Apr 2, 2019
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Ein Gespräch mit Sabine Kleindiek : Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein hohes Gut

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CC by sa Allen Armstrong

Was sind die Megatrends der deutschen Energie- und Versorgungswirtschaft?

Eine sehr große Herausforderung stellt die Verschiebung weg von schrumpfenden Landstrichen hin zu wachsenden Städten dar. Das ­Veränderungspotenzial der Abfallströme in diesem Kontext ist groß, wird aber gesellschaftlich bisher kaum thematisiert. ­Zudem entstehen in wachsenden Städten große konkurrierende Flächennutzungen, wobei aber die Infrastruktur für die Entsorgung viel zu oft vergessen und zu spät berücksichtigt wird.

Parallel dazu werden Technologie, Innovation und Digitalisierung die ­logistischen Prozesse revolutionieren. Das autonome Fahren etwa wird sich etablieren. Darüber hinaus werden wir gechipte Materialien und Produkte haben, die „wissen“, wie sie recycelt werden. Und es wird eine echte Rückgewinnung von Rohstoffen geben.

Diese Entwicklungen werden zusammenwirken und das Leben im öffentlichen Raum in eine neue Richtung lenken. Sie werden allen Bevölkerungsteilen neue Möglichkeiten aufzeigen, den öffentlichen Raum rund um die Uhr zu nutzen. Und sie werden uns neue Wege eröffnen, das hohe Niveau in Sachen Stadtsauberkeit und -hygiene aufrechtzuerhalten.

Was sind aus Sicht dieser Branche Deutschlands Stärken und Schwächen?

Eine Schwäche besteht in dem geringen Mengenertrag in der Entsorgungswirtschaft. Vom Bioabfall abgesehen handelt es sich dabei um ein regelrechtes Armutszeugnis. Zu den Schwächen zählen insbesondere die Dualen Systeme, die ihr Ziel der Verpackungsverwertung klar verfehlt haben. Veränderungen in diesem Bereich fielen und fallen halbherzig aus. Bildlich und überspitzt gesagt: Der Gaul Duales System ist eigentlich tot, wird aber weiter geritten. Problematisch ist zudem, dass Konflikte zwischen divergenten Interessen häufig nicht gelöst, sondern gegeneinander ausgespielt werden. Ein aktuelles Beispiel: die Gegenüberstellung von Kompost und Gülle im Düngemittelrecht. Weiterhin: Das gesellschaftliche Image der Entsorgungsbranche ist nicht sexy, und das obwohl die tatsächliche Bedeutung dieser Branche für die gesamte Bürgerschaft immens ist. Ich beobachte außerdem, dass dem Aspekt Lärmemissionen zu wenig Bedeutung beigemessen wird, wenn technische Entwicklungen diskutiert werden. Problematisch erscheint mir schließlich die Frage nach den ­Deponiekapazitäten. Diese werden uns fehlen, da eine Deponie allerorts benötigt wird, zugleich aber niemand eine Deponie in seiner ­Gemarkung haben will.

Zu den Stärken zähle ich die extrem hohe Entsorgungssicherheit und das hohe Niveau der Stadthygiene, die die Branche geschaffen hat. Daraus resultiert die hohe Akzeptanz, die die Dienstleistungen Entsorgung und Stadtreinigung seitens der Bürgerschaft erfahren. Gestützt wird diese Akzeptanz durch die großen infrastrukturellen Leistungen der Branche, die in der hohen Zahl der eingesetzten Müllgefäße und -fahrzeuge zum Ausdruck kommen. Auch das System der Gebührenfinanzierung hat sich bewährt und dem möglichen Eindruck vorgebeugt, die Kommune agiere hier wie ein Selbstbedienungsladen zulasten der Bürgerinnen und Bürger. Zu guter Letzt: Die Branche weist sich durch eine ausgesprochen hohe Kompetenz im Bereich Anlagentechnik aus, und das sowohl in der Tiefe als auch in der Breite des Angebots.

Wo sehen Sie aktuell die größte Herausforderung für Ihr Tun?

Wir leben in einer Zeit, die von einer extrem hohen Veränderungsdichte geprägt ist. In dieser Phase geht es darum, das IST erfolgreich zu tun, und gleichzeitig das SOLL zu sehen und den Weg dorthin zu finden. Wir brauchen unbedingt Botschaften, die allen Beschäftigten positiv vermittelt werden. Die Kommunikation muss die gemeinsame Zukunft greifbar machen, sie darf sich nicht in den Begriffen von Digitalisierung & Co verlieren. Nur wenn ALLE Vertrauen in die Zukunft haben, werden die notwendigen Kräfte mobilisiert, um Veränderung als Chance zu begreifen. Der Betrieb muss horizontal und vertikal für die notwendigen Informationen durchlässig sein, was einen unabdingbaren Wissenstransfer einschließt.

Für welche Aufgabe investieren Sie aktuell den größten Anteil Ihrer Arbeitszeit?

Aktuell befasse ich mich insbesondere mit genau den eben erläuterten Herausforderungen. Sehr zeitintensiv ist zudem die besondere Aufgabe, die Beständigkeit des Wandels in den Betrieb zu integrieren. Hier gilt es, Querdenken zu fordern und zu fördern, ohne sofort alles infrage zu stellen. Es bleibt eine Sorgfalt- und Fürsorgepflicht, die aber der Veränderung keine Last sein darf. Diese Balance ist eine zentrale Aufgabe, wenn man einen Betrieb verantwortet, der jeden Tag so viele unterschiedliche Aufgaben erfüllen muss. Nur ein Beispiel: Im Zoo ist die Thematik ­Biodiversität ­allgegenwärtig. Bei der innerstädtischen Entwicklung hingegen, muss man sich zunächst fragen: Welchen Beitrag kann die Stadtreinigung leisten?

Wie bewerten Sie die starke Position öffentlicher Unternehmen in der Branche?

Sehr positiv! Der eigenen Stadtwirtschaft messen die Bürgerinnen und Bürger eine hohe Bedeutung zu. Gleichzeitig hat die bürgerschaftliche Mitbestimmung enorm an Bedeutung gewonnen. Öffentlichen Unternehmen ist es gelungen, sich der Herausforderung des Marktes positiv zu stellen, sie zu meistern und trotzdem nicht die eigenen Wurzeln zu kappen, sondern zum Beispiel die Verantwortung für die eigene Region zu leben. Die positive Wahrnehmung des EAD spiegelt sich unter anderem im Girls’ Day wider: Dieser wurde anfangs noch belächelt und hinterfragt. Inzwischen sind die vorhandenen Plätze innerhalb weniger Stunden ausgebucht, weil die Mädchen und jungen Frauen die seltene Gelegenheit nutzen wollen, bei uns in Darmstadt in den Kanal einzusteigen. Sie erfahren so auf eine nicht alltägliche Weise mehr über die Arbeit des EAD.

Hinzu kommt eine große Transparenz, die sich aus der demokratischen ­Legitimation ergibt und eine große Bürgernähe impliziert.

Was erwarten Sie von der Politik für Ihre Branche?

Die Branche ist stark von sich ändernden Begriffen geprägt: Die ehemalige Abfallwirtschaft, assoziiert mit Floskeln wie „Tschüss und weg“ und „Aus den Augen, aus dem Sinn“ verändert sich hin zu einer Wertstoff- und Kreislaufwirtschaft. Hierbei besteht die Herausforderung darin, Produkte zu entwickeln, die mit einem vertretbaren Aufwand wieder in ihre „Einzelteile“ zerlegt werden können. Nur so kann eine tatsächliche Ressourcenschonung möglich gemacht werden. Nehmen Sie die aktuelle Debatte über Mikroplastik in den Weltmeeren.

Das Thema ist nicht neu, aber eine persönliche Betroffenheit bringt plötzlich einen ganz neuen Schwung hinein. In Sachen Produkt- und ­Herstellerverantwortung ist die Politik gefragt, spezifische, ressourcenschonende Richtungsentscheidungen zu treffen, und das bevor es fast zu spät ist.

Wieso sind Sie gerade in diese Branche gegangen?

Ein reiner Zufall! Ich habe geheiratet und wollte eine Familie gründen. ­Meine berufliche Situation war, dass ich bei der Metro zur ersten Geschäftsführerin ins operative Geschäft entwickelt wurde. Mich hätten 49 Kollegen erwartet, denen ich dann demonstriert hätte, dass ich ihren Job kann und eine Familie habe. Das habe ich als unrealistisch eingeschätzt. Anders verhielt es sich mit der Stelle als Betriebsleiterin beim damals neu gegründeten Dienstleistungsbetrieb Neu-Isenburg: Diese Stelle war nicht nur eine berufliche Herausforderung, sondern bot mir auch die solide Grundlage, Familie und Beruf zu vereinbaren. Wichtig war für mich: Ich konnte die Zukunft des neuen Betriebs nicht nur verwalten, sondern GEMEINSAM mit den ­Beschäftigten gestalten.

Ist die Branche noch immer männlich?

Das Bild der Branche ist nach wie vor männlich geprägt. Abfallwirtschaft und Stadtreinigung: Das sind die Männer in Orange, die wir alle täglich in unseren Städten erleben. Kraftvoll und zuverlässig. Es gibt aber aus meiner Sicht keinen Grund, sich als Frau dieser Branche nicht zu nähern. Auch die vermeintliche Techniklastigkeit ist nur ein erster Eindruck. Vielmehr zeichnet diese Branche aus, auf kommunaler Ebene nachhaltige Veränderungen zu generieren.

Wie schätzen Sie die Chancen von Frauen in der Branche ein?

Sehr gut! Dies gilt insbesondere dann, wenn sich ein Unternehmen im öffentlichen Dienst bewegt oder daran angelehnt arbeitet. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist hier ein hohes Gut und wird in meiner Wahrnehmung heute auch oft von Männern genutzt, was ich für eine sehr gute Entwicklung halte. Wesentlich für die eigene Chance ist, sich sehr stark mit der Aufgabe zu identifizieren und klare Signale zu bekommen, dass die Übernahme von Personalverantwortung ausdrücklich gewollt ist. Führungsverantwortung kann nicht nur Vorteile bedingen, aber es eröffnet große Chancen für die persönliche Gestaltung eines Unternehmens.

Hatten Sie ein berufliches Schlüsselerlebnis aufgrund Ihres Geschlechts?

Ja, die Motivation für meinen Berufsweg beruht auf einem Schlüsselerlebnis: In meiner Jugend habe ich erlebt, wie es sich anfühlt, dass Frauen aufgrund einer finanziellen Abhängigkeit keine freien Entscheidungen treffen konnten. Damals habe ich für mich entschieden: Wenn ich gesund bleibe, wird mir das nicht passieren. Ich wollte eine gute Ausbildung, um eine ­solide Ausgangssituation zu haben. Dabei habe ich für mich immer den Anspruch gehabt, Beruf und Familie erfolgreich miteinander zu vereinbaren. Ich habe für mich festgestellt: Was Männer (haben) können, kann ich auch realisieren.

Was empfehlen Sie jungen Frauen, die in diese Branche hinein beruflich starten?

Beim Start in das Berufsleben würde ich mich nicht an die Branche, die ich hier vertrete, binden. Es ist aus meiner Sicht unabdingbar, selbst zu definieren, wo ich hinwill, und trotzdem offen zu bleiben, um neue Erkenntnisse in neue Ausrichtungen umzusetzen. Zu meinem Credo gehört, insbesondere die Wertschätzung aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu leben. Diese ist fundamental wichtig, wenn Führungsverantwortung angestrebt wird, die mit der besonderen Verantwortung für die Zukunft eines Unternehmens einhergeht, das vornehmlich aus Menschen besteht. Zu den wichtigsten Elementen gehören für mich, Veränderungen positiv gegenüberzustehen und ein ausgeprägter Gestaltungswille. Ausschlaggebend für den beruflichen Erfolg von Mann und Frau ist häufig ein gut auf- und ausgebautes Netzwerk, um auch über die inoffiziellen Informationen zu verfügen. Führung meint nicht, einsam(e) Entscheidungen zu treffen. Vielmehr ist ein Führungsteam zu bilden und gerade auf der Basis der unterschiedlichen Betrachtungsweisen die richtige Entscheidung für das Unternehmen zu treffen.

Sabine Kleindiek begann ihre berufliche Laufbahn nach dem ­Studium der Betriebswirtschaftslehre mit ­Abschluss als Diplom-­Kauffrau an der Universität zu Köln 1991 als Trainee bei der Metro Cash & ­Carry ­Deutschland GmbH. 1992 war sie dort im Bereich Personalentwicklung tätig. Von 1993 bis Anfang 1995 übernahm sie die Aufgaben einer ­Führungskraft an den Metro-Standorten Aachen und Frankfurt. Danach übte sie 1995 am Standort Köln die Funktion einer stellvertretenden ­Geschäftsführerin aus. Ende 1995 wechselte sie zum Dienstleistungs­betrieb der Stadt ­Neu-­Isenburg und übernahm dort bis 2002 die ­Stelle der Betriebsleiterin. Seit 1. Januar 2003 ist sie erste Betriebsleiterin des Eigenbetriebs für ­kommunale ­Aufgaben und Dienstleistungen (EAD) der ­Wissenschaftsstadt Darmstadt. Daneben ist Sabine Kleindiek Vorstandsvorsitzende der ­VKU-Landesgruppe Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland. Sie ist außerdem Mitglied im ­Leit-, ­Finanz- und Digitalisierungsausschuss des VKU sowie im VKU-Verbandsvorstand und -Präsidium.

von Sabine Kleindiek

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