Nov 14, 2019
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„Ein Krieg, der keiner ist“

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Bustsation mit Bunker in Sderot

Permanent gehen Raketen und Mörsergranaten auf die israelische Stadt Sderot am Rand des Gazastreifens nieder. Dort ist derzeit die Filmemacherin Ilona Rothin (u.a. bekannt für die Filme „Gestatten, ich bin ein Siedler!“ und „Holocaust light gibt es nicht!“). Am Mittwochnachmittag schilderte sie in einem Telefongespräch gegenüber Mena-Watch ihre Eindrücke.

300
Raketenangriffe habe es in den letzten drei Tagen gegeben, sagt Ilona Rothin. „Es
ist ein Dauerfeuer. Vor 30 Sekunden ging wieder die Red-Alert-App auf unseren
Handys los, die vor einschlagenden Raketen warnt. Vor zehn Minuten gab es in
dem Kibbuz Nir Am bei Sderot, wo ich übernachtet habe, Raketeneinschläge. Die
Straßen sind leergefegt, Kindergärten und Schulen sind geschlossen, nicht nur
in Sderot, sondern auch entlang der Mittelmeerküste, in Aschkelon und Aschdod.“
Die Raketenangriffe der Hamas erfolgten in sehr kurzen Abständen.

Gestern
habe sie ein Auto geliehen, bei einem Autoverleih in Sderots Industriegebiet. Weil
das Auto nichts getaugt habe, habe sie ein zweites Mal hinfahren müssen, zum
Umtausch. „Gerade, als wir aus dem Industriegebiet wieder raus waren und auf
der Straße nach Tel Aviv fuhren, schlug auf der Straße, auf der wir gefahren
waren, eine Granate ein.“

Eine Klinik, über die in Deutschland niemand schreibt

Wer
könne, der verlasse Sderot. „Eine Freundin von mir, die in Nir Am lebt, hatte
Besuch von Freunden. Die sind alle abgereist. Die Stimmung ist sehr gespannt,
die Leute sind tierisch genervt, weil die Regierung nichts tut.“

Rothin
erzählt von einer neuen Klinik in Sderot – über sie schreibe in Deutschland „kein
Mensch“. In der Klinik gebe es eine Spezialabteilung für traumatisierte Kinder.
Die werde dringend gebraucht: „Der Raketenalarm geht einem so auf die Nerven, es
ist wie in einem Kriegsfilm. Die Sirenen sind heute elektronisch und klingen
etwas anders als im Zweiten Weltkrieg, aber es nervt.“ Ihre Freundin aus Nir Am
sei gestern während des Alarms auf dem Nachhauseweg gewesen: „Der Hund lief
weg, wegen der Sirene, ihr Kind hinterher, ist schwer gestürzt.“ Tote gibt es
bislang glücklicherweise nicht. „Iron Dome ist so perfekt, das holt fast alles
runter. Aber ein paar schlagen eben doch ein. Darum ist die Stadt leer.“

Was
Ilona Rothin in Sderot auffällt: Es gibt noch mehr Bunker als bei ihrem Besuch
im letzten Jahr. „Neben jeder Bushaltestelle ist einer. Auf den
Kinderspielplätzen gibt es Bunker, die aussehen wie Raupen: Wenn die
Kinder dort spielen und es gibt einen Raketenalarm, laufen sie in die Raupe.“

Eine neue Quälerei der Hamas

Die
Hamas sei dazu übergegangen, „Tag und Nacht“ anzugreifen. „Und ob es nun die
Hamas ist oder der Islamische Dschihad, das ist ein und dasselbe. Das sind
dieselben Jungs.“

Etwas
Neues habe die Hamas sich in letzter Zeit ausgedacht, „eine neue Quälerei“: „Es
gibt sieben Kibbuzim, die direkt am Gazastreifen liegen und Landwirtschaft
betreiben. Mit den Tunneln kam die Hamas nicht weiter, weil die alle entdeckt
werden. Jetzt kriechen sie mit Scharfschützen über die Felder bis zum Zaun und
bedrohen die Bauern, die auf den Feldern arbeiten.“ Bislang hätten sie nicht
geschossen: „Denn dann würde die IDF sie töten, aber guck mal aus wenigen
Metern in so einen Gewehrlauf! Also die Situation ist sehr gespannt, es ist
psychologische Kriegsführung.

Schwierige
Lage für die Regierung

Die
Zeitungen hier sind sich einig, dass die Hamas einen Krieg am Boden provozieren
will. Aber Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat gestern auf der
Pressekonferenz gesagt: Wir haben zwar den Massenmörder Bahaa Abu al-Ata gezielt
getötet, weil er so viele Menschen auf dem Gewissen hat, sind aber maßvoll und
vorsichtig.“

Die
israelische Regierung, die ja nur kommissarisch im Amt sei, sei „in einer
schwierigen Lage“, so Rothin. „Netanjahu verhält sich eigentlich clever, er
hält sich bedeckt, und die IDF hält sich zurück.“ An den Straßenkreuzungen in
Sderot sehe man gepanzerte Truppentransporter, aber keine große Ansammlung von
Militärgerät, die auf eine Offensive hindeute. Das wäre auch keine gute Idee,
meint Rothin: „Ein Krieg jetzt wäre eine Katastrophe.“

Eskalation
durch Europa

Die
„Leute im Berliner Außenministerium, die für den jüdischen Staat immer gute
Ratschläge hätten, „sollen dankbar sein, dass Israel so besonnen ist“. Die
Hamas strebe eine Eskalation an, das sei eine große Gefahr für den Weltfrieden.
Auch die israelische Wirtschaft leide unter dem Krieg: „Die Leute können ja
nicht arbeiten gehen.“ Viele Menschen, die in Sderot, Aschkelon oder Aschdod
lebten, hätten sich, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten, Urlaub genommen und
seien ins Landesinnere geflüchtet.

Die
Israelis seien „mürbe“, „sie haben genug“, so Rothin. „Es kann nicht sein, dass
dieses Land ununterbrochen angegriffen wird.“ Sie ist empört darüber, dass zur
selben Zeit, wo Israel belagert und mit Raketen und Granaten beschossen wird, der
Europäische Gerichtshof (EuGH) die Boykottkampagne gegen Israel „juristisch
legitimiert“ habe, indem er eine Kennzeichnungspflicht für in jüdischen
Siedlungen in Judäa und Samaria hergestellte Güter verlangt. „Das sorgt für noch
mehr Spannung, nicht für Deeskalation.“

Ein
Krieg, der keiner ist

„Das
ist alles sehr bedrohlich. Es fühlt sich an wie Krieg, ist aber keiner.“ Die
israelische Luftwaffe fliege sehr tief über Sderot. In der Nacht sei es kaum
möglich zu schlafen; wenn Iron Dome die heranfliegenden Raketen am Himmel
zerstöre, sei es sehr laut, „wie Feuerwerk“.

Wird
eine Rakete in der Luft abgeschossen, fallen die Trümmerteile runter. Jedes von
ihnen kann einen Menschen töten – oder ein Auto zerstören, wie es gerade auf
einem Supermarktparkplatz in Sderot passiert ist. Dennoch habe sie in Sderot
jemanden getroffen, der nicht in einen Bunker wolle, erzählt Rothin: „Er
glaubt, dass er bessere Chancen hat, wenn er rennen kann.“

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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