Dez 8, 2019
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Der Arzt und der Judenhass

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Gebäude der Staatsanwaltschaft Hannover

Ein in Hannover praktizierender Allgemeinmediziner verbreitet
nicht nur auf seiner privaten Website antisemitische Ideologie, sondern auch in
einem eigenen Buch. Das ging nun selbst der AfD zu weit. Die Staatsanwaltschaft
dagegen will das Verfahren gegen ihn einstellen.

Wer
in Hannover oder der Umgebung der niedersächsischen Landeshauptstadt lebt und
Anti-Aging-Maßnahmen, eine Darmsanierung, eine Eigenblut–Eigenurin-Therapie,
eine Leberentgiftung oder eine Testung der Lebensenergie benötigt, sucht
vielleicht Klaus Eikemeier auf. Denn der Mann ist Allgemeinmediziner und bietet alle diese Leistungen an.

Er
ist aber nicht nur Arzt, sondern auch gelernter Werkzeugmacher,
Verkehrsunfallforscher, Fluglehrer, Studienstiftler des Deutschen Volkes, Nutzlastexperte,
Höhenbergsteiger, Musiker und Mitglied im europäischen Gelehrtenverzeichnis und
vieles mehr. Das erfährt man, wenn man auf seine Zweitwebsite klickt, die den
ganz unbescheidenen Titel „Der Reformator“ trägt. Dort steht auch zu
lesen, dass Eikemeier sich der „Herstellung einer neuen Weltordnung“ verschrieben
hat.

„Neue
Weltordnung“

Diese
hält der 1948 geborene Tausendsassa für dringend geboten, denn: „Die bisherigen
Fäkal-Kreaturen und Tröglinge der politischen Systeme haben sich
zusammengerottet und arbeiten gegen die Demokratie und die Souveränität der
Völker.“ Diese „Lobbyisten“ hätten „Abhängigkeiten größten Ausmaßes“ als
Tatsachen geschaffen, die „Parteibonzen und Parteikrüppel“ raubten „durch
Privatisierung das Volksvermögen“, die „Volksverräter“ machten Europa zum
Armenhaus, indem sie „das ‚Scharaffenland‘ (soziale Hängematte) für Migranten
ohne Gegenleistung“ bereiteten. Für „Drogendealer, Finanzbetrüger, Verbrecher
und anderes Gesindel“ sei „die Zeit abgelaufen“.

In
seinem Buch „Die neue Philosophie im 3. Jahrtausend“ werde vieles davon
angesprochen, wirbt Eikemeier für sich selbst. Durch die dort versammelte
„energetische Photographie und andere Tests“ könnten „lügende Politiker,
Bankster, Priester etc. entlarvt werden“, kein Mensch könne sich nach dem Lesen
mehr „hinter Lügen verstecken“.

Doch
es ist gar nicht so einfach, an das im Januar 2017 veröffentlichte, 350 Seiten
umfassende Werk zu kommen, denn es wird nicht über den Buchhandel verbreitet.
Womöglich soll auch nur ein exklusiver Kreis in den Genuss der Schrift kommen, zumindest
heißt es auf deren zweiter Seite: „Nur für den persönlichen, familiären und
internen Gebrauch bestimmt.“ Aber das ist vielleicht auch logisch, schließlich
soll es ja keinen Menschen in die Hände fallen, die Eikemeier „Parteikrüppel“, „Volksverräter“
und „Gesindel“ nennt.

Eine stramm antisemitische Weltsicht

Nun
bleibt die Lektüre aber doch nicht lediglich erlauchten Zirkeln vorbehalten,
weil das Buch inzwischen den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Und wer es
liest, lernt die Weltsicht des Klaus Eikemeier kennen. Auf den ersten rund 120
Seiten geht es um den Menschen als solchen, um seine Beschaffenheit, seine Genetik,
sein Gehirn und seine Gedanken sowie um spirituell-esoterische Themen, bevor
der Verfasser zu Deutschland, zu den Religionen und weiteren Dingen kommt.

Eines
muss man dem Mann dabei lassen: Er versucht gar nicht erst, seine Gesinnung zu
chiffrieren. „Die BRD ist ein Vasallensystem fremder Staaten bzw. der
Alliierten“, doch die Deutschen müssten „dazu schweigen, sonst werden sie
sofort als Antisemiten, Holocaustleugner oder Nazis diffamiert“, schreibt er
beispielsweise auf Seite 146.

Zwei
Seiten weiter heißt es: „Die Politiker sind – wie auf allen Gebieten – nur
jüdische Arschkriecher. Das ist die Wurzel sämtlicher Übel.“ Blättert man noch
einmal um, dann liest man: „Banken und Börsen sind zionistische
Betrugseinrichtungen, die mit den bestochenen Regierungen (Vasallen) die
Weltmacht anstreben. Das von Juden und Zionisten ausgedachte Gaunerstück
funktioniert ganz einfach, und alle fallen darauf rein.“

Ein
weiteres Mal umgeblättert, und man erfährt: „Unser deutsches Volk wollte sich
dem Finanzterror auch entziehen und hat dafür schwer gebüßt. Diese
schmarotzenden jüdischen und zionistischen Ratten haben versucht, […] die
wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands im 1. und 2. Weltkrieg zu
zerschlagen.“

Nun
kommt der Verkehrsunfallforscher erst so richtig in Fahrt: „Schon bereits vor
der sog. Machergreifung (Hitler wurde frei gewählt) wurde in Amerika die Vernichtung
Deutschlands durch die jüdische Rattenbande in New York entschieden“, behauptet
er auf Seite 153. „Während sich hier in Europa hervorragende weiße Menschen […] abschlachteten, feierten die Juden in Amerika in Saus und Braus ihre wirtschaftlichen
Gewinne.“

Drei
Seiten weiter führt er aus, welche Konsequenzen das aus seiner Sicht haben
sollte: „Wir müssen diesen zionistischen Missgeburten klarmachen, dass wir das
Sklavenhaltertum, in welcher Form auch immer, nicht dulden.“ Das Standrecht „oder
auch eine Bestrafung mit 20 Jahren schwerster Steinbrucharbeit wären
gerechtfertigt“. Denn „diese Judenhunde“ stünden „den Nazis in nichts nach“,
und Israel sei dafür „der lebendige Beweis“, wie auf Seite 215 nachzulesen ist.

Die Staatsanwaltschaft will das Verfahren einstellen

Woran
erkennt man nun „die neue, unsichtbare Juden-Tyrannei“? Eikemeier nennt elf Punkte:

1. Erpressen die Völker mit Zinszahlungen, 2. Hetzen Völker oder Volksgruppen gegeneinander auf (Migranten gegen Deutsche), 3. Entwaffnen die Deutschen, 4. Haben die Wehrpflicht abgeschafft und eine Söldnerarmee gegründet, 5. Kaufen oder erpressen Politiker, 6. Manipulieren und lügen durch Massenmedien, 7. Stehlen Produktionsstätten und öffentliche Einrichtungen (Krankenhäuser, Bundesbahn, Autobahnen) durch Banken und Börsen, 8. Schaffen Schuldkomplexe durch Geschichtslügen, 9. Alkohol-, Drogen- und Computersucht/Kriminalität, 10. Überwachungsstaat, 11. Bargeld abschaffen.“

Kurz:
Die Juden sind an fast allem schuld, nur die schlechte Spargelernte fehlt in
der Aufzählung.

Klar
ist für den vielfachbegabten und erfolgreichen Verfasser jedenfalls: „In
Deutschland macht nur der Karriere, der den Juden in den Arsch kriecht!“ Oder
Klaus Eikemeier heißt. Doch auf Seite 229 kündigt er an, dass bald alles anders
sein wird: „Mit der steigenden Wehrfähigkeit wird die übergestülpte Finanz- und
Medienmacht beseitigt. […] Das wird der Sieg über alle und alles sein! Die
Weltkultur wird deutsch und nicht jüdisch sein. Die deutsche Weltkultur wird
sittlich sozial sein und nicht zionistisch skrupellos, ein sittlicher Staat mit
sittlichen (Personen) Bürgern.“

Dafür
gebe es allerdings eine Voraussetzung: „Nur eine intakte, starke
Lebensgemeinschaft wird das Judentum brechen.“ Außerdem müssten Politiker,
Banker, Priester und Verbrecher „bechippt“ werden wie Hunde, „damit sie überall
auf der Erde aufspürbar sind“. Das würde „der Verbrechensbekämpfung dienlich
sein“.

Diese
Auslassungen führten dazu, dass der passionierte Nutzlastexperte und
Höhenbergsteiger wegen Volksverhetzung angezeigt wurde. Doch die
Staatsanwaltschaft Hannover beabsichtigt, das Verfahren gegen Eikemeier einzustellen,
weil der Tatbestand der Volksverhetzung voraussetzt, dass es eine öffentliche
Verbreitung der betreffenden Aussagen gegeben hat. Das sei hier nicht der Fall,
da es keine Erkenntnisse darüber gebe, ob und wo das Buch von Eikemeier
verbreitet wurde.

Konsequenzen
hatten die Ausführungen für das Mitglied im europäischen Gelehrtenverzeichnis dagegen
im Hinblick auf seine Tätigkeit für die AfD: Dort gehörte er als Beisitzer dem
Vorstand des Kreisverbandes Hannover-Land-Ost an, bis er Ende der vergangenen
Woche aufgefordert wurde, seine Parteiämter
niederzulegen und aus der Partei auszutreten.

Ausschluss selbst aus der AfD

Zumindest
der erstgenannten Forderung ist Eikemeier nachgekommen, wie die AfD mitteilte.
Sollte er nicht auch austreten, werde man ein Ausschlussverfahren beantragen,
hieß es.

Offenbar
geht selbst dieser Partei, in der Antisemitismus bekanntlich entgegen anders
lautenden Beteuerungen ein festes Zuhause hat, der Arzt aus
Hannover mit seinen Äußerungen nun deutlich zu weit. Eikemeier sei „als
Mitglied im Kreisverband Hannover bislang nicht fragwürdig in Erscheinung
getreten“, heißt es in der Erklärung. Es fällt schwer, das zu glauben, wenn man
sich die üblen politischen Äußerungen des 71-Jährigen betrachtet, die sich
keineswegs nur in seinem Buch, sondern auch auf seiner öffentlich zugänglichen
Website finden.

Dort
sind nicht nur die eingangs zitierten Aussagen über die „Fäkal-Kreaturen“, „Tröglinge
der politischen Systeme“ und „Volksverräter“ zu lesen – die innerhalb der AfD
allerdings normalerweise keinen Anstoß erregen, sondern vielmehr auf Zustimmung
treffen –, sondern beispielsweise auch Texte wie jener, in dem es heißt, die
AfD habe „für einen Judenbeauftragten gestimmt, der aber auch nur unsere
Steuergelder sinnlos verfrisst“. Gemeint ist der Beauftragte der Bundesregierung
für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.

Weiter
schreibt Eikemeier, die „Gütekriterien Israels“ seien „korrumpierte
Präsidenten, Rassismus, Ghettos, Völkermord, Land- und Wasserraub,
Frauenfeindlichkeit, religiöse Wahnvorstellungen etc.“. Die „Region Hannover“ wiederum
sei „verseucht, wie die übrige Republik, durch Freimaurer und deren
internationalen Abkömmlinge“, die „unser Volk ausbeuten“ und in „geheimen
Sitzungen“ ihre „Volksverarschungen“ besprächen.

Vielleicht
zieht die Staatsanwaltschaft ja doch noch in Erwägung, den Urheber dieser
stramm antisemitischen Tiraden nicht einfach davonkommen zu lassen, wo sein
Buch nun offenbar doch eine gewisse Verbreitung gefunden hat. Und
vielleicht möchte so mancher Hannoveraner seine Zipperlein künftig lieber woanders
kurieren lassen als bei jemandem, der für alle Übel dieser Welt die Juden
verantwortlich macht, ihnen den Tod wünscht und auch ansonsten
nationalsozialistischen Allmachtsfantasien frönt.

Bei
seinen vielen Talenten braucht Klaus Eikemeier ja gewiss nicht zu befürchten,
sich irgendwann vom verhassten „Vasallensystem“ alimentieren lassen zu müssen.

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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