Apr 17, 2017
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Der Osterschinken kommt aus dem 3-D-Drucker

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Auf meinen Balkonen in der Innenstadt wachsen die süßesten Erdbeeren, leckersten Tomaten, der frischeste Salat; im Herbst schwärzen sich die Oliven und die Feigen gibt´s zu Kiwis. Ich habe der Großstadtwüste ein kleines Paradies abgerungen.

Das grüne Paradis und das Blaukorn

Darauf bin ich stolz. Das ist es mir wert. Das muss es auch. Denn meine Erdbeeren, berechne ich die Gestehungskosten ohne anteilige Rückenschmerzen, sind die teuersten der Stadt. Die Oliven kann man vermutlich mit Silber aufwiegen, die Bananen sind klein und strohig und entziehen sich jeder Kalkulation und Genuß. Gerne schwärmt meine Familie von der Naturbelassenheit; aber ich fürchte, damit ist es nicht so weit her: Heimlich streue ich Blaukorn und gelegentlich greife ich zur Giftspritze, gezwungenermaßen, aber wenigstens ohne Treibgas. Die Erde stammt aus dem Klärwerk, ich will nicht über die Reststoffe aufgeklärt werden. Ich bekämpfe mit meinem Balkoneinsatz heldenmütig CO2, aber die Fahrt zum Gartencenter produziert vermutlich mehr Klimagas, als mein grüner Daumen jemals beseitigt.

Grüner wird’s nimmer

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Aber wie gesagt ist es mir das wert – das Auge rechnet nicht, es genießt, wenn es grün sprießt. Unser Verhältnis zu Natur, Landwirtschaft und Lebensmitteln ist romantisch. Wir leben anders, als wir sollen und als man es uns sagt. Außerhalb des Balkons herrschen die unerbittlichen Gesetze der Ökonomie. Gerade hat wieder eine Zeitschrift die Formel für gesundes Leben enthüllt. Wir kennen sie längst: Obst und Gemüse aus regionalem Anbau, frisch und unverarbeitet, das Ei vom freilaufenden Huhn, das Kotelett, wenn überhaupt, vom Schwein, das sich im Schlamm suhlt, ehe es vom freundlichen Metzger lächelnd hinüberbegleitet wird auf seinen langen Weg zu meinem Teller.

Das freilaufende Huhn im Stall

Sie kennen das alles. Die Realität ist eine andere. In den Supermärkten der Innenstadt, da wo die Vertreter des zeitgeistigen Lebensstils wohnen, wuchern die Gefriertruhen und breiten sich die Regale mit Fertigkost aus. Das geht auch gar nicht anders. Frisch kochte einst mein Mütterchen; sie war Hausfrau, hatte Zeit dazu und wäre heute ein bestaunter Anachronismus. Zeit ist Geld und und die mit Geld haben keine Zeit zum Kochen, außer am Wochenende. Die ohne Geld haben keine Wahl: ihnen bleibt das Fleisch aus dem Billigregal, wo sich beide Gruppen treffen.

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Wochenmärkte werden nur noch von Rentnern besucht; wie Brokkoli zubereitet wird, sagt mir der Gemüsebauer, wissen die modernen Großstädter nicht mehr (er sagte politische unkorrekt: „Die jungen Frauen“, aber das verkneife ich mir). Schon geputzter Salat, in der mit Chlor desinfizierten Tüte mit Fertigsauce aus der anderen Tüte, das läuft. Wegen der Vogelgrippe wurden die Herden freilaufender Hühner in Ställe verbannt, um sie vor Infektion und Krankheit zu schützen, die aus der Luft oder von der Erde kommt, die sie kratzen. Ihre Eier dürften trotzdem als freilaufend verkauft werden. Wir lassen uns gerne täuschen. Wir träumen von der Kuh auf der Alm. Almwirtschaft gibt es aber kaum mehr, der Anteil von Milch glücklicher Bergbauernkühe in den damit beworbenen Milchpackungen entspricht vermutlich der Verdünnung von Wirkstoffen in Globuli. Der Metzger schlachtet nicht mehr selber, das geschieht zentral in streng hygienisch kontrollierten Schlachtfabriken.

Beim Feiertagsessen geht’s ans Eingemachte

Ostern ohne Hase, Huhn, Ei und Lamm?

Realität und Traum klaffen auseinander, je weiter Stadt und Land sich voneinander entfernen. Die Produktion von Lebensmitteln wird mittlerweile streng abgeschirmt wie früher die Munitionsherstellung. Konsumenten könnten entsetzt sein ob der Realität. Harte Ökonomie und verträumte Ökologie passen nicht mehr zusammen. Kinder lieben Fischstäbchen und reagieren entsetzt, wenn sie in die traurigen Augen einer toten Forelle schauen. Ich gehe dann auf meinen Balkon. Meine Spatzenhorde ahnt nicht, dass ihre geliebten Körner nicht aus Bioanbau stammen, sie zanken sich laut zeternd trotzdem drum. Ein Lebensmittelmanager erklärte mir, dass künftig zumindest das Kantinenessen aus dem 3-D-Drucker kommen wird: abgestimmt auf meine ärztlich verschriebenen, physiologischen Bedürfnisse; aus den Tuben genau jene Menge, die auch gegessen wird. Das spart Ressourcen. Es wird nichts mehr weggeworfen, die Tube ist wiederverschließbar, aus der das kommt. Muß ich mich freuen? Das spielt keine Rolle. Der Fortschritt ist unaufhaltsam. Ich zähle meine kommenden Erdbeeren; heuer werden es ungefähr 24.

Der Beitrag Der Osterschinken kommt aus dem 3-D-Drucker erschien zuerst auf Tichys Einblick.

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