Dez 23, 2018
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Königskind in einer kleiner Medienstadt

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Wenn Claas Relotius sein Büro im 13. Stock des SPIEGEL-Gebäudes an der noblen Hamburger Ericus-Spitze 3 verlässt, dann summt er meistens ein Lied. Nichts deutsches, denn Deutsch-Sein, das war noch nie sein Ding. Er mag die frühen Stones, aber am heutigen Tag geht ihm ironischerweise „My Way“ von Paul Anka durch den Kopf. Ein Lied, das gerne auch auf Beerdigungen gespielt wird.

Relotius umklammert die kleine Notebooktasche, als wäre sie sein größter Schatz. Er grüßt auf seinem Weg nach draußen die Angestellten, die Praktikanten, die angehenden Möchtegernjournalisten, die er in seinem Innersten verachtet, ja, verachten muss, denn diese sind für ihre Artikel auf Recherche angewiesen. Wir treffen uns an diesem verschneiten Mittwoch, an diesem für Hamburg mit 23 Grad ungewöhnlich warmen Tag bei Rudolph´s, nur wenige Schritte von seinem bisherigen Arbeitsplatz entfernt. Relotius wirkt äußerlich ruhig, höflich, fast autistisch, als er den Mantel abnimmt und an der Garderobe aufhängt, bevor er sich zu mir an den Tisch setzt. „Es ist kalt in Deutschland“, sagt er und reibt sich die frostwarmen Hände, bis seine Fingerknöchel weiß werden. Er bestellt sich eine glutenfreie Pizza, weil sie die im Rudolph´s servieren, er verträgt seit seinem letzten Einsatz als Kriegsberichterstatter in Afghanistan nichts anderes mehr. „Eine 10-Zentner-Luftmine in der Nähe von Abu Dhabi“, sagt er knapp, als ich ihn frage, wo er sich seine Glutenunverträglichkeit zugezogen hat. Er sagt, er habe Glück gehabt. Die beiden Flüchtlingskinder Hans und Grete, die ihn begleitet haben, haben die Explosion nicht überlebt. Und dabei deutet er mit den Händen die Größe der Kinder an und holt tief Luft.

Aber wir sind heute aus einem anderen Grund hier. Relotius galt als ein journalistisches Idol seiner Generation, der für seine Artikel Auszeichnung um Auszeichnung bekam. Den Deutschen Reporterpreis für die beste Reportage, das Bundesverdienstkreuz für seinen außergewöhnlichen Einsatz für schwedische Flüchtlinge, das Ritterkreuz mit Kuli und Bleistift, die Claudia-Roth-Gedenkmünze für besonders aufdringliche Empathie und das Goldene Blatt für die am besten ausgedachte Skandalgeschichte über das englische Königshaus. Auszeichnungen, die in dieser Masse selbst alte Kollegen und Kolleginnen nicht ihr eigen nennen können. Und dann das. Der tiefe Fall. Der Sturz aus dem Olymp der deutschen Betroffenheitsmagazine auf den weichen Teppichboden des Rudolph´s. Der Realität. Relotius nimmt einen Schluck von seinem Whisky-Soda ohne Wasser. Er wirkt immer noch paralysiert von den Ereignissen der letzten Stunden.

„Ich verstehe es nicht“, sagt er tonlos. „Ich habe immer mein Bestes gegeben. Ein Journalist muss sich immer mit einer Sache gemein machen, auch mit einer guten“, erklärt er. So habe er es gelernt, so habe er es praktiziert, schließlich gehe es in erster Linie darum, Haltung zu zeigen. Relotius kommt aus einer Bergarbeiterfamilie in Ostfriesland. Schon sein Großvater, aber auch sein Vater haben unter dem Tag malocht und abends dann gearbeitet. Zitronen zuerst gefaltet und dann damit gehandelt. Stundenlang. Das prägt. „Du sollst es einmal besser haben als ich“, hat ihm seine verwitwete Mutter immer wieder gesagt. Früh ist er Waise geworden. Sein Vater, ein überzeugter früher Grüner, wurde nach seiner Geschlechtsumwandlung von einem Rechtsabbieger mit einer Dampfwalze überfahren. „Da waren alle platt“, erzählt er mit einem Anflug eines Lächelns. Aber sein Lächeln erreicht nicht seine Augen. Das Ereignis hat ihn geprägt.

„Ich aber wusste, ich will Reporter werden“, sagt Relotius. Er will fortan gegen Rechts kämpfen. Mit allen legalen und fast allen illegalen Mitteln, die seine Profession kennt. Er studiert Islamophobie, Stepptanz und Politik- und Kulturwissenschaft in Bremen und Valencia. In Bremen schließt er mit der Bestnote „Ganz phantastisch“ ab und die Kantine auf dem Bremer Kampus heißt bis heute „Claas-Room“. Sie werden den Namen nun ändern.

Ja, Relotius hat gelogen. Hat sich seine Reportagen erfunden, erträumt, ergänzt, weggelassen, hinzugefügt, umformuliert, gefeilt, abgeschrieben, zusammengeklaubt – aber ist es nicht gerade das, was einen guten Geschichtenerzähler ausmacht? Das Ausschmücken, die Pointe, die Moral? Kann, ja muss sich Relotius hier für eine Handlungsweise Vorwürfe machen lassen, die wir andererseits an Ikonen wie Karl May, den Gebrüdern Grimm, Münchhausen und Andrea Nahles schätzen? Relotius weiß es nicht. Er sieht ein, einen Fehler gemacht zu haben, wenn Haltung denn ein Fehler ist, aber er versteht nicht, warum ihn das Spiegel-Magazin für seine Methode tadelt, wenn doch die Springer-Presse und die ganzen anderen konservativen Magazine und Zeitungen sich der gleichen Methoden bedienen. Darum geht es doch. Es geht um Waffengleichheit. Um Fairness. Um Moral. Und um Ethik. Was spielt es da für eine Rolle, dass er nie wirklich auf der Bismarck war, als sie vor Gibraltar venezuelanische Flüchtlinge aus Seenot rettete? Warum soll es wichtig sein, dass er gar nicht anwesend war, als Kim Jong Un mit Donald Trump Blutsbrüderschaft geschlossen hat? Es geht doch um die Aussage, nicht um die Geschichte an sich.

Wir haben beide unsere Pizza gegessen. Relotius hat seine Hände auf der Tischplatte vor sich derart fest geschlossen, dass die Knöchel weiß hervortreten. Der Spiegel hat das Motto „Sagen, was ist“. Er hat es für sich interpretiert. Als „Sagen, wie es sein sollte“. Er hat für eine bessere Welt gekämpft. Eine Welt ohne Kriege, ohne Krisen, ohne AfD, aber mit viel Liebe. Dafür hat er geschrieben, dafür ist er gegangen und dafür hat er seine Karriere riskiert. Geerntet hat er Undank und Tadel. Relotius steht auf, ich zahle die Rechnung. Umgerechnet 80 Mark haben wir verfressen. Es wird für lange seine letzte glutenfreie Pizza sein. Er bedankt sich mit leiser, tonloser Stimme. Dann nimmt er seinen Mantel und geht. Und beim Hinausgehen summt er ein Lied.

 


Thilo Schneider, geboren 20.09.66, lebt, liebt und leidet in Aschaffenburg. Je nach Gemütszustand ist er Finanzmakler, Autor, Kabarettist und für die kommunale FDP engagiert. Unabhängig davon betreibt er den Blog „Politticker“ auf Facebook und www.thiloswunderbarewelt.blogspot.com

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Klare Kante · Publico

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