Dez 27, 2018
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Ein ewiges Lied, 200 Jahre alt: „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ – Geschichte und Bedeutung

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„Stille Nacht! Heilige Nacht!“ Sechs Strophen, einfache Melodie, der Text beschreibt ein Idyll. Wenn dies Lied nicht erklingt, ist es nicht Weihnachten – so ergeht es sehr vielen Menschen hierzulande. Die Melodie in D-Dur und im 6/8-Takt erklingt getragen-sphärisch, ist sowohl als Hirtenweise wie auch Wiegenlied angelegt. Die altersschwache Orgel der der Sankt-Nikolaus-Kirche des oberösterreichischen Ortes Oberndorf an der Salzach hatte den Geist aufgegeben, und so begleitete der Hilfspfarrer Joseph Mohr (1792 – 1848) sich selbst und den örtlichen Lehrer und Organisten, Franz Xaver Gruber (1787 – 1863), auf der Gitarre. Der Erstere hatte den Text gedichtet, der Letztere die Melodie komponiert, und beide sangen es in der Oberndorfer Christmette zweistimmig – Mohr die Oberstimme, Gruber den Bass. So berichtet es die örtliche Chronik.

Mohr und Gruber waren Landsleute, sie kamen aus der Umgebend. Mohr erblickte am 11. Dezember südlich im nahen Salzburg das Licht der Welt, Gruber am 25. November im ebenso nahen kleinen Ort Hochburg-Ach auf einer landschaftlich recht eintönigen Hochebene nordöstlich von Oberndorf. Mohr hatte den Text schon 1816 in einer kalten Winternacht als Gedicht geschrieben, und nun bat er Gruber zum Weihnachtsfest, dazu eine Melodie zu komponieren. Gruber bewegte in seinem Innern die Jodler-Rufe der Almhirten, die er draußen häufig gehört hatte. In seinem Tagebuch notierte er nüchtern, es sei „eine einfache Komposition ohne besondere Bedeutung.“

Wie eine frische Quelle im Gebirge

Wir sind im östlichen bayerisch-oberösterreichischen Alpenvor- und Grenzland, es ist die säkularisierte Zeit nach den napoleonischen und Befreiungs-Kriegen. Die damalige europäische Welt war erschöpft, kriegsmüde und „ausgeblutet“ durch zahlreiche Schlachten und Feldzüge. Die unteren Volksschichten waren unsagbar arm. Seit 1816 hielten Missernten, Hungersnöte und Epidemien das Land im Griff. Die Menschen sehnten sich danach, zur Ruhe zu kommen. Die Überlebenden aus den zusammengewürfelten großen Heeren waren nach Hause zurückgekehrt mit nichts in den Händen als ihrem Leben. Der eroberungs- und ruhmsüchtige französische Feldherr und Kaiser von eigenen Gnaden war an seinem eigenen „Genie“ und Größenwahn gescheitert und verbrachte nun weit entfernt in der Verbannung auf der Atlantikinsel St. Helena krank und gebrochen seine letzten Jahre, bis er dort 1821 starb.

In Frankreich regierte nach dem Ende des Volkstribuns, bürgerlichen Reformers und blutigen Kriegsherrn Napoleon wieder das Haus der Bourbonen, aber die Zeit ließ sich gegen das Volk nicht mehr wirklich zurückdrehen. War man doch schon mal Bürger und Bürgerin Revolutionär gewesen, hatte adlige Köpfe rollen sehen – und war damit nicht glücklicher geworden. In Deutschland blühte nach dem Bildungs-Preußentum des Großen Friedrich, der selbst auch Kriegsherr seiner Zeit gewesen war, die gelehrte literarische Klassik: Goethe, Schiller, Herder, Wieland, Kleist, der junge Heine strahlten aus. Im dichterischen Versmaß und Ideal der Ästhetik inspiriert und angeregt von der griechischen Antike, deren Kunst-Werke in Büsten und Poemen man teilweise nachahmte. Bayern war König-, Österreich Kaiserreich. Nur die Untertanen, des Lesens zumeist unkundig, lebten ihr einfaches Leben.

Fast eine Art musikalischer Weihnachtsgeschichte

Mohr war der nichteheliche Sohn einer Strickerin, von der es hieß, sie ginge dem „leichten Gewerbe“ nach, und des desertierten Musketiers Franz Mohr. Der fünf Jahre ältere Gruber entstammte einer alteingesessenen, armen Leineweber-Familie und sollte den Beruf des Vaters ergreifen, was er bis zum Alter von 18 Jahren auch tat. Doch in beider Leben gab es jenen Zufall, dass sie ab einem bestimmten frühen Zeitpunkt die Förderung eines Gönners erfuhren, ohne die sie nie an höhere Bildung gelangt wären. Dem jungen Mohr erging es so. Nach der Kindheit und Jugend in Salzburg ermöglichte die finanzielle Unterstützung durch den Domvikar Johann Nepomuk Hiernle ihm ein theologisches Studium an der Universität. 1815 wurde er zum Priester geweiht und durchlief, in Mariapfarr beginnend, mehrere Pfarren als Hilfspriester.

Andreas Peterlechner, der Hochburger Schullehrer, erkannte Grubers Talent und erteilte ihm Musikunterricht. Ebenso erwarb der junge Gruber bei ihm die Grundlagen zum Volksschullehrer und legte 1805 die Prüfung dafür ab. 1807 trat er in Arnsdorf bei Salzburg die Lehrerstelle an und übernahm von 1816 bis 1829 den Organistendienst in der Pfarre Oberndorf. So begegnete der Organist dem Hilfspriester, denn von 1817 bis 1819 übte Mohr dieses Amt in Oberndorf aus. „Stille Nacht“ wurde von zwei Menschen erschaffen, die die Not einfachster Verhältnisse kannten – es entsprang, das kann wohl ohne Übertreibung gesagt werden, dem Volksglauben.

Die kleine Stadt, abseits des Weltgeschehens

Die wichtigste Zunft in Oberndorf war die der Schiffer und Flößer, die das im Salzkammergut in Bergwerken abgebaute Salz über die Flüsse als Handelswege bis nach Salzburg und ins weitere Umland bis nach Passau brachten. Salz, zu jener Zeit fast im Rang einer Währung, war kostbar – ja, eine Ladung salz galt mehr als ein Menschenleben. Ein Schiffer durfte nach der Zunftregel nicht schwimmen können, da er sonst bei Gefahr für Boot und Fracht in Unwettern oder starken Stromschnellen lieber sich als seine Ladung durch einen Sprung ins Wasser hätte retten können.
Die Oberndorfer Schifferkirche St. Nikolaus freilich steht nicht mehr, sie ist 1906 nach Flutschäden abgerissen worden und hat an ihrer statt an etwas erhöhter gleicher Stelle die Stille-Nacht-Gedächtniskapelle errichtet, die noch heute zu besichtigen ist. Ein kleines Kirchlein mit Kuppeldach und Türmchen und einem gerade mal wohnraumgroßen Innenbereich, geschnitztem Altarbild von Christi Geburt, zwei, drei abgenutzten Bankreihen, Kerzen, zwei Bildnissen von Gruber und Mohr rechts und links im Altarraum.

Ein paar Meter weiter über den Platz befindet sich ein Stille-Nacht-Museum mit Andenkenladen. Von Salzburg, München und Passau kommen immer wieder Touristen aus aller Welt an den denkwürdigen Ort im östlichsten Ausläufer des Chiemgaus, die Selfies schießen und billige Souvenirs kaufen. „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ ist längst zum „Welthit“ geworden, überall bekannt und beliebt in mittlerweile 330 Sprachen und Dialekten. 2011 hat die UNESCO das Lied zum immateriellen Kulturerbe in Österreich erklärt. Wer es sich gönnen will, kann auch die etwa 25 Kilometer Richtung Norden nach Hochburg-Ach weiterfahren und dort den Nachbau des Geburtshauses von Franz Xaver Gruber (Franz-Xaver-Gruber-Gedächtnishaus oder Gruberhäusl) mitten im Ort aufsuchen, ein eher ärmlich wirkendes, niederes Holzhaus im Gebirgsdorfstil in einem Ort, der selbst fast wie ein Freiluftmuseum alter Häuser wirkt. Nahe bei Oberndorf befindet sich das Franz-Xaver-Gruber-Museum an der Ausfallstraße nach Hochburg.

Zwei gegensätzliche Typen

Joseph Mohr war vermutlich ein eher unsteter, rebellischer Geist, den es nie lange an einem Ort hielt. Über ein halbes Dutzend Pfarren in wenigen Jahren brachte er hinter sich. Aber es scheint auch so zu sein, dass sich Mohr trotz seiner häufigen Stellenwechsel stets durch eine vorbildliche seelsorgerische Arbeit auszeichnete. Er verstand sich mit den Leuten, initiierte hier einen Schulhausbau, richtete dort eine Schulförderung für Kinder ein. In seinem letzten Wirkungsort im Salzburgischen Wagrain betrieb den Aufbau einer Alten- und Armenhilfe, dort erlag er auch, kaum 56jährig, einem lebenslangen Lungenleiden am 4. Dezember des Jahres 1848. Gruber, der Stillere von beiden, ein in sich zurückgezogener Mann, vertiefte sich in seine Musik und komponierte. Über neunzig Werke sind von ihm erhalten, sein musikalisches Schaffen stand fast ausschließlich im Dienst der Kirche, heißt es in der Oberndorfer Chronik. Nach 21 Dienstjahren übersiedelte er 1829 nach Berndorf, wo er bis 1835 als Lehrer und Mesner fungierte. Schließlich zog er nach Hallein, wirkte ganz seinem Lieblingsthema, der Musik hingegeben, als Chorregent, Choralist und Organist. Am 7. Juni 1863 starb Gruber dort an Altersschwäche. Begegnet sind er und Mohr sich offenbar nie wieder.

Ein möglicher Bezug für die Entstehung der Melodie von Stille Nacht könnte sein, dass die Verszeile „Stille Nacht, heilige Nacht“ wie der Ruf der Almhirten klingt, die sich damit jodelnd über die Wiesen und Wälder an den Hängen und Senken hinweg verständigten: Ho-joho-ho – Stil-le Nacht. Allerdings gibt es um Oberndorf herum keine alpine Berglandschaft, erst hinter Salzburg beginnt das Hochgebirge. Die höchste Erhebung im nahen Flachgau ist als große Kuppe der Haunsberg mit 832 Metern.

Ein Lied geht um die Welt

Beachtlich und ungewöhnlich ist die weitere Verbreitung des Liedes. Es gelangte im Gepäck des wandernden Orgelbauers Karl Mauracher aus Fügen im Zillertal, der die Orgel in Oberndorf wartete und reparierte, in seine Tiroler Heimat. Die Zillertaler Bauern verdienten sich im Winter durch Verkauf von allerlei Holzhandwerk ein Zubrot und zogen über die Märkte der Region. Um auf ihre Stände in der Weihnachtszeit aufmerksam zu machen, sangen die Kinder der Bauern Volksweisen, darunter auch das Stille-Nacht-Lied. Von Tirol aus verbreitete es sich über Märkte in deutschen und europäischen Städten wie Hamburg, Leipzig und London, in ganz Europa, Amerika und schließlich der ganzen Welt. Gesangsgruppen wie die Strasser-Sänger aus Laimach oder die Geschwister Rainer, ein gemischtes Gesangsquartett, brachten es bis zum Vortrag 1822 des Stille-Nacht-Lieds vor Kaiser Franz Joseph I. und Zar Alexander I. auf Schloss Fügen. Der Zar lud darauf die Sänger*innen zu Auftritten nach Russland ein. Durch umfangreiche Reisetätigkeit machten die Rainer-Sänger das Lied ab 1839 in Amerika bekannt, wo es im selben Jahr in der Trinity Church am Broadway in New York seine US-Uraufführung erlebte. Zur Jahrhundertwende sang man es – verbreitet durch katholische und protestantische Missionare – bereits auf allen Kontinenten.
Nur „I’m dreaming of a white christmas“, von Irving Berlin geschrieben im warmen Arizona und gefühlsweich interpretiert von Bing Crosby, der auch Silent Night! Holy Night! auf Platten und in Filmen sang, ist in den USA vergleichbar populär. Crosbys Stille-Nacht-Aufnahme erreichte mit 30 Millionen verkauften Platten den drittstärksten, jemals erzielten Aufnahmeerfolg. Mit der heute verbreiteten Tendenz, Weihnachten total zu kommerzialisieren und zu popularisieren durch Werbung und die verschiedenen elektronischen Massenmedien, hat auch das Stille-Nacht-Lied eine kaum noch erträgliche Banalisierung, eine gefühlsduselige Verkitschung und damit Abwertung erfahren, die es wirklich nicht verdient hat.

Sogar in den Schützengräben Flanderns

Die Botschaft des Stille-Nacht-Liedes jenseits dessen ist eine denkbar einfache und eingängige, wie im Grunde alle wahre Spiritualität einfach und klar ist. Sie handelt von Liebe, Gemeinschaft und Frieden auf Erden. Und welches Lied kann von sich sagen, es hätte Waffen zum Schweigen bringen können. Verbürgt in Kriegsannalen ist ein Bericht, dass es an Weihnachten 1914 an der Westfront im belgischen Flandern zwischen Engländern und Deutschen zu einem seltsamen Ereignis kam. Deutsche und Engländer sangen in ihren Gräben das Stille-Nacht-Lied. Ein deutscher Feldwebel fasste spontan den Entschluss und ein britischer Unteroffizier erkannte die Friedensgeste. Unter Parlamentärsfahne verließen die einander feindlichen Soldaten die Gräben und gingen aufeinander zu, es wurde eine nichtoffizielle Waffenruhe vereinbart und zu Ballspiel und Begegnung genutzt. Doch bald peitschten im selben Frontabschnitt wieder Maschinengewehrsalven übers Niemandsland und schlugen in die Gräben tödliche Granaten ein. Als die Heeresleitungen auf beiden Seiten davon erfuhren, untersagten sie strengstens eine Wiederholung solcher „Verbrüderungsakte“. Auf diesem Portal haben wir jüngst “über dieses
Ereignis berichtet.

„Stille Nacht! Heilige Nacht!“

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Alles schläft, einsam wacht / nur das traute hochheilige Paar. / „Holder Knabe im lockigen Haar, schlaf‘ in himmlischer Ruh‘ / schlaf‘ in himmlischer Ruh‘!“

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Gottes Sohn, o wie lacht / lieb‘ aus deinem göttlichen Mund, / da uns schlägt die rettende Stund‘: / Jesus in deiner Geburt. / Jesus in deiner Geburt.

Stille Nacht Heilige Nacht! / Die der Welt Heil gebracht, / aus des Himmels goldenen Höh‘n / uns der Gnade Fülle lässt seh’n: / Jesum in Menschengestalt. / Jesum in Menschengestalt.

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Wo sich heut‘ alle Macht / väterlicher Liebe ergoß / und als Bruder huldvoll umschloß / Jesus die Völker der Welt. / Jesus die Völker der Welt.

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Lange schon uns bedacht, / als der Herr, vom Grimme befreit, / in der Väter urgrauer Zeit / aller Welt Schonung verhieß.

Stille Nacht, heilige Nacht, / Hirten erst kundgemacht! / durch der Engel Halleluja / tönt es laut von Ferne und Nah: / Jesus, der Retter ist da! / Jesus, der Retter ist da!

von Elmar Klink

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