Dez 10, 2019
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Ideologischer Tunnelblick auf das „Feindbild Islam“

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1071 schlagen die Seldschuken bei Manzikert ein byzantinisches Heer (O. Mustafin/CC0 1.0)

Mit „Feindbild Islam: Über die Salonfähigkeit von Rassismus“ hat der
Politikwissenschaftler Farid Hafez ein ideologisch gefärbtes Buch vorgelegt, das
vor allem durch historische Fehler und Auslassungen auffällt.

Von Heiko Heinisch

Wenn man glaubt, eine große, alles erklärende Theorie gefunden zu
haben, läuft man Gefahr, die Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren. Fakten
werden durch den Filter dieser Theorie wahrgenommen, aussortiert wird alles,
was dieser nicht entspricht, aufgewertet alles, was diese zu stützen scheint. Um
ein Karl Kraus zugeschriebenes Zitat zu verwenden: Das Ergebnis ist dann oft so
falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist.

Ein paar einfache Tricks

Das neue Buch des österreichischen Politikwissenschaftlers Farid Hafez
trägt den Titel „Feindbild Islam: Über die Salonfähigkeit von Rassismus“ und liefert
hierfür ein gutes Beispiel. Seine Theorie baut auf einigen kleinen
Taschenspielertricks auf: Zunächst wird, wie schon im Titel des Buches angedeutet,
die Ablehnung einer Religion oder Weltanschauung mit Rassismus gleichgesetzt. Ginge
es Hafez tatsächlich um Rassismus und um Diskriminierung von Muslimen, was in
der Tat ein wichtiges Thema wäre, und nicht um den Schutz des Islam, müsste es
heißen: „Feindbild Muslim“.

Das religiöse Bekenntnis behandelt Hafez konsequent als
unveränderliches Merkmal einer Person und stellt es damit auf dieselbe Ebene
wie angeborene Merkmale. Um das Religionsbekenntnis, in diesem Fall das
islamische, in seine Rassismustheorie hereinzuholen, greift er zu einer
analytischen Vernebelung, indem er religiöse Kopfbedeckungen und Hautfarbe gleichermaßen
unter dem Begriff „äußerliche Eigenschaften“ einer Person subsumiert (Seite
120), als handele es sich um Merkmale derselben Kategorie.

Der nächste Trick besteht darin, Antisemitismus und „Islamophobie“ zu
Formen des Rassismus zu erklären, um daraus dann den Schluss ziehen zu können, „Islamophobie“
sei so etwas wie der neue Antisemitismus und Muslime seien die neuen Juden.
Lassen wir die Kritik dieser Formel noch einen Moment beiseite und sehen uns zur
Veranschaulichung die Analysen und Beispiele des Autors an, die von diesen
Annahmen geleitet werden.

Den eigenen Vorurteilen aufgesessen

Um die Gleichsetzung von Antisemitismus und „Islamophobie“ zu
argumentieren, erklärt Hafez, dass die Bilder des Anderen (Jude, Muslim,
Schwarzer…) konstruierte Bilder seien, Imaginationen, die nur bedingt etwas mit
der Realität zu tun hätten. Bis hierher mag man ihm noch folgen. Nun aber führt
er aus, dass diese Stereotype gerade deshalb tragfähig seien, weil sie
„partiell an die Realität anknüpfen.“ So knüpfe etwa, so der Autor, „das
antisemitische Stereotyp, Juden würden über das Bankwesen die Welt regieren, an
existierende Familien mit jüdischem Hintergrund wie die Rothschilds oder die
Rockefellers an, die im Bankwesen tätig waren.“ (Seite 14 f.) Nun wird
Rockefeller zwar immer wieder auf antisemitischen, verschwörungstheoretischen
Websites jeglicher Provenienz als Jude bezeichnet, allein, er war weder Jude,
noch Bankier und es stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob hier ein
Wissenschaftler den eigenen Vorurteilen so sehr aufsaß, dass er auf den
Faktencheck verzichtete?

In diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, dass Hafez, der hier aus
Rockefeller umstandslos den reichen Juden macht, sein Postulat, Stereotype
würden partiell an der Realität anknüpfen, beispielhaft nur beim Antisemitismus
ausführt – und dabei auch noch grundsätzlich irrt: Zuerst war das
antisemitische Vorurteil, dann erst kam „der reiche Jude“.

Die religiöse Wurzel des Antisemitismus

Das Stereotyp des „geldgierigen Juden“ ist wesentlich älter als die
Familie Rothschild. Der semantische und ideologische Konnex zwischen Jude und
Geld wurde bereits in der gleichnishaft-anschaulichen Welt der Evangelien
angedeutet und später in den mittelalterlichen Passionsspielen
versinnbildlicht. Vor allem das Judasmotiv entwickelte sich zum Allgemeingut
des antisemitischen Diskurses, von seinen religiösen Anfängen über den
Nationalsozialismus bis heute. Abgeleitet vom skrupellos erworbenen Reichtum
des Judas erschien der Reichtum jedes Juden von fragwürdiger Natur. Das
antisemitische Motiv der mit Geld die Welt regierenden Juden gründet eben nicht
auf realen Fakten, sondern auf einer erfundenen Geschichte. Nur so erklärt sich
auch, warum reiche Juden zum Stereotyp werden konnten, nicht aber reiche
christliche Kaufleute oder Bankiers. Noch offensichtlicher fiele der fehlende
Realitätsbezug des Antisemitismus ins Auge, hätte der Autor weitere gängige antisemitische
Vorurteile in seine Betrachtungen einbezogen, die über Jahrhunderte hinweg
tragfähig waren: Juden haben in der Vergangenheit weder Hostien geschändet,
noch Ritualmorde begangen oder Brunnen vergiftet. Antisemitismus ist eben
tatsächlich „das Gerücht über die Juden“ (Adorno).

Es ist genau diese religiöse Wurzel, die den wesentlichen Unterschied
zwischen Antisemitismus und Rassismus markiert: Antisemitismus gründet in der
frühchristlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum. Seit der Abspaltung der
frühen Christen vom Judentum war das Weiterbestehen der jüdischen Religion die
gelebte Infragestellung christlicher Heilsvorstellung. Darin liegt die Ursache
dafür, dass Juden im christlichen Diskurs von Beginn an Gegenstand der
Auseinandersetzung und exponiertes Feindbild waren.

Wir finden ähnliche Prozesse auch in der Frühgeschichte des Islam, der
sich ebenfalls von den vor ihm bestehenden Religionen des Juden- und des
Christentum absetzen musste, aus denen er sich entwickelte. Der
Vorurteilskorpus des christlichen Antisemitismus, dessen Kern der sogenannte
Gottesmord, die den Juden zu Last gelegte Kreuzigung bildet, war im 13.
Jahrhundert weitgehend abgeschlossen. Er zeichnet sich gegenüber dem Rassismus
vor allem dadurch aus, dass er nicht auf andere Gruppen übertragbar ist. Denn
es ist dieser religiöse Kern des Antisemitismus, der Juden erstmals jene dunkle
Macht zuschrieb, mittels derer sie im Hintergrund die Welt lenken würden – zum
Schaden aller anderen. Ohne die religiöse Judenfeindschaft und die mit ihr
verbundene Wahrnehmung der Juden als besondere, dem Christentum feindliche
Gruppe ist der moderne Antisemitismus nicht denkbar.

Immunisierung gegen Kritik

Während Antisemitismus sich ganz klar gegen Juden, also gegen Menschen richtet, ist mit den vom Autor synonym verwendeten Begriffen „Islamophobie“, „Islamfeindlichkeit“ oder „antimuslimischer Rassismus“ nicht nur eine gegen Muslime als Menschen gerichtete Feindschaft gemeint. Und hier liegt das wesentliche Unterscheidungskriterium zum Rassismus. Mit dem Begriff „Islamophobie“ wird versucht, zwei unterschiedliche Phänomene zu fassen, beziehungsweise bewusst miteinander zu vermischen: Feindschaft gegenüber Muslimen und Religionskritik. So sind nicht Ressentiment und Feindschaft gegenüber Muslimen im Zentrum der Aufmerksamkeit des Autors, sondern – analog zum Titel „Feindbild Islam“ – Kritik am Islam, ja selbst an politisch-islamischen Strömungen und ihren Protagonisten und an Problemen innerhalb mancher muslimischer Communitys. Diese Kritik denunziert er umstandslos als Rassismus, um sie aus dem Diskurs zu verdrängen. Mit seinem Buch schließt Hafez an den von ihm herausgegebenen European Islamophobia Report an, in dem Wissenschaftler/innen und Journalist/innen, unter ihnen auch kritische Muslime, undifferenziert neben rechtsradikale Rassisten gestellt werden.

Die zentrale These des Buches, „Islamophobie“ sei ebenso wie
Antisemitismus eine Grundkonstante der europäischen Geschichte, versucht Hafez
mit einer Tour durch dieselbe zu belegen. In seinen historischen Beispielen lässt
er jedoch konsequent den Kontext außer Acht. Vor allem ignoriert der Autor in
allen von ihm aufgezählten Beispielen die jeweiligen Machtkonstellationen, die
ihm für seine Theorie ansonsten so wichtig sind. Bis ins 17. Jahrhundert hinein
war nicht „der Westen“ die dominierende Weltmacht, sondern zunächst ein
arabisches, dann ein persisches und zuletzt ein osmanisches Reich.

Ein Blick zurück – mit bemerkenswerten Auslassungen

Hafez beklagt beispielsweise, die Kreuzzugsliteratur würde den Islam
dämonisieren, Muslime erschienen als die „Diener des Satans“ und die Moschee
als „Teufelshaus“ (29). Der fehlende historische Kontext: Nachdem das
Byzantinische Reich bereits in den ersten Jahrzehnten der arabischen
Eroberungen im 7. Jahrhundert rund zwei Drittel seines Gebietes eingebüßt
hatte, wurden neuerliche Eroberungszüge im 11. Jahrhundert existenzbedrohend
für das Reich. Reiterheere der Seldschuken drangen erstmals tief nach Anatolien
vor. 1071 schlugen sie ein byzantinisches Heer bei Manzikert vernichtend, 1077
fiel Nicäa (das heutige Iznik) und 15 Jahre später war beinahe ganz Anatolien
in die Hände der muslimischen Eroberer gefallen; das islamische Heer stand am
Bosporus. Byzanz war seines Kernlandes beraubt. Sollten die Bedrohten und
Eroberten freundliche Worte für die Aggressoren finden? Der erste Kreuzzug war
eine Reaktion auf diese für Byzanz äußert bedrohliche Situation. Dass
kriegerische Auseinandersetzungen mit gegenseitigen Polemiken einhergehen, sollte
nicht verwundern. Wir finden sie auch auf islamischer Seite.

Im 12. und 13. Jahrhundert werde, so Hafez, das „Bild des muslimischen
Anderen immer kohärenter“ (27). Der Islam sei als häretische und falsche
Religion gezeichnet worden. Das ist zwar richtig, sollte aber historisch
eingeordnet werden. Christliche Länder jener Zeit waren mit einem Islam
konfrontiert, der als kriegerische Streitmacht auftrat, die eroberte,
versklavte und zwangskonvertierte. Es wäre erklärungsbedürftig, wäre die
Reaktion darauf keine abwehrende, feindliche gewesen. Die beinahe gekränkte
Reaktion des Autors auf die polemische Darstellung des Islam in
mittelalterlichen Quellen verwundert allerdings umso mehr im Angesicht der
Tatsache, dass im Koran selbst Christentum und Judentum als verfälschte und
damit falsche Religionen ausgewiesen werden.

Nur an wenigen Stellen nimmt der Autor die Realität jener vergangenen
Epoche, über die er gerade schreibt, auch wahr: „Das in der frühen Neuzeit
entstehende Islambild im Zeichen der Türkengefahr zeigt sich etwa in den Werken
von Martin Luther“, so Hafez (29). Ja, so ist es, möchte man dem Autor zurufen,
der nicht in der Lage ist, diesen historischen Hintergrund, die Bedrohung von
Teilen Europas durch türkische Heere, zu veranschaulichen und in seine Bewertung
einzubeziehen. Denn anders als Luthers Judenfeindschaft, die auf keiner realen
Gefahr basierte – Juden waren weder Invasoren noch Aggressoren – ,sondern
alleine das Produkt eines allgemeinen Wahns war, war die Gefahr, die von
islamischen Heeren ausging, real.

Die erste Belagerung Wiens durch die Osmanen 1529 erschütterte Europa
in seinen Grundfesten. Weiter im Westen und Norden war man sich durchaus
bewusst, was der Fall Wiens bedeuten würde: Die Osmanen wären auf ihrem
Eroberungszug wenig später zunächst vor den Toren Passaus gestanden, der Weg
nach Westen wäre frei gewesen. Ist es wirklich verwunderlich, dass in einer
solchen Situation polemische Schmähschriften und ein negatives Bild des Islam
entstehen? Dennoch subsumiert Hafez solche und weitere Beispiele unter der
Kapitelüberschrift „Ursprünge des antimuslimischen Rassismus“. Als was spricht
Hafez hier? Als Gläubiger, der seinen Glauben verteidigen will, oder als
Wissenschaftler? Als letzterer sollte er in der Lage sein, historische Fakten
und Machtkonstellationen objektiv zu betrachten.

Aktivismus im Mantel der Wissenschaft

Von der Vergangenheit bis hinein in die heutige Zeit interpretiert
Hafez alles, was den Islam nicht in freundlichem oder positivem Licht
erscheinen lässt, als Ausdruck von „Islamophobie“. Daher zeigt er sich auch
extrem misstrauisch gegenüber der Deradikalisierung potentieller oder
tatsächlicher islamistischer Gewalttäter. Hafez spricht in Bezug auf
islamistische Gewalttäter übrigens von „sogenannter Radikalisierung“. Die
Deradikalisierungsmaßnahmen seien durch Programme ausgebaut worden, „die auf
das Denken der Menschen abzielen.“ In diesen Programmen wittert Hafez offenbar
eine Verschwörung, wenn er schreibt, hier würden „AkteurInnen“ versuchen, „insbesondere
das Denken von MuslimInnen zu verändern.“ (71) Wer diese „AkteurInnen“ sein
sollen, bleibt unerwähnt.

Das gesamte Buch besticht durch das Nicht-Erwähnte. So bezieht sich
Hafez in einer längeren Passage (19 f.) auf den britischen Thinktank Runnymede Trust, der den Begriff
„Islamophobie“ 1997 erstmals in einer wissenschaftlichen Studie verwendete („Islamophobia
– A Challenge for all of us“) und damit in die Wissenschaft einbrachte. Aber er
unterschlägt, dass der damalige Leiter des Runnymede Trust, Trevor Phillips,
der eben jene Studie in Auftrag gegeben hatte, sich inzwischen von dem Begriff „Islamophobie“
distanziert hat. In einem Kommentar für die Times beklagte er 2016, dass der
Begriff dazu geführt habe, eine offene Debatte über den Islam zu verhindern und
Kritiker der Zuwanderungs- und Integrationspolitik zu stigmatisieren.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Autor die Leserinnen und Leser nicht nur an dieser Stelle an der Nase herumführen will. Hafez hat eine schwer lesbare, ideologische Arbeit vorgelegt, die ein politisches Konzept postuliert, während sie vorgibt, ein Phänomen wissenschaftlich zu untersuchen. Oder anders gesagt: Hier gibt sich ein politischer Aktivist als Wissenschaftler aus.

(Heiko Heinisch, Historiker und Autor, forscht zu islamistischen Netzwerken. Zuletzt erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch: Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert, Molden Verlag, Wien 2019.)

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Allgemein · Artikel · Außenpolitik · Mena Watch · Welt

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