Jan 10, 2019
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Ludwig-Erhard-Gipfel mit inhaltlich starkem Auftak: „Von Putin bis zum Wolf im bayerischen Wald alles dabei gehabt“

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© WEIMER MEDIA GROUP

Rundum doppelt so groß also wie noch im letzten Jahr, startete ein tief verschneiter Gipfel mit dem „Innovation-Day“ in sein Jubiläum. „Wir werden Klartext reden“, gab Goetz-Weimer gleich in ihrer Begrüßungsrede die Richtung vor.

Kein belangloser Smalltalk. Das ist schon seit jeher eines der zentralen Anliegen des Ludwig-Erhard-Gipfels, der aufgrund seines rasanten Wachstums in diesem Jahr zum ersten Mal in der Bachmair-Weissach-Arena und damit einer der größten und modernsten Eventlocations im Süden Bayerns stattfindet. Bei der von der ARD bereits als „die deutsche Antwort auf Davos“ geadelten Konferenz geht es darum miteinander und im gegenseitigen, konstruktiven Austausch ohne Blatt vor dem Mund nachzudenken, vorzudenken und weiterzudenken. Mit Blick auf Deutschland, genauso wie mit dem auf Europa und die Welt.

Wie lauten die Megatrends in der Gesundheitsbranche, wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? In welche Richtungen entwickeln sich Medien, wie lassen sich Wirtschaft und Gesellschaft noch besser miteinander vernetzen? Und was macht eigentlich die Finanzwelt im neuen Jahr? In welche Richtung entwickeln sich die Märkte? Welche Innovationen könnten sie nachhaltig beeinflussen? Auf diese und noch viel mehr Fragen versucht der Ludwig-Erhard-Gipfel Antworten zu geben. Und das mit einer wohlüberlegten, hochkarätigen Auswahl seiner Gäste. Ob nun große Unternehmenslenker, wie Stefan Oschmann, CEO beim deutschen Pharmakonzern Merck oder bedeutende politische Amts- und Würdenträger, wie FDP-Chef Christian Lindner oder EU-Kommissionspräsident Jean-Claude-Juncker. Überhaupt ist der Kreis der Kooperationspartner deutlich gewachsen: Neu dabei sind so unter anderem die Deutsche Telekom, Bentley, Siemens und Audi. Aber auch BAT, die HypoVereinsbank und der Finanzdienstleister BlackRock sind wieder mit dabei.

Innovation-Day macht den Auftakt

Auf dem „Jahresauftakt für Entscheider“ wie der Gipfel gerne genannt wird, versammeln sich Menschen, die sich nicht davor scheuen die großen Themen zu diskutieren, die nicht davor zurückschrecken zu entscheiden, wenn es darauf ankommt. Und „wer es durch das Katastrophengebiet und die Schneewalze“ hierhergeschafft habe, der sei genau richtig, hier auf dem Gipfel am See, frotzelte Verlegerin Christiane Goetz-Weimer zur Begrüßung und nahm damit Bezug auf den nicht enden wollenden Schneefall, der seit Tagen im Süden Bayerns für den Ausnahmezustand sorgt. Es spricht für die Veranstalter, dass trotz der Ereignisse größere Beeinträchtigungen ausblieben, der Gipfel so relativ pünktlich in seinen ersten Tag, den „Innovation-Day“, starten konnte.

Sie freue sich auf streitbare Ideen, eine lebhafte Debatte und den freien Meinungsaustausch, alles in allem auf einen „Neujahrsempfang des Freigeistes“, begrüßte Goetz-Weimer weiter und bedankte sich nicht zuletzt für einen noch nie dagewesenen Gipfel-Zuspruch. „Mit ihrer Unterstützung“, sprach sie die im Publikum sitzenden direkt an, „beweisen sie gesellschaftliches Engagement für Zusammenhalt, Dialog und Toleranz.“
Und genau das scheint in Zeiten von der „Zumutung“ Donald Trump, und aufstrebenden Autokraten wie dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan immer wichtiger zu werden. Doch nicht zuletzt mit dem Brexit präsentiere sich vor allem auch Europa tief zerstritten, blickte Goetz-Weimer besorgt auf das derzeit sehr fragil wirkende Gebilde EU. Und nicht weniger kritisch auf die politische Situation in Deutschland: Ob Merkel-Rücktritt, der in einer Woche von Horst Seehofer folgende oder eine chronisch-kriselnde SPD, der bei der anstehenden Europawahl womöglich eine Niederlage gegen die AFD droht, „mit der politischen Stabilität in Deutschland ist es vorbei.“

Den positiven Ausblick wagen

Doch alles in allem dürfe dies nicht dazu führen, zu sorgenvoll in die Zukunft zu schauen, betonte die Verlegerin. Medien und Politik redeten fortlaufend von schwierigen, dramatischen, bewegten Zeiten. Sie sei skeptisch geworden, ob dies so wirklich stimme. „Seit gestern sind 137.000 Menschen der bittersten Armut entkommen“, sagte sie. Erstmals seit Jahrzehnten sei der Jahreswechsel dazu ohne größeren Krieg von statten gegangen. Natürlich habe es dennoch Gewalt und Bürgerkriege gegeben, aber insgesamt sei es derzeit erstaunlich und erfreulich friedlich auf der Welt.

Dieser positiven Sicht der Dinge schloss sich mit Professor Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen auch der Auftaktredner des ersten Gipfel-Tages an. Wenn er mit seinen Studierenden spreche, so Deutschlands wohl bekanntester Zukunftsforscher, werde er mit Blick auf das, was kommt, meistens mit Sorgen konfrontiert. Dabei seien viele davon unbegründet. Inzwischen liege die weltweite Lebenserwartung im Schnitt bei 72 Jahren, gab er ein Beispiel. Auf die Frage danach, gäbe aber nur jeder vierte Deutsche dir richtige Antwort. Ähnlich sieht es mit dem Bildungszugang von Frauen aus. Inzwischen besuchten Mädchen global und im Schnitt neun Jahre die Schule, und damit nur ein Jahr weniger als Jungen. Mit Blick auf Deutschland steige das Bildungsniveau derweil erheblich, ganz besonders das von Frauen, und auch eine Spaltung der Gesellschaft sei – wie gern behauptet – wissenschaftlich nicht belegbar.

Hochrangige Paneldiskussionen folgen

Ein Mut machender Auftritt und Vortrag des Zukunftswissenschaftlers, der kaum besser ein- und hinleiten konnte, auf die hochkarätig besetzten Paneldiskussionen, die im Anschluss folgen sollten und unter anderem die Megatrends in Gesundheits-, Medien-, und Mobilitätsbranche diskutierten.

Die Künstliche Intelligenz (KI) beispielsweise ist nämlich auch im Gesundheitssektor ein großes, wenn nicht sogar das größte Thema der Gegenwart, auch wenn es sich freilich zu einem großen Teil mit der Zukunft beschäftigt. „Es gibt Leute, die sagen: Der Radiologe der Zukunft ist obsolet. Bilder lesen, Muster erkennen, das kann auch KI.“, erklärte Michael Sen, Mitglied des Siemens-Vorstands und dort unter anderem verantwortlich für Siemens Healthineers und die Windkraftsparte Siemens-Gamesa. Er selbst glaube nicht an ein obsolet werden des Radiologen, aber KI werde seine Rolle verändern und schlussendlich zu einer besseren Entscheidungsfindung führen, so Sen weiter.

Auch Daniel Bahr, Vorstandsmitglied bei Europas größtem Versicherer, der Allianz, blickt zuversichtlich in die Zukunft. „In Deutschland gibt es eine Steigerung von 200 Prozent der Rückenoperationen. Und das unbegründet.“, so der Experte. Mit der frühzeitigen Analyse von Daten könne hier Abhilfe geleistet werden.

Crispr/Cas als Allerheilmittel?

Stefan Oschmann, CEO des Medizinkonzerns Merck, glaubt derweil vor allem an neue Technologien, um beispielsweise in Zukunft aus vielen Krebsformen kein Todesurteil mehr zu machen, sondern einzig ein Managementproblem. Mithilfe von Crsipr/Cas, also Präzisionsgeneditierung, wie sie auch in China zur Erzeugung der womöglich HIV-resistenten Säuglinge herangezogen wurde, sollen sich in dem Feld völlig neue Möglichkeiten entwickeln.

Professor Jochen Maas, F&E-Geschäftsführer bei Sanofi, pflichtete ihm bei: Krebs könne von einer tödlichen zu einer chronischen Krankheit werden. Es sei ein Ziel, in Zukunft mithilfe von Daten unter anderem auch die Mutationen eines Tumors vorherzusagen, um sodann das nächste Medikament gleich parat haben zu können.

Medienbranche unter Druck

Nicht ganz so positiv, aber dennoch ohne Angst und voller neuer, zukunftsweisender Ideen nahmen sich in der Folge ntv-Geschäftsführer Hans Demmel, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von ProSiebenSat1, Conrad Albert, die Generalsekretärin der ARD, Susanne Pfab, Florian Haller von Serviceplan und Robert Pölzer, Chefredakteur der Bunten, den „Megatrends in der Medienbranche“ an. Bei den jungen Leuten habe es in den letzten drei Jahren einen Anstieg um 50 Prozent mit Blick auf die Nutzung von Netflix und Co. gegeben, sagte Haller , wies zudem daraufhin, dass deutsche Medien zunehmend in eine Profitabilitätskrise rutschten. ProSieben-Mann Albert konterte: Die Streaming-Dienste könnten nicht wirklich in Relevanzthemen einsteigen, sie machten keine Nachrichten- oder Eventsendungen. Hier will er mit seinem Konzern weiter investieren.
Klar dürfte sein, auch diese Branche wird sich verändern müssen, um international auf Dauer Schritt halten zu können. Auch wenn viele denken mögen: Warum soll ich was verändern, wenn die Gewinne sprudeln, gerade jetzt gelte es mehr denn je innovativ zu sein, gab Telekom-Geschäftskunden-Chef Hagen Rickmann in seiner Key-Note zu bedenken. Sonst dürften uns China oder die USA den Platz Nummer Eins in Sachen Innovation bald streitig machen, so der Manager weiter. Schon jetzt verkaufe beispielsweise Apple mehr Smartwatches, als die gesamte Uhrenindustrie der Schweiz Zeitmesser absetzt. Der Wohnungsvermittler Airbnb komme inzwischen auf 400 Zimmerbuchungen alle zwei Minuten, vor zehn Jahren waren es so viele noch in ganzen zwölf Monaten.

Ilse Aigner: „Durch Unsicherheit erodiert der Glaube an den Fortschritt“

Entwicklungen wie diese schaffen neue Arbeitsplätze und neue Berufsformen, vernichten zeitgleich aber auch ebensolche. Und das führt zu Unsicherheit in allen Teilen auch der deutschen Bevölkerung. Allein im Jahresgutachten der fünf Wirtschaftsweisen komme 47 Mal das Wort Unsicherheit vor, bemerkte die Präsidentin des bayerischen Landtags in ihrer traditionellen Ansprache auf dem Gipfel. Und durch diese Unsicherheit erodiere der Glaube an den Fortschritt. Doch dieser sei der Antrieb der sozialen Marktwirtschaft, wie sie Ludwig-Erhard einst mitbegründete, und werde damit gebremst.

Definitiv ungebremst dagegen war das Interesse an diesem ersten Gipfeltag, der mit der traditionellen Executive Night und dem damit einhergehenden Kamingespräch, diesmal mit Alexander Dobrindt, endete. Nicht enden wollte dagegen auch zu späterer Stunde der Schneefall und so erinnerte der Tegernseer Gipfel gleich nochmal mehr an Davos.

Am morgigen, zweiten Tag, dem „Finance-Day“, gehen sie dann weiter, die zukunftsweisenden Diskussionen. Und zum Abschluss wartet dann freilich noch das große Gipfel-Highlight mit der Verleihung des Freiheitspreises der Medien an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der damit die Nachfolge von Michail Gorbatschow, Reinhard Kardinal Marx, Jens Weidmann und Christian Lindner antritt. Der übrigens hatte sich im Verlauf des Tages per Video-Livestream aus Berlin zugeschaltet (siehe hier: https://bit.ly/2AGLqXi)
Oliver Götz

von Oliver Götz

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