Dez 11, 2019
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Kemalisten laufen Sturm gegen die ARD und einen Türkei-Experten

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Türksiche Soldaten und Zivilbevölkerung in Dersim

Einem TV-Bericht
über das Massaker an der alevitischen Bevölkerung in Dersim 1937/38 folgte eine
Welle der Empörung und des Protests.

Im Sommer 2019
reisten der Hamburger Journalist Karaman Yavuz und die ebenfalls in der
Hansestadt lebende Pädagogin und Alevitin Deniz Karakaş ins kurdische Dersim, das im Zuge der Türkisierung 1937 in Tunceli –
übersetzt „Eiserne Hand“ – umbenannt wurde. Dort leben Zaza, traditionell ein
alevitischer kurdischer Stamm mit Zaza als eigener Sprache. Vor dem Genozid an
der armenischen Bevölkerung lebten dort auch viele Armenierinnen und Armenier,
während des Genozids fanden Verfolgte dort Unterschlupf. 1937 lebten dort etwa
150.000 Menschen alevitischen Glaubens, bis heute gibt es dort die größte
alevitische Population in der Türkei. Etwa 150.000-200.000 Menschen mit Wurzeln
in der Region leben heute in Deutschland.

Das Produkt dieser
Reise ist ein Fernsehbeitrag, den das Kulturmagazin „Titel,
Thesen, Temperamente
“ unter dem Titel „Das vergessene Massaker – Wie Kemal
Atatürk Aleviten ermorden ließ“ am 1. Dezember ausstrahlte.

Nach der Sendung
richtete sich eine Welle des Protests gegen die ARD. Anhänger Atatürks,
Kemalisten genannt, aus dem Aus- und Inland, sahen das Andenken ihres Idols
beschmutzt, er sei gar mit Hitler verglichen worden, hieß es. Das stimmt zwar
nicht, dazu weiter unten mehr, führte jedoch dazu, dass auch türkische
Medien
sich mit dem „Skandal“ beschäftigten.

Das
veranlasste den promovierten Politikwissenschaftler Burak Çopur, Lehrbeauftragter
am Institut für Turkistik der Universität Duisburg-Essen, eine Stellungnahme zu dem Bericht zu verfassen, mit der er die darin getätigten Aussagen
stützte. Als Folge dessen gab es einen Proteststurm gegen Burak Çopur, der in der Forderung an die Leitung der Uni gipfelte, ihn zu
entlassen. Die stellte sich indes hinter den Türkei-Experten.

Ein Stück Familiengeschichte

Die Zwangsassimilation
wurde 1937/38
gewaltsam durchgesetzt, in der offiziellen türkischen
Geschichtsschreibung forderten die Übergriffe der türkischen Armee auf die
Region 14.300 Todesopfer, Historiker hingegen sprechen von 40.000-70.000 Toten,
etwa 12.500 Menschen sollen in Provinzen in der Westtürkei zwangsumgesiedelt
worden sein. Menschen wurden erschossen, geköpft, verbrannt, vertrieben,
umgesiedelt und im Westen des Landes zwangsassimiliert. Das Gebiet wurde aus
der Luft angegriffen und bombardiert, Kinder zur Adoption in türkische Familien
gegeben, auf dass aus ihnen gute Patrioten werden.

Mädchen wurden vor
der Ermordung z. T. noch vergewaltigt, damit sie nicht als Jungfrau ins
Paradies eingehen. 72 davon warten ja bekanntlich auf alle muslimischen
Märtyrer, nicht auszudenken, dass sie dabei an Kurdinnen geraten, Ungläubige
noch dazu. Das wurde nicht nur in Dersim 1937/38 so praktiziert, sondern ist
bis heute in der muslimischen Welt anzutreffen, ebenso dass nicht verheiratete
Frauen vor der Hinrichtung vergewaltigt werden. Es ist nicht die Regel, aber
auch keine Ausnahme.

2010 gründete der kurdische
Filmemacher Cemal Taş in der Türkei das
Projekt „Dersim 1937/38“, ein Oral-History-Projekt, zu dem er sich von der
Aufarbeitung der Verbrechen in der NS-Zeit inspirieren ließ. Taş entstammt selbst einer Vertriebenen-Familie und sondern somit auch
seine Familiengeschichte. Das Projekt fand auch im Ausland Unterstützung, u.a. der
in Deutschland lebende Sozialpädagoge Yaşar Kaya
engagiert sich dort.

Im Rahmen des
Projektes wurden mittlerweile Hunderte Überlebende interviewt, sowohl Opfer als
auch Täter. Nach und nach kristallisierte sich so ein ungefähres Bild der Massaker
heraus, die von den Menschen in Dersim heute als Genozid betrachtet werden. Die
Menschen wurden wie Vieh zusammengetrieben, Kilometer weit in die Berge
gebracht oder entfernten Täler gebracht und ermordet.

Da den Militärs
die vielen Kugeln als zu teuer erschienen, ließen sie per Bajonett morden.
Menschen, die sich in Höhlen gerettet hatten, wurden ebenfalls ermordet. Und
zwar – jetzt wird es für Deutschland interessant – mit Giftgas, das Begründer
und Präsident der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, aus Nazi-Deutschland liefern
ließ. Zudem eine automatische Befüllungsanlage. Ein kürzlich aufgetauchtes offizielles
Dokument
bestätigt die Bestellung – unterschrieben von Atatürk persönlich –
und die Abwicklung der Lieferung. 

Held mit Schattenseiten

Mustafa Kemal
Atatürk gilt als Begründer der modernen türkischen Republik und wird als
fortschrittlicher, westlich orientierter Staatsmann verehrt, von manchem wie
ein Gott. Im Zuge dieser Verehrung werden gern ein paar Tatsachen weggelassen,
die ebenfalls zur Person Atatürk gehören – und zu seiner politischen Agenda.
Denn im Gegensatz zur weit verbreiteten Annahme, er habe die Republik von der
Religion lossagen wollen, war sein Anliegen lediglich, die Religion der
Republik unterzuordnen.

Der türkische
Laizismus à la Atatürk stellt die Religion unter staatliche Kontrolle, wozu am
3. März 1924 das „Amt für religiöse Angelegenheiten“ DIYANET gegründet wurde.
So sollte garantiert werden, dass der Klerus nicht erstarken und dem
Atatürk-Regime gefährlich werden konnte.

Erst nachdem der
heutige Präsident Recep Tayyip Erdoǧan Staatschef
wurde, änderte sich der Zweck von DIYANET: Die staatliche Religionsbehörde hat
heute die Aufgabe, die Islamisierung voranzutreiben – nicht nur in der Türkei,
sondern auch im Ausland, z. B. über den Religionsverband DITIB, der zu 100% der
Religionsbehörde DIYANET untersteht, die wiederum vollkommen unter der
Kontrolle Erdoǧans steht.

Atatürk schwebte
seinerzeit eine moderne Republik nach westlichem Vorbild vor, mit einer
homogenen Bevölkerung, die aus stolzen sunnitischen Türken bestehen sollte.
„Ein Staat – eine Sprache – eine Nation“ war das Credo Atatürks, schon in der
Schule werden die Kinder darauf eingeschworen: „Ich bin stolz, ein Türke zu
sein“ ist sozusagen das Morgengebet in türkischen Schulen – in allen Regionen
der Türkei, unabhängig von der multi-ethnischen und multi-religiösen
Bevölkerung. Wer sich dem nicht beugen wollte, hatte alsbald ein Problem, wie
z. B. die Zaza in der Region Dersim.

Mustafa Kemal
führte in rasantem Tempo rigorose Veränderungen durch, die keineswegs
Verschlechterungen für die Bevölkerung bedeuteten. Im Gegenteil, z. B. Frauen
profitierten sehr davon.

Er schaffte das
islamische Recht, die Scharia ab, ersetzte es durch ein Rechtssystem basierend
auf Schweizer Zivilrecht, italienischem Strafrecht und deutschem
Wirtschaftsrecht. Das bedeutete u.a. die rechtliche Gleichstellung von Frauen
und Männern, eine Reform des Scheidungsrechts, die Universitäten wurden für
Frauen geöffnet, und sie erhielten 1930 das aktive und 1934 das passive
Wahlrecht. Die arabische Schrift wurde durch lateinische ersetzt, Türkisch als
Landessprache eingeführt, der Kalender wurde auf die christliche Zeitrechnung
umgestellt, das Tragen von religiöser Kleidung in der Öffentlichkeit wurde
verboten, auch für Männer. Bis heute gilt die Türkei als moderner islamischer
Staat westlicher Prägung, auch wenn Präsident Erdoǧan gern das Kalifat wiederauferstehen lassen würde.

Atatürks Adoptivtochter

Trotzdem hat diese
Erfolgsgeschichte auch ihre Schattenseiten. Angefangen beim Genozid an der
armenischen Bevölkerung, die zwar vor der Staatsgründung stattfand, aber
Atatürk baute die moderne Republik quasi auf den Leichenbergen auf. Eine
Aufarbeitung dieses Teils der Geschichte gab es nicht und nicht nur in Dersim
wurde und wird neben der kurdisch-alevitischen auch die armenische Bevölkerung
diskriminiert und z. T. massakriert. Der hierzulande wohl bekannteste Armenier,
der Verleger Hrant Dink, wurde am 19. Januar 2007 von einem türkischen National-Islamisten
ermordet. Hinter der Tat wurden Drahtzieher aus dem
nationalistisch-terroristischen Milieu vermutet.

Das moderne
Frauenbild entwarf Atatürk nicht nur theoretisch, sondern lebte selbst
entsprechend. Eine seiner Adoptivtöchter, Sabiha Gökçen, wurde mit seiner Unterstützung die erste Kampfpilotin der Türkei;
der Istanbuler Flughafen ist nach ihr benannt. Sie war eine der ersten Pilotinnen
der Welt und die erste Frau, die beim türkischen Militär einen Kampfjet flog.
Bei ihren Einsätzen warf sie auch Bomben über
der Region Dersim
ab.

Hrant
Dink recherchierte
, dass Sabiha Gökçen möglicherweise
Tochter eines armenischen Ehepaares war. Der Vater kam demnach während des
Genozids ums Leben, weshalb das Mädchen in einem Waisenhaus untergebracht
wurde. Dieses Waisenhaus besuchte Atatürk, kam so in Kontakt mit dem Mädchen
und soll sie adoptiert haben, obwohl die Mutter noch lebte. Das zumindest
beschrieb Hripsime Sebilciyan Gazalyan in einem Interview mit Hrant Dink, das
dieser in der armenisch-sprachigen Wochenzeitung Agos 2004 abdruckte. Seine Interviewpartnerin will in Sabiha Gökçen ihre Tante Hatun Sebilciyan erkannt haben. Die Aussagen der Frau
belegte Hrant Dink mit verschiedenen Dokumenten. Die Enthüllung hatte zur
Folge, dass Hrant Dink Morddrohungen erhielt.

Historische Einordnung eines Experten

Der
Politikwissenschaftler Burak Çopur
veröffentlichte schließlich folgende Stellungnahme
zur ARD-Sendung auf seiner Facebook-Seite, die er allerdings wieder zurückzog, als
sich der Protest auch gegen seine Person richtete. Davon werde er sich dennoch
nicht einschüchtern lassen und die Wahrheit verschweigen, betonte der
Wissenschaftler auf Facebook:

„Anlässlich des ARD-Beitrages zum Dersim-Massaker 1937/38 hier noch ein paar historische Fakten und Anmerkungen:

1. Einen Hitler-Atatürk-Vergleich halte ich in diesem Zusammenhang nicht für besonders förderlich und der historischen Aufarbeitung nicht dienlich. Diese Analogie hat es nach meiner Interpretation des ARD-Beitrages auch nicht gegeben. Die ARD hat das in einer aktuellen Stellungnahme klargestellt (https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/atatuerk100.html)

2. Dass allerdings Atatürk nichts von den Geschehnissen in Dersim wusste und ‚in seinem Sterbebett lag‘, ist eine weitverbreitete türkische Legende und boshafte Geschichtsfälschung. Das Massaker wurde von ihm als Staatschef unter seiner Federführung von langer Hand in drei Schritten geplant:

a) Verabschiedung der Deportationsgesetze 1927/1934 („İskân Kanunuları“): Mit diesen Gesetzen wurde die Region Dersim zunächst entvölkert, mit muslimischen Migranten aus dem europäischen Teil des Osmanischen Reiches besiedelt und eine Turkisierung des Dersimer Volkes angetrebt.

b) Verabschiedung des ‚Tunçeli-Gesetzes‘ 1935 (‚Tunçeli-Kanunu‘): Mit diesem Gesetz wurde in Dersim der Ausnahmezustand ausgerufen und [die Stadt] durch die Entsendung eines Militärgouverneurs unter eine Art Militärdiktatur gestellt – bspw. mit weitreichenden Kompetenzen bei der eigenständigen Durchführung von Todesstrafen.

c) Verlegung von Eisenbahnschienen zur militärischen Belagerung Dersims (1930-1937): Insgesamt etwa 80 Prozent der Eisenbahnschienen wurden zur Vorbereitung einer Militäroperation im Südosten der Türkei zur Belagerung Dersims verlegt (aus dem Westen von Sivas 1930 und Malatya 1931, aus dem Süden aus Elazığ 1934 und Diyarbakır 1935, aus dem Norden von Erzincan 1937). Den militärischen Angriffsplan auf Dersim hat Atatürk selbst entworfen, der in seiner Residenz in Trabzon besichtigt werden kann. Seine Stieftochter Sabiha Gökçen hat dann als Kampfjetpilotin die Bomben über Dersim abgeworfen.

3. Man muss diese historischen Fakten kennen, aber für eine sinnvolle historische Aufarbeitung ist es erforderlich, sich nicht nur auf Personen und Symbolfiguren zu konzentrieren. Vielmehr sollten tragische Ereignisse wie das Massaker in Dersim in einen historisch-politischen Kontext eingeordnet werden.

Es herrschte Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa Nationalismus, Rassismus und Autoritarismus. Die Türkei infizierte sich zu dieser Zeit ebenfalls mit diesen menschen- und demokratiefeindlichen Ideologien und führte Massenmorde an Armeniern, Kurden und Aleviten durch. Diese Minderheiten passten eben nicht in die Homogenisierungs- und Turkisierungsvorstellungen der jungen türkischen Republik und mussten deshalb vernichtet werden.

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung und historische Aufarbeitung muss vielmehr der Aufdeckung und Entlarvung dieser (leider bis heute) existierenden menschen- und minderheitenverachtenden Ideologien des Nationalismus und Rassismus gelten. Ansonsten hat fast jedes Land eine ‚dunkle Geschichte‘ und ‚Leichen im Keller‘. Nicht den Täterstaaten und Regierungen, sondern den Opfern und Hinterbliebenen dieser weltweiten Verbrechen gegen die Menschlichkeit gilt daher unsere Anteilnahme, unser Mitgefühl und unsere tiefste Trauer…“

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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