Jun 12, 2019
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Dummdeutsch am Ende der Republik

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(www.conservo.wordpress.com)

Von Helmut Roewer *)

Eine Floskelsammlung für konservative, liberale und sonstige Beschwichtiger, Beschweiger und Amrandestehereisbär

Eine Demokratie muss das aushalten: Diese Floskel wird benutzt, wenn Fälle besonders drastischer Dummheit oder Vorteilsnahme oder beides zusammen auftreten, so heutzutage gern beim Massenphänomen gefälschter akademischer Abschlüsse, oder – besonders übel und deswegen erfolgreich – bei der Erfindung einer jüdischen Vergangenheit. Die Floskel soll zum Ausdruck bringen: Mach dir keine Sorgen, das System ist so stabil, dass die Kleinigkeiten, die dir aufstoßen, aufs Ganze gesehen, nichts ausmachen.

Doch ach: Die Formel lenkt ab, denn die Staatsform Demokratie ist etwas Abstraktes, sie hat keine Gefühle und kann demzufolge auch nichts aushalten oder nicht aushalten. Ganz anders die Bürger, die einen Staat bilden und für seine Organisation sorgen und im Falle der Demokratie davon überzeugt sein sollen, dass diese gut für sie und das Land ist. Ob sie das aushalten, wenn ihre Repräsentanten sich ständig so benehmen, wie es anderen verboten ist, das ist die eigentliche Frage. Wenn sie, die Bürger, an einen Punkt kommen, wo sie die Dinge nicht mehr aushalten, die man ihnen zumutet, neigen sie zu Gewalttätigkeiten. Das sollte bedenken, wer das Aushalten exzessiv predigt. Viele hören bereits heute nicht mehr hin.

Ein Parlament muss halt der Spiegel der Bevölkerung sein: Diese Floskel wird angewendet, wenn begründet werden soll, warum in deutschen Parlamenten so viele Taugenichtse, Minderbegabte und Ausbildungsabbrecher sitzen. Nie hörte ich davon, dass einer vom Spiegel der Bevölkerung sprach, wenn es um die knappe Hälfte derjenigen geht, die sich in unserem Land den Lebensunterhalt durch eigene Arbeit verdienen. Sie gehören offenbar nicht zum Spiegel der Bevölkerung.                Doch ach: Was ist denn eigentlich der Grund dafür, dass das Parlament ein Spiegel der Bevölkerung sein soll? Schätzen die Parlamentarier ihre Arbeit als so durchschnittlich ein, dass sie keinerlei überragende Kenntnisse und Fähigkeiten brauchen, um ein Volk zu lenken, die Regierung zu bestimmen und Gesetze zu erlassen? Ähnliche Leichtfertigkeit leistet man sich hierzulande bei Busfahrern und Rheinschiffern nicht – Ansätze zur Auflösung strikter Berufs-Prinzipien sind bislang nur bei syrischen Gefäßchirurgen zu erkennen. Nun vertraut man Abgeordneten zwar keinen Reisebus und kein Skalpell an, aber immerhin die Frage, ob demnächst noch Busse fahren und wer bei wem das Messer ansetzen darf.

Man muss sie sich selbst entzaubern lassen: Bei dieser Floskel handelt es sich um ganz spezielles Konservativen-Deutsch. Es wird angewendet, um die Selbstbeschwichtigung vor der Übernahme der grünen Herrschaft zum Ausdruck zu bringen. Der Sprecher will sagen, dass ihm die absolute Schädlichkeit grüner Politik bekannt sei, man diese Leute jedoch jetzt einmal an die Macht lassen soll, damit deren Unsinn im Scheitern für jedermann sichtbar werde.

Doch ach: Es ist ein Gebot von Erfahrung und Vernunft, dass man Totalitäre von der Macht fernhält. Lässt man sie, vermeintlich versuchsweise, an die entscheidenden Schalthebel, werden sie ihre Konzepte der Intoleranz unverzüglich umsetzen und ihre unbedarften Helfershelfer ohne Scheu liquidieren. Zur Jahreswende 1932/33 geschah genau dieses: Die Konservativen glaubten, sie könnten die NSDAP und ihren Führer durch an-die-Macht-lassen domestizieren und somit entzaubern. Ein Jahr später waren die Steigbügelhalter außer Landes getrieben oder ermordet.

Aufgeregtes Stühlerücken: Er vergleicht die Grünen mit der NSDAP. Tue ich das? Mir ging lediglich durch den Kopf: Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, Hilfstruppen zur Ausübung von Gewalt (SA bzw. Antifa), irrationale Jugendindoktrination, hämmernde einseitige Propaganda, rücksichtslose Okkupation der Medien, Erziehung des Volkes zu neuen Menschen, globale Perspektiven grotesk-deutschen Denkens (am deutschen Wesen…) vor allem bei politischen Wahnvorstellungen (hie Klimawahn, dort Rassenwahn), Isolierung im Konzert der Völker, Rindfleischverbot und Reichseintopftag – und zu guter Letzt: auch der einzige Führer, den wir je hatten, war ein strikter Vegetarier, und die deutschen Frauen liebten seine blauen Augen.

Die Menschen wollen das so: Die Floskel wird angewendet, wenn es für eine Angelegenheit keine sachliche Begründung gibt und zudem kein Widerspruch geduldet werden soll. Der Trick der Floskel besteht aus zwei Teilen: (1) Die Menschen ist ein Synonym für alle Menschen. Jeder, der nachfragt oder gar anderer Meinung ist, weiß von vornherein, dass er ein am Schwachsinn schrammender Außenseiter ist, der (2) von Demokratie nichts verstanden hat, denn wenn die, also alle Menschen etwas wollen, ist der Gipfel der Demokratie erreicht.

Aber ach: Niemand hat die Menschen gefragt, die angeblich alle einer Meinung sind. Um das zu überspielen, gibt es Umfragen, die vorher und nachher bestätigen, was gewollt werden soll.

Eine europäische Lösung muss her: Seit der Kohl-Ära ständige Forderung für alles, um dessen Entscheidung man sich herumdrücken wollte und will. Wurde angewendet z.B. für Nahrungs- und Industrieproduktion, Landwirtschaft, Währung, Bewaffnung, Grenzregime, Einwanderung, Persönlichkeitsrechte, Datenschutz und Datensicherheit, Verkehrswesen, Subventionsunwesen. Hat zur Folge, dass das ohnehin schon überkomplizierte Recht nunmehr undurchschaubar geworden ist, was den Vorteil hat, dass die, die es sich leisten können, sich leisten können, was sie wollen.

Zur Beurteilung des Nutzens der europäischen Lösungen gibt es eine einzige schlüssige Kontrollfrage, nämlich: Welchen Nachteil hat der Bürger, wenn man die europäische Lösung ersatzlos streicht? Die Antwort lautet: Keinen – in nahezu allen Fällen.

Man muss an die Enkel/die Eisbären denken: Die Floskel bringt zum Ausdruck, dass wir jeden Tag etwas tun, was für die Enkelgeneration oder die Eisbären oder für beide gleichzeitig das Leben in diesem Land, auf diesem Kontinent, auf diesem Globus unmöglich machen wird. Das anstößige Tun ist uns also zu verbieten – keine Frage. Die eigentliche Frage allerdings, ob das, was verboten werden soll, überhaupt einen Einfluss auf die zu erwartende Apokalypse haben kann, ist den Bürgern dank der moralischen Mächtigkeit der Floskel versagt.

Aber ach: Die Leute, die uns auf die Enkel einschwören wollen, haben in der Regel nicht einmal eigene Kinder oder sind der Meinung, dass man Kinder wg. ihres ökologischen Fußabdrucks überhaupt verbieten sollte. Sollten sie, die Weltenretter, irgendwo einem Eisbären in freier Wildbahn begegnen, wünsche ich ihnen und dem Eisbären viel Vergnügen. Die Floskel ist also, was sie ist: Gaga.eisbär röwer

©Helmut Roewer, Juni 2019

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*) Dr. Helmut Roewer wurde nach dem Abitur Panzeroffizier, zuletzt Oberleutnant. Sodann Studium der Rechtswissenschaften, Volkswirtschaft und Geschichte. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen Rechtsanwalt und Promotion zum Dr.iur. über ein rechtsgeschichtliches Thema. Später Beamter im Sicherheitsbereich des Bundesinnenministerium in Bonn und Berlin, zuletzt Ministerialrat. Frühjahr 1994 bis Herbst 2000 Präsident einer Verfassungsschutzbehörde. Nach der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand freiberuflicher Schriftsteller und Autor bei conservo. Er lebt und arbeitet in Weimar und Italien.
www.conservo.wordpress.com    12.06.2019  
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Allgemein · Conservo · Innenpolitik · Klare Kante

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