Mrz 25, 2019
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Die Anti-Moral der konservativen Revolution: Die konservative Revolution frisst ihre Kinder

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Die Warengesellschaft akkumuliert Gesundheit, Jugend, Unsterblichkeit und Macht. Das ganze explosive Gemisch konserviert sie in einer künstlichen Matrix, die den Robonauten erschafft. Der Robonaut ist der Retorten-Übermensch – wahr gewordener Traum, statistische Rarität, surreale künstliche Intelligenz: Er fühlt nicht, sondern analysiert und integriert emotionale Zustände. Er agiert nicht, sondern reagiert auf seine Umwelt, indem er sein Handeln innovativ und disruptiv dem Zeitgeist anpasst. Der Robonaut zerstückelt seine Träume in leicht verdauliche Appetithäppchen für Jedermann – Sharing als kollektivistische Erfahrbarmachung der Volksseele. Keine Fehler, keine Umwege, keine moralischen Abenteuer – die perfekte Maschine schaut dich morgens als nützliche Ich-AG aus dem Spiegel an, bevor Du Dein tägliches Zeitmartyrium beginnst.

Aber der Robonaut leidet. Hin und hergerissen zwischen Trends und Technologie, verliert er den Kontakt zum Selbst. Während er mit der virtuellen Welt verschmilzt, wird sein Innerstes immer hohler. Er hat längst Bequemlichkeit gegen Freiheit getauscht. Die Wonnen der Aufmerksamkeitsökonomie zeigen ihren Preis: Dauer-Zerstreuung wird zu Zerstreutheit, das Ich zerbröselt unaufhaltsam in sinnlose Effekte, die sich nach einem Momentum selbst löschen. Die Fülle der Konsumwelt erschafft eine eigentümliche Leere der Gedanken, die einen neuen alten Mangel aus der Tiefe der Hölle empor holt. Der Drang nach dem Unbedingten und Dionysischen ist einfach nicht totzukriegen: es ist das romantische „Lied des Heimwehs nach dem Vergangenen“, wie Thomas Mann es nannte.

Robonauten wider die Moderne

Wenn marktgesteuerte Typisierung und produktabhängiger Content-Individualismus das heroische Streben nach der allumfassenden Weltharmonie ersetzen, hat sich mehr als nur das Framing verändert. Tatsächlich konkurriert die illegitime Fremdadaption von Erfahrung, die das digitale Geschäftsmodell bestimmt, mit der kritischen Selbstreflexion des Eigenen. Der Idealismus hat sich zur Hybris aufgebläht: ergebnisorientierte Vermittlung wird auf die optimale Verwertung allokierter Summen reduziert. Das Projekt der Moderne scheitert an seiner eigenen Vollendung. Schaffen für das Wirtschaftswachstum ersetzt das eigene Seelenheil.

Die Krise der Moderne beginnt mit ihrer eigentlichen Erfindung. Die Figuren in Arthur Schnitzers Einakter werden durch widrige und undurchschaubare Umstände entmächtigt: Das Fin de Siècle hat das Unbewusste und die Aufspaltung des einheitlichen Subjekts durch darwinistische Arbeitsteilung entdeckt. Die materialistische Konsensgesellschaft hebt die Notwendigkeit metaphysischer Spiritualität auf, Regeltreue und Tradition weichen dem ständigen Ästhetizismus des Neuen. Daraufhin bricht in Europa das Nervenleiden aus. Was liegt also näher, als sich in Polemik und Selbstmitleid zu ergehen?

Wenn die Psyche revoltiert, vermischen sich Lebenssehnsucht und Lebensflucht auf unheilvolle und zugleich schöpferische Weise. Wer leidet, ist krank. Psychische Krankheiten werden zur Metapher für die Abgründe der durchrationalisierten Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts: Hysterie, Schizophrenie, Depression, Borderline. Der Mensch wird zum impulsiv-intensiven Quantenzustand eines momentan-multiplen Subjekts, über dessen Gesamtheit die Person selbst nicht mehr verfügt. Diese zutiefst verstörende Erfahrung ist es, die schon bald ein tiefes Sehnen nach Mystik und das Begehren nach umfassender Kontrolle auslöst.

Die Anti-Moral der konservativen Revolution

„Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“ sagt Georg Büchners Danton in Dantons Tod, geschrieben 1835 unter dem Eindruck der Restauration. Wer spricht hier – der Revolutionär, der tragische Held oder der zynische Skeptiker? Knapp hundert Jahre später entsteht die konservative Revolution als uneinheitlicher Ideenkomplex gegen die ungeliebte Weimarer Demokratie. Noch einmal hundert Jahre später ist die konservative Revolution nach einem verheerenden Rachekrieg und einem langen Wohlstandswinterschlaf in neuem Gewand zurück. Was heute vereinfachend unter National-Populismus subsumiert wird, bestand aus uneinheitlichen Strömungen. Neben Rassentheorien und völkischen Ideen waren auch sozialistische und aktivistisch-vitale Bereiche vertreten. Bei Thomas Mann, der den Begriff geprägt hat wie kein Anderer, ist es der Vorbehalt des aristokratischen Individuums gegen den anonymen Schwarm der Massengesellschaft. Die antiliberale und anti-demokratische Haltung dieses Narrativs war mitnichten auf Deutschland beschränkt, sondern mindestens ein europäisches Phänomen. Was ist also dran am großen Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation?

Rom oder Moskau, das ist hier die Frage! Wem zur Zeit die Treue gehört, ist allzu offensichtlich. Die entscheidende Nachkriegsöffnung gegenüber der politischen Kultur des Westens ist längst zu einer unkritischen Unterwerfung unter Propaganda-Losungen der soft colonization mutiert. Was ist geblieben von dem störrischen Land, das sich als Mittelmacht zwischen Ost und West verstand? Ist es die Lehre, „daß nichts, was die Linke tut, klappt“? Dies sagt Sebastian Haffner in der Geschichte eines Deutschen, seinen Kindheitserinnerungen aus der Weimarer Republik – aus der kritischen Distanz, als es nichts mehr zu hoffen gab, kurz vor Ausbruch des 2. Weltkrieges. Die „kalte Tollheit, die hochfahrend hemmungslose, blinde Entschlossenheit zum Unmöglichen“, die er den Deutschen nach den anarchischen Wirren des Jahres 1923 – Ruhrbesetzung, galoppierende Inflation, Hitlers Bierhausputsch – attestiert, ist heute zum Glück rar geworden. Aber die schwach ausgeprägte Begabung zum persönlichen Glück, die immer wieder von dem Wunsch nach Erlösung kompensiert wird, am besten mit einem „großen, alles überschwemmenden, billigen Massenrausch“, die scheint mittlerweile wieder Feuer zu fachen.

Das Gemeinwohl als imaginärer Schutzraum

Büchner und Haffner trennen ein Jahrhundert, aber sie vereint das tiefe Misstrauen gegen Bevormundung und die hohe Sensibilität für die Fehlbarkeit von Systemen. Was in der Geschichte ist Zufall, was Gewissheit und was ist bloß ein Missverständnis? Das Gemeinwohl, die volonté générale, hat es wieder an die Oberfläche der Mainstream-Tugenden geschafft. Simultan und global agierende „Integrity Initiatives" nutzen das dezentrale Netz, um eine Feudalität 2.0 zu errichten, die den Volkskörper nach den Vorstellungen einer scheinbar überlegenen Elite formen will. Dabei wird ein perfides Spiel um Verhüllen und Erkennen inszeniert: Diejenigen, die die Deutungshoheit usurpieren, eignen sich – gerechtfertigt durch gesellschaftliche Effizienz – die totale Transparenz an und werden in ihr unsichtbar. Der Gründungsmythos der civitas terrena hat sich zu viele Jahrhunderte im genetischen Code gehalten: Zwietracht und Herr-Knecht-Struktur ad infinitum wird als Grundstruktur des Menschlichen angenommen.

Die konservative Revolution mischt fleißig mit im Gerangel um den Anspruch auf Wahrheit. Seit jeher bekämpft sie den Fortschritt, indem sie der Gesellschaft Degeneration und Kulturfremdheit vorwirft. Der neue Feind ist ein weiterer Allgemeinplatz: Globalisierung und Digitalisierung. Mit pathetischen Phrasen wird ein Aufstand der Bürger herbeigeredet, die gegen das System in Stellung gebracht werden. Aber dieser Antagonismus dient letztlich nur altbekannten Zielen: er schafft eine Gesellschaft der Assimilation, die das Fremde nicht mehr als verschieden vom Eigenen ansieht. Wertschätzung von Differenz und Ambiguität? Fehlanzeige. Die konservative Revolution will konservieren – nicht den Status Quo, sondern den Griff der Macht auf die Zukunft, wobei ihr die Überwachung äußerst gelegen kommt.

Ist die konservative Revolution böse? Nein. Die konservative Revolution ist ein irrationales Gefühl, ein innerer Widerstand gegen das Neue, das nur der Künstler sich eine Zeitlang erlauben kann, will er fortschrittliche Kritik an den Zuständen ersinnen. Politisch gewendet allerdings verfestigt sie austauschbare Antithesen einer Freund-Feind-Opposition, die das Andersartige zwischen Geist und Leben ausmerzen wollen. Dies kann am Ende nur zur Gleichschaltung führen. Mit Hugo von Hoffmansthal ausgedrückt, besteht Treue nicht mehr aus den zwei untrennbar verschränkten Eigenschaften der Treue zu sich selbst als Erkenntnis des Ich und der Treue zum Leben als Erkenntnis der „Mitwelt als gleichberechtigt“.

So geistert die konservative Revolution mit verschlossenen Augen durch die Welt. Sie spaltet lieber, indem sie eine idealisierte Gegenwelt konstruiert. Sie leidet allein in ihrem imaginären Schutzraum, anstatt das gemeinsame Wagnis der Zukunft zu versuchen. Sie ignoriert die komplexe Paradoxie im grenzauflösenden Untergang des Subjektiven, die als Potentialität so viele Möglichkeiten bietet. Sie sieht nicht, dass der Robonaut auch sie jeden Morgen aus dem Spiegel anschaut. Aber wer soll ihn aus den Spiegeln befreien, wenn nicht wir?

von Simone Belko

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Klare Kante · The European · The European

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