Apr 21, 2019
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Interview mit Hagen Rickmann: Wir müssen in die Digitalisierung investieren

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© Telekom

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Digitalisierung für Unternehmen, gerade für die Telekom?

Die digitale Transformation ist eine große Herausforderung. Für jedes Unternehmen, auch für die Telekom. Für mich ist entscheidend:, dass der Chef sich darum kümmert. Ich komme aus dem Norden, der Kapitän muss steuern, die Richtung vorgeben. Dann weiß die Crew, was zu tun ist. Ich kann nur empfehlen, sich erreichbare Ziele zu stecken. Sich in Etappen, in Schritten dem großen Ziel zu nähern. Ausprobieren, Fehler machen, gegensteuern. Bis die Einzelteile langsam ein Bild ergeben. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. Fehler zulassen ist für die wenigsten Unternehmen selbstverständlich. Wenn die Unternehmenskultur dafür nicht offen ist, nutzt der beste Plan nichts. Das gilt für die Telekom wie für ein Kleinunternehmen. Zuerst geht es darum, Angst zu nehmen. Wer Fehler zulässt, schafft das notwendige Vertrauen. Das ist die Basis. Natürlich muss ein Unternehmen auch die erforderliche Kompetenz aufbauen. Gelingt es darüber hinaus, eine 360-Grad-Sicht auf den Kunden zu bekommen, dem Kunden das richtige Erlebnis zu vermitteln, stehen die Chancen auf Erfolg gut. Nachhaltigkeit gibt es nur, wenn man immer wieder die Perspektive wechselt, hinterfragt, Dinge neu denkt.

Nun reden alle von Digitalisierung, aber gerade im ländlichen Raum ist Deutschland, was Geschwindigkeit und Verfügbarkeit betrifft, kein Vorzeigeland. Einige Länder in Afrika und in Osteuropa sind in Sachen Internet Deutschland weit voraus! Was machen wir falsch?

Solche Vergleiche genieße ich mit Vorsicht. Land ist nicht gleich Land. Deutschland steht so schlecht nicht da. Aber es stimmt, flächendeckender Breitbandausbau ist eine Herausforderung. Daran arbeiten wir mit Hochdruck. Für den notwendigen Tiefbau setzen wir schon Mensch und Material aus dem Ausland ein, weil die Kapazitäten hierzulande erschöpft sind. Jedes Jahr investiert die Telekom fünf Milliarden Euro. Davon fließt der Löwenanteil in den Breitbandausbau. Im Festnetz bauen wir das bestehende Glasfasernetz von über 500.000 Kilometer 2019 um weitere rund 60.000 Kilometer aus. Und nicht nur in Großstädten und Ballungsgebieten, sondern auch auf dem Land. Wir wollen 3.000 Gewerbegebiete mit Glasfaser versorgen. Das sind dann bis zu 80 Prozent der Unternehmensstandorte in den Gewerbegebieten mit ca. 400.000 Unternehmen und mit Millionen Arbeitnehmern.

Und was erwarten Sie sich von 5G? 

5G ist nicht einfach ein weiteres Netz. Unternehmen brauchen 5G für die Wertschöpfung ihrer Produkte. Wir brauchen 5G für das Internet der Dinge, die Steuerung von autonomen Maschinen oder Smart Cities. 5G wird extrem hohe Datenraten ermöglichen. Damit können Unternehmen zum Beispiel hochauflösende Bilder von Anlagen und Geräten ihren Wartungstechnikern vor Ort bereitstellen – auch wenn sich viele weitere Nutzer das Netz teilen. Was für die Industrie besonders wichtig ist, sind die verlässlich geringen Latenzzeiten von 5G. Also die Reaktion des Netzes quasi in Echtzeit. Diese Eigenschaften sind für künftige Schlüsseltechnologien nötig – etwa für Industrie 4.0, autonomes Fahren und virtuelle Realitäten. Ein aktuelles Beispiel auf dem Weg dahin ist das Campus-Netz von Osram. Der Kunde baut mit uns ein eigenes Netz auf seinem Werksgelände in Schwabmünden auf. Im gemeinsamen Projekt kombinieren wir ein öffentliches und ein privates LTE-Netzwerk zu einer gemeinsamen Infrastruktur. Dies garantiert eine optimale Versorgung mit Mobilfunk nach außen und innen. Das private LTE-Netz nutzt OSRAM für sich allein. Künstliche Intelligenz ergänzt das Campus-Netz. Um Material verzögerungsfrei in die oder und aus der Produktion zu transportieren, nutzt OSRAM fahrerlose Transportsysteme. Bisher mussten Mitarbeiter dafür durch eine Schleuse mit zusätzlicher Quarantäne. In der dafür notwendigen Zeit ist der Roboter schon wieder auf dem Rückweg. Sobald 5G zur Verfügung steht, wird es noch interessanter, weil noch schneller.

Warum tut sich der Mittelstand mit der Digitalisierung zu schwer? Und warum setzen Sie gerade auf den Mittelstand als künftigen Motor der Digitalisierung? 

Studien von Bitkom kommen da zu einem ganz anderen Ergebnis: 78 Prozent der mittelständischen Unternehmen verfolgen bereits eine konkrete Digitalisierungsstrategie. Sie haben die Investitionen für digitale Lösungen deutlich gesteigert. Der Mittelstand digitalisiert also. Er ist für Deutschland und für uns so wichtig, da der Mittelstand 56 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Mittelstand erwirtschaftet. Deshalb heißt es auch: Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.
 
Sie sprechen im Zusammenhang von Digitalisierung auch davon, dass wir die Wertediskussion mit beachten müssen. Aber wie vertragen sich Werte mit Wirtschaft?

Wir als Deutsche Telekom sind einer der Treiber in der Digitalisierung. Wir wollen für unsere Kunden der beste Partner sein. Deshalb übernehmen wir auch digitale Verantwortung. Alle Facetten haben wir heute dazu noch gar nicht umrissen und haben daher noch keine abschließende Antwort. Es kann zum Beispiel die Verantwortung für den vertraulichen Umgang mit den Daten der Kunden sein. Oder wie wir mit künstlicher Intelligenz umgehen wollen. Die Telekom ist das erste Unternehmen im DAX mit ethischen Grundsätzen für KI. Nach diesen Grundsätzen wollen wir unsere Produkte und Services auf Basis von künstlicher Intelligenz künftig entwickeln. Das schafft Transparenz und damit Vertrauen.

Sie sprechen von digitaler Kultur, was ist darunter zu verstehen? Wie kann man den Menschen die Angst vor dem Digitalen nehmen? Schafft die Digitalisierung nicht den Menschen ab?

Digitale Lösungen ersetzen nicht nur Arbeitsplätze, sie schaffen auch neue. So war es in der industriellen Revolution mit der Dampfmaschine und der Elektrizität. Und so verhält es sich auch in der heutigen digitalen Revolution. Natürlich lassen sich einzelne Tätigkeiten in Berufen automatisieren, aber eben nicht alle. Menschliche Fähigkeiten können Maschinen nicht so einfach übernehmen. Die Mitarbeiter der Zukunft müssen flexibel, lernbereit und vor allem sehr gut qualifiziert sein. Sie werden nicht konkurrieren, wo Maschinen besser sind. Aber es gibt Bereiche, da können Maschinen nur schwer konkurrieren. So setzen wir Künstliche Intelligenz schon im Kundenservice ein, stoßen bei Empathie aber immer wieder an Grenzen. Unsere Kunden ziehen den Menschen hier der Maschine vor. Unternehmen nehmen den Mitarbeitern die Angst vor Technik, wenn sie aufzeigen, wo die Reise hingeht, wie sie aussieht und wie der oder die Einzelne auf die Reise mitgenommen wird. Und genau dieses „Skill Management“ haben wir fest in unserer Unternehmensstrategie verankert.

In Ihren Vorträgen fällt oft der Name des österreichischen Nationalökonomen Joseph Schumpeter. Welche Bedeutung hat sein Denken für die Digitalisierung? Was verstehen Sie hier unter schöpferischer Zerstörung?

Sehr vereinfacht dargestellt, ist für Schumpeter Innovationskraft immer Auslöser einer kreativen Zerstörung. Das bedeutet, etwas Altes, Bestehendes muss weichen, um etwas Neuem Platz zu machen. Wir haben das in vielen Teilen unseres Lebens schon gesehen: von der Schallplatte über Kassetten und CD zur Playlist auf dem Handy. Oder bei Netflix: Das Unternehmen startete vor 20 Jahren als Videothek und verschickte seine damals 925 Filme per Post. Heute ist es der weltweit führende Streaming-Dienst. Digitalisierung macht aus etwas Gegenständlichem Software. So entstehen völlig neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten. Oft werden dabei die anfallenden Daten wertvoller als das eigentliche Produkt. Das Betriebssystem Android gibt’s kostenlos. Geld erwirtschaftet Google mit Werbung und den anfallenden Daten. Nur noch wenige wollen Rechnung am Bankschalter bezahlen. Deshalb gibt es weniger Filialen, dafür mehr Beratung per Telefon oder Internet.

Sie haben gesagt: „Wer sich nicht um die Digitalisierung kümmert, kommt morgen gar nicht mehr vor“. Was haben wir darunter zu verstehen?

Das klingt sehr hart, das habe ich aber durchaus so gemeint. Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster. Schauen Sie sich die so genannten Millennials an. Ist ein Unternehmen nicht über Website und Soziale Medien erreichbar, existiert es für diese Gruppe nicht. So verliert man sie als mögliche Bewerber- oder Käufergruppe. Und nur mit mit einem Online—Auftritt ist es nicht getan. Die Prozesse dahinter müssen durchgängig digital sein. Selbst bei so erfolgreichen Unternehmen wie Apple ist der Druck immens. Wir alle kennen die Erfolgsgeschichte des iPhones und die damit verbundene digitale Revolution in fast allen Lebensbereichen. Aber ausruhen, kann sich auch Apple nicht. Es gilt für die großen wie die kleinen Unternehmen: Wer sich nicht immer wieder neu erfindet, verschwindet.
 
Welche Rolle spielt China beim Prozess der Digitalisierung?

Chinas Rolle ist enorm. Ein ehemals rückständiges Land überspringt durch Digitalisierung einige Entwicklungsschritte und katapultiert sich neben den USA an die Spitze der Bewegung. Die USA haben Google, Amazon und Facebook. In China heißen die Pendants Baidu, Alibaba und Tencent. Die Nutzerbasis der chinesischen Anbieter ist im eigenen Land um ein Vielfaches höher, als das ihrer Pendants in den USA. Allein durch die schiere Größe der Bevölkerung. Im Sommer 2017 stellte die chinesische Regierung ein Programm für Künstliche Intelligenz vor. Um für genügend Fachkräfte zu sorgen, steht ein Jahr danach in einigen Schulen KI auf dem Stundenplan. Das Land pumpt unglaubliche Summen in die Digitalisierung. Das befeuert die digitale Transformation in einer Weise, von der wir hier nur träumen können.
 
Immer wieder ist Amerika Vorreiter bei der Digitalisierung, Europa und Deutschland scheinen hier einen Trend verpasst zu haben! Können wir, und wie, noch aufschließen?

Im Privatkundengeschäft haben die USA Europa abgehängt. Unsere Chance – und damit meine ich Europa und Deutschland – ist die Digitalisierung der Industrie. Da können wir noch etwas bewegen. Im industriellen Umfeld stellt Deutschland viele Weltmarktführer, viele so genannte „hidden champions“. Und viele von denen gehen das Thema Digitalisierung – teils von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt – auch beherzt an. Die USA dominieren im Konsumentengeschäft. Ihnen helfen ihr Optimismus und Fortschrittsglaube. China setzt digitale Ökonomie autokratisch durch – ohne lange zu fackeln. Europa und Deutschland haben die besten Chancen im industriellen Umfeld. Gerade beim Business-to-Business sehe ich noch viel Potenzial. Hier gibt es große Wachstumsraten im Markt: bei IT und Cloud von rund 20 Prozent bis 2022. Oder beim Internet der Dinge mit bis zu 23 Prozent in den nächsten vier Jahren. Und natürlich auch die Chancen, die sich für Unternehmen aus 5G ergeben.
 
Kurzum: Digitalisierung – Chance oder Risiko?

Eindeutig Chance. Wir müssen aufhören, nur über die Risiken zu diskutieren. Sonst schaffen andere Fakten. Die deutsche und europäische Wirtschaft hat alle Trümpfe in der Hand. Wir haben eine starke Industrie, viele Weltmarktführer im Mittelstand. Und genau hier findet die zweite Hälfte der Digitalisierung statt. Ich bin sehr optimistisch, dass Europa und Deutschland ihre Stärken nutzen werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch 
 
Fragen. Stefan Groß

von Stefan Groß

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Klare Kante · The European · The European

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