Dez 13, 2019
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Judäophobie im Wandel

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Anti-Israel-Demonstration in Stuttgart. Sommer 2014

Seit es das jüdische Volk gibt, erfährt es eine eigenartige Ablehnung. Tatsächlich gab es immer Nichtjuden, die sich vorgenommen hatten: „Kommt, wir vernichten sie, so dass sie kein Volk mehr sind. Des Namens Israel soll nicht mehr gedacht werden!“ (Psalm 83,5). Dieser Hass auf ein Volk ist einzigartig. Selbst in Ländern, in denen es gar keine Juden gibt, ist er nachweisbar.

Johannes Gerloff

Im Laufe der Geschichte erwies dieses Gefühl eine interessante
Anpassungsfähigkeit an die jeweilige „political correctness“ einer Zeit, Kultur
oder Gesellschaft. Das zeigt der Wandel der Begründung für die immer gleiche
Judäophobie.

Mutationen des Judenhasses

Der Pharao des alten Ägypten fühlte sich demografisch von seinen
hebräischen Sklaven bedroht. Er befürchtete, dass sie im Falle eines Krieges
zur „fünften Kolonne“ werden könnten (Exodus 1,8-10). Der persische Großwesir
Haman begründete sein Vernichtungsvorhaben damit, die Juden hätten Gesetze, die
sich von denen aller anderen Völker unterschieden (Ester 3,8). Martin Luther
rechtfertigte seine Gegnerschaft gegen das jüdische Volk religiös. Im Rahmen
dieses Begründungsmusters konnte ein Jude sich durch Bekehrung immerhin noch
retten.

Im 19. und 20. Jahrhundert schließlich mutierte der uralte
Israelhass zum Antisemitismus. Dieser Denkansatz fand den Grund für den Kampf
gegen das jüdische Volk im Blut und in den Genen. Das Infame daran: Kein Mensch
jüdischer Abstammung kann sich der Verfolgung entziehen.

Als in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kein Westeuropäer
mehr guten Gewissens Antisemit sein konnte, führte das sowjetische Propagandaministerium
gezielt den Begriff des Antizionismus ein. Seither richtet sich die Judäophobie
politisch völlig korrekt gegen den politischen Ausdruck des jüdischen Volkes.
Praktisch an dieser Begründung des Negativgefühls gegenüber Juden ist, dass man
es hegen kann, ohne religiös oder gar rassistisch sein zu müssen.

Alte Verleumdungen neu aufgewärmt

Doch oft verraten sich die ewig gleichen Denkmuster, wenn alte
Verleumdungen neu aufgewärmt werden. Waren es im Mittelalter Blutlegenden, die
Juden beschuldigten, Christenkinder zur Herstellung ihrer Mazzen zu schlachten,
ist es heute der Vorwurf „Kindermörder Israel“. Und wo vor tausend Jahren
behauptet wurde, Juden hätten die Brunnen Europas vergiftet, wird heute
verbreitet, Siedler verseuchten das Wasser der Palästinenser.

Man muss allerdings keine raffinierte Gedankenakrobatik betreiben,
um zu sehen: Das alte Gespenst Judäophobie ist in Mitteleuropa quiek lebendig.
Rassistische Zettel, beleidigende E-Mails, antisemitische Parolen bei
Fußballspielen oder einfach nur Bemerkungen im Vorbeigehen, Wandschmierereien
und die Schändung von Gedenkstätten und Friedhöfen sind offensichtliche
Symptome.

Deutschland aktuell

So wurde am 1. Mai 2019 in Frankfurt am Main ein jüdischer
Geschäftsmann als „Scheißjude“ beschimpft. Am 6. Mai forderte in Hamm die
nordrhein-westfälische Linksjugend auf Facebook die vollständige Vernichtung
des Staates Israel. Am 10. Mai wurde in Berlin am Gedenkort für Opfer eines
Terroranschlags eine Israelflagge verbrannt. Am 18. Mai spielte die Partei „Die
Rechte“ vor der Synagoge in Pforzheim Tonaufnahmen einer mehrfach verurteilten
Holocaust-Leugnerin ab. Am selben Tag wurde im niedersächsischen Hemmingen ein
Brandanschlag auf das Haus eines jüdischen Ehepaars verübt.

Am 1. Juni muss sich in Berlin-Charlottenburg eine junge Jüdin
anhören: „Eigentlich müsste Hitler wiederkommen und auch den Rest töten.“
Am 13. Juli bedrängt in Freiburg ein Mann die Vorsitzende der jüdischen
Gemeinde: „Mich wundert nicht, dass Hitler euch vergast hat, euch Idioten.“
Und: „Ab mit euch! Sonst schlag ich dich tot, du Hure!“ Am 10. August wird im
Berliner Flughafen Tegel ein Mann mit Davidstern-Kette von Mitarbeitern
beleidigt und vom Flug ausgeschlossen. Drei Tage später wird ein Jude in
Charlottenburg von zwei Männern zu Boden gestoßen. Augenzeugen greifen laut dem
Opfer nicht ein.

Im September wird in Berlin ein junger Mann, der sich vor einer
Diskothek auf Hebräisch unterhält, ins Gesicht geschlagen. Trotz
Auftrittsverbots für zwei antisemitische Rapper nehmen im selben Monat in der
deutschen Hauptstadt 500 Menschen an einer israelfeindlichen Kundgebung teil.
Bei einem Fußballspiel in Frankfurt am Main wird der israelische Schiedsrichter
als „Judensau“ bezeichnet.

Als dann am 9. Oktober in Halle an der Saale ein schwer bewaffneter
Mann versucht, in eine Synagoge einzudringen, ist kein jüdischer Mensch, der
Deutschland kennt, wirklich erstaunt. Der Plan des Gewalttäters scheitert, weil
die jüdische Gemeinde gute Sicherheitsmaßnahmen getroffen hatte. Doch zwei
Passanten werden ermordet.

Wer in der deutschen Öffentlichkeit des 21. Jahrhunderts eine
Kippa oder einen Davidstern trägt, Hebräisch spricht, eine Israelfahne zeigt
oder sonst irgendwie seine Verbundenheit mit dem jüdischen Volk zeigt, muss
davon ausgehen, beleidigt, beschimpft, bedroht, mit Steinen beworfen oder
verprügelt zu werden. 2019 wurde Juden in der Bundesrepublik Deutschland der
Zugang zu Restaurants verwehrt, und sie bekamen den Hitlergruß zu sehen.

Analysen

Eine Statistik des Bundeskriminalamts verzeichnet zwischen Januar
und Juni 2019 442 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund. Die „Recherche-
und Informationsstelle Antisemitismus“ (RIAS) beobachtet die Lage in
Deutschland und registriert die Fälle, die ihr gemeldet werden. Die Welt
veröffentlicht am 24.10.2019 ohne Anspruch auf Vollständigkeit eine Liste von
achtzig Vorfällen zwischen 1. Januar und 9. Oktober 2019, dem Jom Kippur des
Jahres 5780 (nach jüdischer Zeitrechnung „seit Erschaffung der Welt“), als der
gewalttätige Vorfall in Halle eine neue Zäsur setzte. Die deutsche Tageszeitung
kommt zu dem Schluss: „Hass auf Juden ist in Deutschland Alltag“.

Vor dem Anschlag in Halle wurden im Auftrag des Jüdischen
Weltkongresses 1 300 Menschen befragt. Die Studie ergab, dass
27 Prozent der Deutschen antisemitische Gefühle hegen. 41 Prozent
meinten, Juden redeten zu viel über den Holocaust, hätten zu viel Macht in der
Wirtschaft oder trügen die Verantwortung für die meisten Kriege auf der Welt.

Resümee

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein,
kommt zu dem Schluss: „Antisemitismus war in bürgerlichen Kreisen in
Deutschland immer vorhanden. Doch heute äußern sich die Menschen offener.“ Der
israelbezogene Antisemitismus in Deutschland liegt bei 40 Prozent.
Handlungen der israelischen Regierung werden mit dem gleichgesetzt, was die
Nationalsozialisten der jüdischen Bevölkerung in Europa angetan haben.

Die Abneigung gegen das jüdische Volk, seinen Glauben, seine Kultur
und seinen Staat durchzieht alle Bereiche des täglichen Lebens in Deutschland.
Gesellschaftlich lässt sich diese Antipathie nur schwer verorten. Die Autoren
der oben aufgezählten Symptome sind Akademiker und Handwerker, Adelige und
Bürgerliche, Fußballfans, einfache Passanten, Bus- und Taxifahrer, Polizisten
und Politiker.

Importierter Judenhass?

Immer wieder ist zu hören, Migranten aus islamischen Ländern hätten
einen neuen Antisemitismus in die deutsche Gesellschaft importiert. An dieser
Behauptung ist richtig, dass eine tiefsitzende Judäophobie ein entscheidender
Faktor im Nahostkonflikt um den modernen Staat Israel ist. Interessanterweise
wird das von Nahostexperten, Politikern und Diplomaten jedoch kaum
verbalisiert.

Tatsache ist, dass arabische Regierungen und ihre Diplomaten oft
„israelfreundlicher“ sind, als die Bevölkerung, die sie vertreten. So mussten
etwa palästinensische Unterhändler um ihr Leben fürchten, als der katarische
Nachrichtensender Al-Jazzeera im Januar 2011 veröffentlichte, zu welchen
Zugeständnissen sie gegenüber dem jüdischen Staat bereit gewesen wären. Es ist
Fakt, dass sowohl die Praxis, Juden in Ghettos zu sperren, als auch die
Kennzeichnung mit einem gelben Stück Stoff ihren Ursprung in der arabischen
Welt haben.

Aber wir sollten historische Entwicklungen nicht auf den Kopf
stellen. Der Islam hat in Sachen Judenhass viel vom Christentum gelernt, wenn
nicht gar einen Großteil seiner Argumentation auf diesem Feld übernommen. Dazu
gehört das christliche Motiv des Gottesmordes. Die islamische Tradition
behauptet, Mohammed sei von einer Jüdin vergiftet worden.

Richtig ist allerdings auch, dass das Christentum nicht der Urheber
des Phänomens der Judäophobie war. Viele Vorurteile und Vorgehensweisen haben
Christen in der Antike aus ihrem heidnischen Umfeld übernommen, das alles
andere als judenfreundlich war.

Engagement gegen Antisemitismus

Damit stellt sich allerdings die Frage an das moderne Deutschland
genau wie an das antike Christentum, warum man sich im Blick auf den Judenhass
immer wieder so anpassungsfähig erwiesen hat?

In der deutschen Öffentlichkeit machen sich zudem Menschen mit
Migrationshintergrund hörbar gegen Antisemitismus stark. Zu nennen ist da nicht
nur der außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Bijan Djir-Sarai, der immer
wieder anmahnt, die Politik der Bundesregierung gegenüber Israel sei
korrekturbedürftig. Auch der Psychologe Ahmad Mansour zeigt einen
bewundernswert unerschrockenen Einsatz gegen Rassismus, Bigotterie und
Fremdenfeindlichkeit.

Aus der Perspektive Israels

Die Medien in Israel beschäftigt der weltweit zunehmende
Antisemitismus sehr. Die Jerusalem Post erwähnt, dass 2018 in Frankreich
eine Zunahme von 74 Prozent, in Deutschland im selben Zeitraum eine
Zunahme von 60 Prozent antisemitischer Vorfälle verzeichnet wurde. In den
USA haben sich im gleichen Jahr die Vorfälle rassistisch motivierten
Judenhasses mehr als verdoppelt. Haaretz ergänzt, dass Australien 2019
bereits eine Zunahme von 30 Prozent an antisemitischen Vorfällen
verzeichnen muss.

Judäophobie weltweit ist ein Dauerthema im Staat Israel, der sich
per Definition als Zufluchtsort für verfolgte Juden versteht. Man fragt sich,
was ein Wahlsieg von Labour unter Jeremy Corbyn für Großbritanniens Juden
bedeutet. Aufmerksamkeit gewinnt, wenn der Triester Stadtrat Fabio Tuiach
behauptet, es sei „anstößig für Christen, Jesus einen Juden zu nennen“. Donald
Trumps Verbindungen zur rechts-nationalistischen Szene in den Vereinigten
Staaten sind ebenso Thema, wie die ermutigende Meldung, das französische
Parlament habe Antizionismus als Form des Antisemitismus verurteilt.

Selbstverständlich wird seit Jahren die BDS-Bewegung analysiert,
die vor allem an amerikanischen Universitäten mit ihrer explizit
antiisraelischen Rhetorik an Einfluss gewinnt. Dabei wird klar: „Antisemitismus
ist nicht länger das exklusive Feld von Rechtsaußen. Er hat sich in der
politischen Linken festgesetzt, deren Mitglieder traditionell anti-rassistische
Standpunkte vertreten, dann aber antisemitische Narrative vertreten, wenn sie
den Staat Israel kritisieren.“

Scharanskys „3-D-Test“

Nathan Scharansky war „Zionsgefangener“ in sowjetischen
Gefängnissen, bekleidete verschiedene Resorts als Minister der israelischen
Regierung und diente zuletzt fast zehn Jahre lang als Vorsitzender der
Exekutive der Jewish Agency. Das Schach-Genie hat einen „3-D-Test“ entwickelt,
der zeigen soll, wann legitime Israelkritik zum Antisemitismus wird: Wenn das
jüdische Volk und sein Staat „d“ämonisiert oder „d“elegitimiert werden und ein „d“oppelter
Standard anlegt wird.

Rabbi Wolicki und die christliche Theologie

Der modern-orthodoxe Rabbiner Pesach Wolicki engagiert sich im
christlich-jüdischen Dialog. Er beobachtet eine Wandlung in der antijüdischen
Polemik christlicher Theologen. Martin Luther hatte sich lustig gemacht über
Juden, die daran festhielten, dass sie eines Tages in das Land Israel
zurückkehren würden. Für Luther war klar, dass das niemals geschehen würde – so
klar, dass er sich sarkastisch festlegen konnte: Sollte das geschehen, „so
sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden
werden.“

„Wie würde Luthers Theologie über die Juden aussehen“, fragt
Wolicki, „hätte der moderne Staat Israel in seiner Zeit existiert, wohlhabend
und von Millionen von Juden bevölkert, die von allen vier Enden der Erde
zurückgekehrt sind? Ich glaube nicht, dass Luther zum Judentum konvertiert
wäre. Aber hätte er dieselbe Aussage auf diese Weise gemacht? Gewiss nicht.“

Wolicki beobachtet, dass sich christliche Theologen heute nicht
mehr über die Rückkehrhoffnung des jüdischen Volkes lustig machen können. Der
Staat Israel ist Fakt. Christliche Kritik an der jüdischen Existenzberechtigung
muss jetzt an anderer Stelle einsetzen: Sie stellt die Kontinuität des Volkes
Israel aus biblischen Zeiten bis in die Gegenwart in Frage. „Ich denke nicht,
dass die alttestamentliche Nation Israel und die moderne Nation Israel dasselbe
Volk sind. Noch sollten sie das nach meiner Einschätzung sein“, schreibt der
General-Presbyter eines US-Bundesstaates.

Die Kontinuität des jüdischen Volkes ist eine historische Tatsache.
Trotzdem scheint heute denjenigen, die ein theologisches Problem mit der
Existenz des Volkes Israel haben, nur noch die Möglichkeit zu bleiben, diese
nachweisbare Abstammung anzuzweifeln. „Anstatt zu behaupten, die Kirche habe
Israel ersetzt“, erkennt Rabbi Wolicki, „behaupten sie jetzt, dass es überhaupt
kein Israel mehr gibt.“

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