Mai 29, 2019
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Mein Lebensziel: Ich will ein alter weißer Mann werden

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Von Air Tuerkis

Sie beuten ihre Arbeitnehmer*innen aus, ihr yetihafter ökologischer Fußabdruck zerstört den Planeten gleich dreimal, sie sind verlogen und skrupellos. Und das Schlimmste: Zuweilen pflegen sie junge Frauen am Knie zu berühren, was auch noch 20 Jahre später zu Traumabewältigung und Anklagen führen kann.

Und falls sie nicht die Herren der Welt sind, dann handelt es sich um Abgehängte, Ewiggestrige, Zurückgebliebene, die der Jugend die Zukunft klauen und aus lauter Ressentiment die AfD oder Trump wählen.

Kurz gesagt: Sie sind alt und weiß, männlich, und vereinigen damit alle Eigenschaften, die man braucht, um den ewig oben treibenden Abschaum der Gesellschaft zu bilden. Oder um es weniger alt und weiß und männlich zu sagen: Sie treiben ihren Faustkeil in die diverse Society.

Nun wäre ich angesichts der allgemeinen Empörung gegen die Altweißmänner eigentlich gerne dabei, diesen privilegierten Pöbel zu bekämpfen, und würde dazu sogar queerfeministische Texte in der taz schreiben. Allerdings: Beim Blick in den Spiegel sehe ich schwarz. Nämlich weiß.

Außerdem bin ich auch noch männlich. Das hatte ich schon seit längerem vermutet. Wie viele Mädchen spielen schließlich schon Fußball, duellieren sich unter ihren Kumpellottinnen mit Spielzeug-Pistolen, sammeln Matchbox-Autos und Panini-Bildchen?

Und als wäre nicht alles schon schlimm genug, da begann es in meinem Kopf zu rattern, und dank meiner humanistisch und mathematisch geprägten Berliner Bildung schaffte ich es zur nächsten Schlussfolgerung: Wenn ich jetzt ein junger weißer Mann bin, dann werde ich irgendwann mal ein alter weißer Mann sein. Nach Adam Riese müsste das so hinkommen, falls mir nicht vorher Feinstaub und Rindfleisch das Leben verkürzen.

Was tun? Ich spielte meine Handlungsmöglichkeiten durch. Und ich entwickelte eine Strategie: Ich wollte mich so oft wie möglich bräunen – im Urlaub oder im Solarium – und mir die Weißheit austreiben. Mein großes Vorbild auf dem Gebiet war Donald Trump, der es tatsächlich geschafft hatte als junger, weißer Mann zu beginnen, und später, nun ja, ein orangefarbener alter weißer Mann zu werden. Allerdings sah ich gerade an seinem Beispiel, dass sich auch die Feindlichkeit gegenüber alten, orangenen Männern ausbreitet. Ich musste mich also akzeptieren und mich selbst finden und so weiter.

Und dann merkte ich: Eigentlich ist es ziemlich prima, ein alter weißer Mann zu sein. Viel Geld verdienen, viel herumfliegen und damit zur Bekämpfung des Winters beizutragen. Die Welt beherrschen. Ich checkte, wie allseits empfohlen, meine Privilegien. Sie gefielen mir. Ich fasste einen tollkühnen Plan: Ab jetzt wollte ich alles tun, um völlig rücksichtslos ein alter, weißer Mann zu werden. Denn: “Wer alt werden will, muss beizeiten damit anfangen“ (Karl Kraus). Das Zitat reichte mir der Publico-Gründer Alexander Wendt herüber, ein weißer und aus meiner Sicht alter Mann.

Ich esse seitdem soviel ich kann Schnitzel mit Pommes, trinke Coca Cola, fahre 2-Takt- Moped, ich fliege nach Mallorca, trage Anzug und ich wasche mich sogar täglich. Ich bin auch gut dabei, junge Damen konsensual zu berühren. Bisher hat sich noch keine bereit erklärt, mich zu verklagen. Das kommt wahrscheinlich erst mit dem Alter. Nur mit dem Rauchen klappts nicht so gut. Dafür hat sich der alte weiße Herr Klonovsky bereit erklärt, mir das seriöse Trinken beizubringen (und er ist Spezialist). „Die Jugend ist den Anstrengungen des Trunkes nicht mehr gewachsen“ (Ernst Jünger). Dieses Zitat wiederum reichte mir Michael Klonovsky weiter.

Alles in allem ist es gar nicht so leicht, ein alter weißer Mann zu werden. Und das nicht wegen Leuten wie Rezo, dem blauen Youtube-Schreck, der das Lebenswerk von Frau Merkel für sich beansprucht: die Zerstörung der CDU. Nein, er und Fridays for Future die sagen ja nur, was ihnen Tagesschau & Co. vorsagen. Die einzige Angst, die ich habe, ist, unter solchen Leuten zu leben. Denn Lektion 1, um ein alter weißer Mann zu werden, heißt: Man braucht eine Frau, die kocht, abwascht, putzt und auf die Kinder aufpasst, konsensual natürlich und vice versa. Ich will ja ein moderner alter weißer Mann werden. Trotzdem, wie soll man unter diesen blauhaarig-gepiercten Spaßvögeln etwas Passendes finden?

Weitere Probleme, die ich beim Erreichen meines Lebensziel sehe, sind folgende:

1. Wenn die Grünen so weitermachen, essen wir alle bald vegane Rohkost, gedüngt mit Ausscheidungen von ungeimpften Rindern, die nicht mal Antibiotika bekommen. Medizin ist Teufelszeug und in Krankenhäusern wird man mit Naturheilerde behandelt. Mit Altwerden sieht’s da nicht gut aus.

2. Bei mir in Kreuzberg ist ein ziemlich witziger Sport entstanden. Nämlich Migrationshintergrund-Konstruieren. Wenn man beispielsweise auf den Bolzplatz kommt, geht die Frage: Ey, woher kommst du eigentlich? Wer hier so etwas wie Deutschland sagt, der hat verloren und muss das Spielfeld verlassen. Gewonnen hat der, der den migrantischsten Migrationshintergrund aufweisen kann. Gut kommt “Türkei”. Am besten ist allerdings so etwas wie “Also, isch bin viertel Kurde, halbe Albaner, 3/4 Russe, 2/3 Araber und 200% Perser”.

Ich bin in dem Spiel noch nicht so gut. Mehr als Österreicher kann ich nicht glaubhaft vermitteln. Und wenn ich das versuche, hängt mir auch noch diese toxische Ibiza-Geschichte an. Als Weißer kommt man hier nicht weit.

3. Männlich bleiben, das ist allerdings das Schwierigste. “Men-Spreading” wird bald verboten. Und was gibt es Unmännlicheres, als beim Sitzen in öffentlichen Verkehrsmitteln die Beine zusammen zu halten? Ich wäre zu einem Kompromiss bereit: In Zukunft können auch Frauen die Beine spreizen.

Sie merken schon, liebe Leser, ich unternehme den verzweifelten Versuch, meine Männlichkeit zu beweisen, indem ich akut sexistische Äußerungen von mir gebe und durch albernes Macho-Gehabe auffalle.

Ich muss Ihnen daher eröffnen: Alte weiße Männer sind nicht mehr selbstverständlich. Dafür aber ein anspruchsvolles Projekt, an dem man auch scheitern kann. Was mich betrifft: ein alter weißer Mann ist mein Lebensziel, mein Mount Everest. Hoffentlich bleibe ich nicht im Stau der vielen Jüngeren stecken, die gerade den gleichen Aufstieg unternehmen.

 


Air Tuerkis ist das Pseudonym eines Berliner Schülers und Autors, der das liberale Schülermagazin „Apollo News“ herausgibt.

 

 

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Klare Kante · Publico

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