Mai 30, 2019
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Kein Konservativer mehr: Alexander Gauland bleibt ein Rätsel

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Der reißerische Buchumschlag soll zum Kaufen animieren, wird aber den feinfühligeren Zeitgenossen eher abschrecken. Der Name Gauland wird dort in zwei Bestandteile getrennt (Gau“ und „Land“) und soll wahrscheinlich schlimme Assoziationen wecken. Auch der Untertitel „Die Rache des alten Mannes“ ist so abgedroschen, dass eigentlich nur noch der Zusatz „des alten weißen Mannes“ fehlt. Und trotzdem lohnt Olaf Sundermeyers biographischer Essay über den Publizisten und Politiker Alexander Gauland die Lektüre.

Der Werdegang des in Chemnitz geborenen Beamtensohns wird nicht chronologisch erzählt. Der Autor springt hin und her, was manchmal die Übersicht erschweren mag. Auch die Gewichtung der einzelnen Lebensabschnitte ist recht willkürlich geraten. Wahrscheinlich aufgrund der Kürze des Buches fallen bestimmte Lebensabschnitte fast völlig durch den Rost. Gauland war viele Jahre Herausgeber der „Märkischen Allgemeinen“. Hierüber erfährt der Leser wenig bis gar nichts. Auch die Themen und Inhalte seiner Bücher und Zeitungsartikel werden kaum beleuchtet. Dabei war es Gauland über Jahrzehnte gelungen, in linken und rechten Medien und denen der politischen Mitte zu publizieren. Wem es gelingt, sowohl in der „Welt“ als auch in der taz, in der rechtskonservativen Zeitschrift „Criticón“ wie auch im ganz linken Frankfurter Stadtmagazin „Pflasterstrand“ zu veröffentlichen, dessen Themen und Thesen dürften nicht ganz uninteressant (gewesen) sein.

Zu einem Gesamtbild Gaulands reicht es nicht

Befremdlich erscheinen auch die Spekulationen über Gaulands Gesundheitszustand. Da ist die Rede von schweren Depressionen, reichlichem Alkoholgenuss und Herzproblemen. Manches erscheint hier einfach indiskret, und ob man aus Gaulands eventuell vorhandener Krankheit (Depression) Rückschlüsse auf sein politisches Handeln ableiten kann, sei dahingestellt. Letztlich lässt sich so etwas nicht beweisen.

Der Autor macht Gauland der Vorwurf, dass er verantwortlich sei für das Erstarken rechtsextremer Strömungen im Land. Dabei war und ist der Porträtierte selbst kein Rechtsextremist. Über lange Jahre seines Lebens war er ein Konservativer mit einer Neigung zur englischen Lebensart, Literatur und zu Edmund Burke. Als Büroleiter von Walter Wallmann in Frankfurt und Wiesbaden war er sowohl in der Kommunal- und in der Landespolitik aktiv – zumeist in der zweiten Reihe, als Berater, Kulturpolitiker und Redenschreiber. Gauland ist unzweifelhaft ein Intellektueller. Von welchem anderen Fraktions- und Parteivorsitzenden auf Bundesebene ließe sich dies sagen?

Sundermeyer schreibt, Gauland sei unnahbar, nur wenige Dinge überhaupt berührten ihn. Doch auf der anderen Seite erklärt er den radikalen Bruch in Gaulands Leben mit einer narzisstischen Störung. Er habe auch einmal in der ersten Reihe stehen wollen und sei frustriert gewesen, dass sein Rat in der CDU nicht mehr gefragt gewesen sei. Dies mag alles so sein, doch beweisen lässt es sich nicht.

Letztlich stehen wir vor einem Rätsel. Gauland war lange Zeit fester Bestandteil des westdeutschen Establishments und des Frankfurter Bürgertums. Er ist nicht durch rassistische, nationalistische oder extremistische Thesen aufgefallen. Seine Vorliebe für britische Nobelfahrzeuge (Jaguar), Tweed-Sakkos und Cordhosen unterscheidet ihn sehr deutlich von den Vorlieben mancher eher finsterer Gestalten, die Sigmar Gabriel einst als „Pöbel“ tituliert hat.

Warum tut sich ein 1941 geborener Mann diesen Stress, den Bruch persönlicher Beziehungen, die Anfeindungen und teilweise auch Drohungen durch politische Gegner an? Gauland spaltet das Land. Von seinen Anhängern wird er verehrt. Er dient als Leit- und Integrationsfigur. Von seinen Gegnern wird er gehasst und lächerlich gemacht.

Kein Konservativer mehr

Was man vielleicht sagen kann ist, dass Gauland (inzwischen) verantwortungslos spricht und handelt. Er ist längst kein Konservativer mehr, hat fast alle Brücken hinter sich abgebrochen und paktiert mit Menschen, die definitiv das herrschende „System“ abschaffen wollen. Für welche positiven Inhalte, für welche Zukunftsvisionen steht er? Hier fallen einem wenige Dinge ein.

Eine „richtige“ Biographie Gaulands kann wohl erst geschrieben werden, wenn dieser als Politiker abgetreten ist und man weiß, wie sich die AfD entwickeln wird.

Gauland hat „seine“ Partei so weit nach rechts gedreht oder drehen lassen, dass es für ihn keinen Weg mehr zurückgibt. Ob er sich inzwischen in der Gesellschaft Björn Höckes und anderer wohler fühlt als zu früheren Zeiten, als ihm die Spalten der bürgerlichen Salons und Publikationen noch offenstanden? Man mag es sich eigentlich nicht vorstellen. Aber auch diese Vermutung bleibt bloße Spekulation.

Olaf Sundermeyer: Gauland. Die Rache des alten Mannes. Verlag C.H. Beck: München 2018. ISBN 978 3 406 72710 8. 14,95 Euro.

von Ansgar Lange

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Klare Kante · The European · The European

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