gurions Tagebücher in Microsoft Outlook integrieren,
sodass Forscher einen besseren Überblick darüber bekommen, wie sich seine
Entscheidungen und Urteile über die Zeit entwickelt haben. Es ist erst das
zweite Mal, dass Microsoft ein solches System testet. Das erste waren
Zehntausende Dokumente aus den Ermittlungen über die Ermordung von US-Präsident
John F. Kennedy (JFK Files), die 2017
für die Öffentlichkeit freigegeben worden waren.

Digitales Informationszentrum

Mena-Watch sprach über das Projekt mit Dr. Adi
Portughies, dem IT-Leiter Infrastruktur am Ben-Gurion
Research Institute
. Das Institut und die Universität des Negev, zu dem es
gehört, haben ihren Sitz in der Nähe des Kibbuz Sde Boker, wo David Ben-Gurion zu
Lebzeiten ein Haus hatte und wo er heute begraben liegt.

Das Institut ist dem
Studium, der Dokumentation und Erforschung Israels, des Zionismus und David
Ben-Gurions gewidmet, aus den Perspektiven der Disziplinen Geschichte,
Philosophie, Politik, Kultur, Gesellschaft und Geografie. Es hat eine
wissenschaftliche Bibliothek, ein Archiv und ein digitales Informationszentrum.
„Das Archiv ist Teil des Instituts und ist das einzige Archiv, das ein
akademisches Institut zu betreuen hat“, erklärt Portughies. Dies mache das
Projekt mit Microsoft so einzigartig.

Als Historiker seien er und seine Kollegen genaues Lesen gewöhnt. Die Materialien für seine wissenschaftlichen Aufsätze habe er immer in den Archiven gefunden, so Portughies. „Ich bin es gewohnt, jeden einzelnen Brief sehr sorgfältig zu lesen.“ Es sei ein Geschenk, dass das Archiv heute so viele Dokumente besitzen – aber es weil es so viele sind, könne kein Mensch sie alle lesen. „Aus diesem Grund suchen wir nach Computerlösungen.“

Einsatz von computergestützten Methoden

Der
Einsatz von computergestützten Methoden zum Studium der Geschichte sei
heutzutage ein wichtiges Thema der Geisteswissenschaften. Portughies nennt ein
Beispiel: „Denken wir etwa an David Ben-Gurion im Jahr 1967. Was waren seine
Werte und Gedanken in jener Zeit? Als Historiker würde ich normalerweise in die
Dokumente x und y schauen. Heute aber können wir sämtliche Schriften nehmen und jedes Wort zum Teil eines Index
machen. Jedes einzelne Wort ist auffindbar.“

Als
nächstes, so Portughies, versuche er, Verbindungen zwischen Wörtern zu
entdecken und festzustellen, welche Begriffe in den Schriften besonders
relevant seien. „Dann stellt sich beispielsweise heraus, dass im Jahr 1967
häufig Wörter wie ‚Furcht’, „Glückseligkeit’ und ‚Messias’ auftauchen. Wörter,
nach denen zu suchen einem im Traum nicht eingefallen wäre, stechen aus der
Korrespondenz plötzlich heraus.“ Dann stellten sich neue Bezüge her.

Sein
Institut befasse sich mit Ben-Gurion, sagt Portughies, aber die Technologie
lasse sich selbstverständlich genauso bei anderen Denkern, Staatsmännern oder
anderen Personen nutzen.

Hightech-Nation
Israel

Wie
es zu der Kooperation mit Microsoft kam, verrät einiges über die Gründe für den
einzigartigen Erfolg der Wissenschafts-, Forschungs- und Hightech-Nation
Israel: Menschen aus ganz verschiedenen Disziplinen stehen miteinander in Austausch.

Portughies
erzählt, dass das Projekt auf ein Treffen mit einem Freund zurückgeht, der bei
Microsoft arbeitet. „Wir haben uns im Archiv getroffen, um über eine
Zusammenarbeit nachzudenken. Wir gingen die Treppe zum Archiv hinunter, um uns
die Dokumentation anzusehen. Ich dachte vom Blickwinkel des Historikers: Wir
lesen gemeinsam ein Dokument, ich zeige ihm, was Ben-Gurion am Vorabend der
Erklärung der Unabhängigkeit dachte, und dann sehen wir uns die anderen Briefe
an, die mit dem zu tun haben, was wir gerade gelesen haben.“

Sein
Freund hatte eine Idee: Er schlug vor, alle Dokumente, die bereits
digitalisiert worden waren, computerlesbar zu machen und in einem nächsten
Schritt eine auf Künstlicher Intelligenz basierende Software zu entwickeln, die
verschiedene Aspekte David Ben-Gurions enthüllt. „Es fing also an mit dem
Besuch eines Freundes im Archiv. Die Welt der Geschichtswissenschaft und der
Archive kamen mit der Welt der Informatik zusammen, aus allen dreien
entwickelte sich diese Idee.“

Zentrale
Neuerungen

Gegenüber
den JFK Files gebe es eine Neuerung,
erklärt Portughies: die Möglichkeit, die Suche auf bestimmte Zeiträume
einzugrenzen. Dies sei für Historiker besonders wichtig. „Eine andere
Verbesserung, an der wir mit Microsoft arbeiten, sind Schlagwörter: dank der KI
erkennt der Computer, welches die am meisten relevanten Wörter sind, die du
benutzt.“

Wichtig
für die Ben-Gurion-Forschung sei auch ein computergestütztes Nachschlagewerk,
das die Bedeutung von Tarnnamen anzeigt: „In der Ära vor der Staatsgründung
hatten die meisten zionistischen Führer Tarnnamen. Wir haben ein Wörterbuch,
das ihre Bedeutung anzeigt. Das ist eine weitere Funktion, die Microsoft in
unser Archiv bringen wird und die es in den JFK
Files noch nicht gibt.“

Besonders
anspruchsvoll ist das Projekt auch deshalb, weil es sich zum größten Teil um Handschriften handelt, genauer gesagt:
um hebräische Handschriften. „Microsoft
hatte bereits eine Technologie zur Erkennung von Handschriften in lateinischer
Schrift entwickelt. Doch die meisten der Handschriften im Ben-Gurion-Archiv
sind auf Hebräisch. Das also ist ein weiteres Feature, an dem Microsoft jetzt
arbeitet.“

Nutzen
für Microsoft

Gefragt,
welchen Nutzen der Softwarekonzern von der Zusammenarbeit habe, sagt Portughies:
„Es ist eine Partnerschaft der akademischen Welt mit der Geschäftswelt. Wir
sind daran interessiert, unsere Forschungskapazitäten zu verbessern, und sie
sind natürlich an Geschäft interessiert. Heutzutage können Unternehmen ihre
Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft nicht ignorieren. Selbst als ein
Unternehmen, dessen Hauptziel es ist, mehr Geld zu verdienen, muss man trotzdem
Teil der Community sein.“

Zudem
rechnet Portughies damit, dass es für die Technologie, die Microsoft jetzt für
das Ben-Gurion-Archiv entwickelt, später auch andere Interessenten und
Anwendungen geben wird.

Derzeit
befindet sich die Software noch in der Erprobungsphase und kann noch nicht auf
der Website, sondern nur im internen Netzwerk des Instituts benutzt werden.
„Wir hoffen, dass sie in einigen Monaten wirklich einsatzbereit ist und wir sie
dann der Allgemeinheit zugänglich machen können.“

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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