Aug 1, 2019
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„Man muss Israel als Teil des Nahen Ostens begreifen“

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Matti Friedman.

„Ich kam aus dem Westen mit all den europäischen Geschichten im Gepäck nach Israel – dem Kibbuz, dem Holocaust … Je länger du hier bist, desto mehr wird dir klar, dass diese Geschichten Israel nicht vollständig widerspiegeln. Das halbe Land stammt ursprünglich aus der muslimischen Welt und dieser Umstand erklärt einiges über Israel – Küche, Verhalten, Musik, Religion, Politik. Viele Israelis glauben, die Grundlage des Landes sei die europäisch-jüdische Welt – Herzl und Ben Gurion – und die Juden des Nahen Ostens seien gekommen und hätten sich an diese Geschichte angehängt. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Israel ist, zusammen mit den Überresten des europäischen Judentums, Teil der Geschichte des Judentums in der muslimischen Welt. (…)

[In den Kriegen in der Region gibt es] Dutzende verschiedenen Akteure, einschließlich Diktatoren und der Menschen, die sie unterdrückt haben; Schiiten gegen Sunniten; die verschiedenen Stellvertreter des Iran und Saudi-Arabiens; im Mittelalter hängen gebliebene und Modernisten; und andere kleinere Konflikte, zu denen die Auseinandersetzung zwischen einem Großteil der Region und Israel gehört. Wie wir alle wissen, konnte Belgien 1915 keine Aussöhnung Europas bewirken – genauso wenig wie Israel im Jahr 2019 eine große Aussöhnung der Länder des Nahen Osten erreichen könnte.

Im Allgemeinen haben die Israelis mit Wurzeln in der islamischen Welt das schon immer gewusst. In aller Regel standen sie politisch rechts und waren skeptisch bezüglich der Chancen, die die Linke sah. Links herrschte die Überzeugung vor, dass rationales Eigeninteresse und moderne Vorstellungen über menschlichen Fortschritt die Oberhand gewinnen würden. Nein. Im Jahr 2019 ist klar, dass nahöstliche Perspektiven der Realität näherkommen. Die Rechte versteht das besser, und das ist der Grund für ihren Erfolg. Die Rechte greift erfolgreich Ängste auf – rationale Ängste, die zu oft von der Linken heruntergespielt werden –, Ängste darüber, was in dieser Region mit den Schwachen geschieht. (…)

Einige der Menschen, die sich traditionell der Linken und den sogenannten Eliten zugehörig fühlten, sind zutiefst enttäuscht: Sie stellten sich vor, Israel sei Wien. Dabei ist es viel näher an Alexandria. Es ist nicht sozialistisch. Es ist nicht weltlich. Es ist nahöstlich. Es macht durchaus Sinn, dass es viel mehr wie Alexandria ist, aber viele Leute sind darüber sehr enttäuscht. Wenn du Zorn über ‚die Rechten‘ oder ‚die Religiösen‘ hörst, geht es oft in Wirklichkeit darum. Sie fragen: Wer sind diese Leute aus dem Nahen Osten, die unser Land gekidnappt haben?

Wenn du mit Israelis sprichst, wirst du feststellen, dass sich die meisten Menschen im Hinblick auf den Umgang mit der arabischen Welt kaum unterscheiden. Es die Hardcore-Linke Partei Meretz, die vier von 120 Knesset-Sitzen innehat. Der Rest ist gespalten. Er hat es nicht eilig, sich aus dem Westjordanland zurückzuziehen, weil er die Folgen fürchtet. Über die schrecklichen Jahre der Selbstmordanschläge während der Zweiten Intifada wird nicht viel geredet, aber sie haben sich tief in die israelische Psyche eingegraben. Diese Jahre waren es, die die alte politische Elite, die ihre Wurzeln im Optimismus der Kibbuz-Bewegung hatte, diskreditierten und die Linke umbrachten. Die jahrelangen Angriffe haben den Israelis gezeigt, was der Nahe Osten ist und warum optimistische westliche Vorstellungen hier nicht funktionieren. Für viele von uns war das ein jähes Erwachen. (…)

Unsere Zukunft hat viel mehr mit Aleppo und Kurdistan zu tun, als mit dem Warschauer Ghetto. Denken Sie an unsere Zukunft, dann sollten Sie an den Nahen Osten denken. Dieses Land als Teil Europas zu betrachten, ist Teil einer falschen Wahrnehmung. Warum ähnelt das israelische Judentum nicht unserem Judentum, fragen westliche Juden? Warum ist die israelische Politik so anders? Warum sind Israelis so anders? Ohne die Verwurzelung des Landes im Nahen Osten zu verstehen, kommt man nicht weiter.“ (Aus einem Interview mit Matti Friedman: „Nobody hijacked Israel. It’s just not what its pioneers thought they’d created“)

[Anmerkung der Redaktion: Sie können sich diesen Artikel vorlesen lassen, indem Sie auf das „Play“-Symbol über dem Text klicken. Das ist ein Pilotprojekt, die Software befindet sich in der Testphase. Wir freuen uns über Ihr Feedback an info@mena-watch.com.] 0

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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