Mrz 29, 2019
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Hey, hey. Die Klimawandler hüpfen

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Letzte Woche Freitag, erste Stunde Biologie – allein das klingt schon schlimm genug. Ich betrete das Klassenzimmer wie üblich auf den letzten Drücker, drei Minuten vor acht. Zu meiner Überraschung sind ungewöhnlich viele Plätze leer. Mich überkommt die leise Hoffnung, dass Bio ausgefallen sein könnte.

Die wenigen, die in der Klasse sitzen, haben es vielleicht nur nicht mitbekommen. Ein Kumpel klärt mich dann auf, dass die Fehlenden heute die Schule bestreiken. Dann sehe ich auf meinem Mobiltelefon die Postings meiner Mitschüler: Fridays for Future. Die Klimawandler sind los.

Das kam für mich überraschend. Kaum einer dieser neuerdings Umweltengagierten hatte jemals auch nur irgendwas zum Thema Klimaschutz gesagt. In Diskussionen in der Schule war mein einziger Widersacher meist der Lehrer. Und plötzlich steckte ich in einem Jahrgang voller Greta-Jünger. Der Prototyp lässt sich etwa so beschreiben:
Weiblich, 16, hält sich aber für 25 und redet auch so mit anderen Jugendlichen, außerunterrichtlich in der Schule engagiert, setzt sich bei Klassenfahrten an einen Tisch mit den Lehrern.

Oft reisen diese Umweltengagierten um die halbe Welt, und schicken die schönsten Fotos von dort per Twitter und Instagram. Ihr Vater fährt meist ein ziemlich gutes Auto.
Wütend schrieb ich ein solches Exemplar aus meiner Klasse an. Was sie sich eigentlich denkt, sie jettet um die halbe Welt und will jetzt, dass Braunkohlearbeiter in der Lausitz ihren Job verlieren, und noch dazu astronomische Stromkosten aufgebürdet bekommen: „Ist das denn etwa links?“
Als Antwort bekam ich nur einen Satz: „Du willst also, dass die Erde in zwölf Jahren untergeht?“
Bäm. Ich hatte die Diskussion verloren. Was soll man dazu sagen?

Würde man einen Menschen auf der Straße mit einem Schild sehen „In zwölf Jahren geht die Welt unter“, würde man einen Zeugen Jehovas oder einen UFO-Jäger vermuten. Aber diese Sprüche sind längst gängige Meinung unter Schülern. Zumindest unter den Revolutionären, die eigenartigerweise für das Demonstrieren von Regierung, fast allen Parteien und von den Medien ununterbrochen beglückwünscht werden. Nie gab es – zumindest in neuerer Zeit –  eine Jugendbewegung, die derart bruchlos Seite an Seite mit dem Establishment marschierte.

Schulfrei gibt es dafür obendrein. Zwar existiert – zumindest hier in Berlin – die Anordnung von oben, dass alle Schüler, die zu „Fridays for Future“ gehen, einen unentschuldigten Fehltag erhalten. In der Praxis wird das allerdings nur selten umgesetzt.
Die Schüler lassen sich oft sogar von ihren Eltern entschuldigen. Viva la Revolution! Meist ist aber selbst das gar nicht mehr nötig. Die Schulpflicht ist am Freitag  zugunsten von „Fridays for Future“ faktisch aufgehoben.

Da aber keiner nachweisen muss, dass er tatsächlich bei der Demo war, gibt es natürlich einen nicht zu unterschätzenden Schwund von Leuten, die sich freitags einfach einen Lenz machen und alles vorhaben, nur nicht, sich an dieser blöden Greta-Klimademo zu beteiligen. Hätten sie daran Interesse, würden sie ja massenhaft zu den Wochenend-Demos gehen, die es ja schon immer gab. Wenn ich schätzen müsste, wie viele der am Freitag Weggebliebenen nicht zur Demo eilen, sondern einfach zu Hause bleiben, würde ich sagen: mindestens 50 Prozent.

Ich weiß von etlichen Leuten, die freitags nicht da waren, sehr genau, dass sie niemals losziehen würden, um für den Kohleausstieg zu hüpfen („hey, hey, wer nicht hüpft, der ist für Kohle“) , niemals – allein aus Peinlichkeitsgründen nicht.
Erst langsam wird einem klar, in was für einem Wahnsinn wir uns befinden: Die Bundeskanzlerin hebt öffentlich die Schulpflicht auf, damit die Schüler für die Regierungslinie protestieren können.

Die meisten dieser Demonstranten sind vollkommen ahnungslos – und mit vollkommen ahnungslos meine ich so etwas in die Richtung: „Hä? Warum verbieten wir denn nicht einfach Plastik?“ Ihnen ist auch nicht ganz klar, dass Deutschland etwa 2,3 Prozent zum weltweiten Kohlendioxid-Ausstoß beiträgt und China 27 Prozent. Und dass der Anteil von China so hoch ist, weil dort beispielsweise die Turnschuhe, T-Shirts und iPhones produziert werden, die sie spazieren tragen. Sie sind auf diesen Demonstrationen nur, weil es (fast) alle machen, weil es im Trend liegt, und weil sie selbst gerne von sich sagen können würden, dass sie politisch engagiert sind, obwohl sie keine fünf Minuten am Tag darauf verwenden, auch nur „Spiegel Online“ zu lesen.
Es ist eine riesige Party, es spielt laute Musik, alle hüpfen und tanzen. Natürlich nehmen sie nicht wirklich ernst, was sie da fordern. Kein Wunder, dass niemand von denen den nächsten Familienurlaub absagen will oder auf sein Smartphone verzichten möchte. Ebenfalls kein Wunder, dass nach den Demos die ganzen Plätze und Grünflächen vermüllt sind.
Allerdings werde ich nicht sauer, wenn ich so etwas höre. Ich freue mich sogar. Genauso so, wie ich mich freue, dass Sahra Wagenknecht Kaviar isst und in einer Villa wohnt. Das zeigt nämlich, dass die Leute das totale grüne Selbstdiktat nicht auch noch selbst leben wollen.  Sie fordern heute dies und morgen das, aber alles doch sowieso nur, weil es von der Tagesschau so angesagt wurde. Erst wenn die Jugend wirklich vegan leben und ernsthaft Konsumstreik praktizieren würde, dann hätten wir ein Problem. Dann hätten wir es es nämlich nicht mehr mit einem peinlichen Jugenddemo-Imitat mit zum Himmel schreiender Doppelmoral zu tun,  sondern mit einem echten Massenwahn.

Insofern bin ich auch zwiegespalten, wenn ich von Gretas positiven Gedanken zur Kernenergie höre. Die 16-jährige Schwedin – die von Katrin Göring-Eckardt bereits mit einer Prophetin verglichen wurde – schrieb auf Facebook, dass Atomenergie „ein kleiner Teil einer sehr großen neuen kohlenstofffreien Energielösung“ sei kann. Nach großer Entrüstung in ihrem eigenen Lager revidierte sie ihre Aussage teilweise. Ihr Pressesprecher versuchte verzweifelt, alles wieder gerade zu rücken. Die Kleine hatte jetzt auch mal einen eigenen Gedanken, aber gleich wurde sie wieder viereckig gemacht.
Zwar könnte es einen freuen, dass Greta nun – kurzfristig – eine vernünftige Idee hatte, und manche denken sich vielleicht: „Wenigstens konsequent“. Aber für mich zeigt das vor allem, dass sie – oder wer auch immer hinter ihr steckt – ernsthaft die totale Dekarbonisierung der Welt vorantreiben will.  Mit oder ohne Kernkraft, es bleibt Wahnsinn.

Von den lustigen Mitläufern, die nach dem Klimastreik im väterlichen BMW zu McDonalds gefahren werden, um dort die Reisepläne für den nächsten Trip auf die Malediven zu schmieden, müssen wir dagegen wenig befürchten.
Doppelmoral ist allemal besser als blinder Fanatismus.

 


* Air Tuerkis ist das Pseudonym eines Berliner Schülers und Autors, der das liberale Schülermagazin „Apollo News“ herausgibt.

 

 

 

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Klare Kante · Publico

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