Dez 13, 2019
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Großbritannien sagt seiner jüdischen Bevölkerung: Remain!

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Boris Johnson auf dem Weg zu seiner Ansprache nach dem Sieg bei den britischen Parlamentswahlen

Der klare Sieg Boris Johnsons ist
nicht nur ein Votum für den Brexit, sondern auch ein Zeichen, dass man
zumindest in Großbritannien mit Antisemitismus keine Wahl gewinnt.

Mit Erleichterung und
Wachsamkeit quittierte die Mehrheit der britischen Juden das gestrige
Wahlergebnis. Stephen Pollard, Herausgeber des Jewish Chronicle, twitterte: „Die Erleichterung in der jüdischen Gemeinde
ist spürbar. Und die Dankbarkeit. Aber im Laufe der Tage und Wochen werden wir
über etwas nachdenken: über die Bereitschaft so vieler unserer sogenannten
Verbündeten, Hand in Hand mit Jeremy Corbyn zu kämpfen.“

Für viele Juden des
Landes war es eine Schicksalswahl. Die Vorstellung, dass ausgerechnet jener Mann, der es heuer
auf Platz 1 der Antisemitismus-Liste des Wiesenthal Centers geschafft hat, Premierminister
werden könnte, hatte die Juden Großbritanniens mit Furcht erfüllt. Denn unter Jeremy Corbyn taten sich in der
britischen Labour Party dermaßen tiefe antisemitische Abgründe auf, dass selbst ein Tweet, der vom Account
der Labour Party gesendet wurde, die eigene Partei „institutionell rassistisch“
nannte.

Erleichterung auch in Israel

In Israel äußerten
sich Politiker von rechts bis links erleichtert. „Johnsons Sieg über Corbyn ist
ein Segen für Israel“, schrieb der Likud-Abgeordnete Miki Zohar. „Trotz einiger umstrittener
Positionen von Johnson zu den Palästinensern haben wir in ihm einen wichtigen
Partner, der in ausgezeichnetem Kontakt mit unserem Premierminister steht.“

Itzik Shmuli,
Abgeordneter der Arbeiterpartei, sagte: „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal
über Labours Niederlage so freuen würde.“ Der Sprecher der Knesset Yuli
Edelstein betonte, der Sieg Johnsons sei ein Verlust für diejenigen, die Israel
hassen: „Ein überwältigender Sieg für Israels Freund Boris Johnson in
Großbritannien. Eine glorreiche Niederlage für seinen antisemitischen Rivalen
Corbyn und die Israelhasser.“

Vladimir Sloutsker,
Präsident des Israelisch-Jüdischen Kongresses, drückte seine Hoffnung aus, dass
„der Politik der Spaltung, des Hasses und des Antisemitismus von Mr. Corbyn und
seinen Verbündeten nun endlich ein Ende gesetzt werden kann.“

Das Ende von Corbyns politischer
Karriere

Die Wahl hat die
politische Karriere Jeremy Corbyns beendet. Der Hinterbänkler, der es an die
Spitze der Labour Party geschafft hatte, entwickelte sich als
Parteivorsitzender zum „Posterboy
des Antisemitismus
“, wie ihn Abgeordnete der eigenen Partei nannten. Sein
unerwartet gutes Abschneiden bei den Wahlen im Jahr 2017 – er hatte zwar die
Wahl verloren aber eine absolute Mehrheit Theresa Mays verhindert – machte ihn zum
Vorbild für weite Teile der europäischen Sozialdemokratie, die immer mehr
erodiert.

So wurde Corbyn „Großbritanniens
gefährlichster Export“, wie ihn James Kirchick, Fellow der Brookings
Institution in Washington, nannte. „Der Corbynismus ist in wirtschaftlicher
Hinsicht sozialistisch und in der Außenpolitik reflexhaft antiwestlich“, schrieb
er 2018 in einem in der FAZ auf deutsch
veröffentlichten Text
, der
auch Corbyns Antisemitismus thematisierte: „Corbyn ist ein dogmatischer Linker,
der den Rassismus ausschließlich durch das Prisma der Macht betrachtet – die in
seinem simplen vulgärmarxistischen Weltbild die Juden besitzen.“ Kirchicks
Schlussfolgerung: Corbyn sei ein nützlicher Idiot Moskaus.

A vote to remain

So manch einen
deutschen Kommentator scheint nichts davon zu stören. „Die eigentlichen
Verlierer sind Anstand, Aufrichtigkeit und Integrität“, kommentiert Jörg Schindler im Spiegel das Wahlergebnis und gießt einen Kübel voller Häme
über den britischen Wählerinnen und Wählern aus. Anstelle des demokratischen
Wettstreits sei „nun auch im selbsternannten Mutterland der modernen Demokratie
das Recht des Stärkeren, die Macht der Lüge und die Eliminierung von
Widerspruch um jeden Preis getreten.“ Die Gänse hätten für Weihnachten
gestimmt.

Selbsternannt? Wie
anmaßend von diesem Inselvolk, eine Demokratie zu errichten, ohne die Ernennung
durch einen Spiegel-Redakteur abzuwarten, der Wähler mit Gänsen
vergleicht, wenn sie nicht so abstimmen, wie er es für richtig hält.

Einerlei. Zumindest in
Großbritannien und zumindest vorläufig ist das Kalkül krachend gescheitert, die
jüdischen Stimmen für jene der vierzehn mal größeren muslimischen
Community
zu opfern. Nachdem
in den letzten Jahren tausende britische Juden europäische Pässe beantragt
haben, nicht zuletzt aus Angst vor dem zunehmenden Antisemitismus und der
Aussicht, dass Jeremy Corbyn an die Macht kommen könnte, ist das Wahlergebnis
zumindest in einer Hinsicht „a vote to remain“: ein Aufruf an die 290.000 Juden
im Vereinigten Königreich, im Land zu bleiben.

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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