Dez 7, 2019
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Der Anschlag von London wirft einige Fragen auf

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Blick auf Big Ben und das Parlament (Quelle: Pixabay)

Was tun mit Menschen, die eine Gefahr darstellen, aber nicht einfach weggesperrt werden können. Sind Deradikalisierungsexperten die Antwort?

„Wäre der jüngste Terroranschlag in London eine Episode im Roman eines Sozialsatirikers gewesen, man hätte ihn als zu grob oder absurd abgetan, um plausibel zu sein. Nichts dergleichen könnte jemals in der Realität geschehen.“

Der
Einschätzung Theodore
Dalrymples im City Journal
kann man kaum widersprechen, wenn man
sich seine Schilderung der wesentlichen Fakten des Anschlags vor Augen führt: Mit
einer Konferenz wird das fünfjährige Bestehen eines Rehabilitationsprogramms
für Strafgefangene gefeiert, das vom Institut für Kriminologie der Universität
Cambridge ins Leben gerufen wurde. Plötzlich geht Usman Khan mit Messern auf
die Leute in seiner Umgebung los, um den Bauch hat er eine Sprengstoffgürtelattrappe
angelegt. Khan tötet zwei Menschen und verletzt drei weitere. Bei den Getöteten
handelt es sich um einen Absolventen des Instituts, der die Veranstaltung mitorganisiert
hat, und einen anderen Absolventen, der als freiwilliger Helfer bei der Durchführung
der Konferenz half.

Gestoppt
wird Khan schließlich von einem polnischen Koch, der den
Attentäter mit einem langen Wal-Zahn in Schach hält, und einem zweiten Mann, der
gerade Freigang aus der Haft hat – er sitzt eine Strafe wegen Mordes ab, weil
er einst ein geistig behindertes Mädchen erwürgt und ihm die Kehle durchgeschnitten
hat.

Entlassung
nach acht Jahren

Der Attentäter hat zuvor selbst acht Jahre im Gefängnis verbracht, weil er zusammen mit acht weiteren Männern geplant hatte, die Börse von London in die Luft zu sprengen, den damaligen Bürgermeister von London (und heutigen britischen Premierminister) Boris Johnson zu töten und mehrere Bomben zu legen, u.a. in Synagogen. Er bewegte sich im Umfeld des islamistischen Hasspredigers Anjem Choudary und der mittlerweile verbotenen Gruppe al-Muhajiroun.

Ursprünglich
war Khan wegen der von ihm ausgehenden Gefahr zu einer Haftstrafe von
unbestimmter Dauer verurteilt worden, die dann von einem Richter aber auf 16
Jahre festgesetzt wurde. Gemäß einem Gesetz aus der Regierungszeit von Tony
Blair musste er nach der Hälfte der Zeit 2018 vorzeitig entlassen werden, völlig
unabhängig davon, ob von ihm noch eine Gefahr ausging oder nicht.

Drei
Mythen

Dalrymple
zufolge treten in der öffentlichen Debatte nach dem Anschlag drei Mythen zutage,
die sich „dank der Aktivitäten von Kriminologen, Soziologen, Psychologen und anderen“
mittlerweile tief im öffentlichen Bewusstsein verankert hätten:

„Der erste Mythos besteht darin, Terroristen für Menschen zu halten, die von einer Krankheit befallen seien. Sie brauchten ‚Reha‘ und seien dafür auch empfänglich, so als ob es eine Art moralischer Physiotherapie, die den moralischen Kompass geraderückt, oder eine psychologische Impfung gäbe, die Menschen gegen terroristische Absichten immunisieren würde.

Der zweite Mythos lautet, dass man, nachdem Terroristen dieser Behandlung unterzogen wurden, feststellen könne, dass die Therapie funktioniert hat und es einige Mittel gebe, um zu beurteilen, ob die Terroristen noch immer gewalttätige Wünsche und Absichten haben.

Und drittens wird geglaubt, dass es einen Weg gebe, Terroristen nach deren Entlassung aus dem Gefängnis so zu überwachen, dass man sie davon abhalten könnte, Anschläge durchzuführen“.

Zukunftsmarkt
Deradikalisierung

Die
ersten beiden Mythen beziehen sich nicht zuletzt auf die Experten für
Deradikalisierung, die in aller Munde sind, wenn gerade wieder einmal eine islamistische
Bluttat irgendwo in Europa inszeniert wurde oder darüber debattiert wird, was
mit den Europäern geschehen soll, die nach ihrem vielfach mörderischen Engagement
für den Islamischen Staat in Syrien oder im Irak in den alten Kontinent zurückkehren.

Das
Deradikalisierungsgeschäft hat drei große Vorzüge: Erstens wird der Bedarf nach
Deradikalisierungsexperten auf absehbare Zeit zunehmen und er kann befriedigt
werden, weil es kaum Kriterien gibt, die jemanden als entsprechenden Experten
ausweisen. Wie es scheint, reicht es schon aus, islamischer Seelsorger zu sein
und zu behaupten, den Betroffenen den „wahren“ Islam nahebringen zu können, der
sich angeblich vom „radikalen“ Islam grundsätzlich unterscheide.

Zweitens
können entsprechende Programme an der Realität schlechterdings nicht scheitern:
Begehen die Klienten der Deradikalisierer keine Gewalttaten, reklamieren die vermeintlichen
Experten das als Bestätigung ihrer Arbeit; geschieht dagegen doch eine Bluttat,
so unterstreicht das nur, dass noch viel mehr Deradikalisierungsarbeit und
entschieden mehr finanzielle Mittel vonnöten seien.

Das funktioniert deshalb so gut, weil es drittens praktisch keine Möglichkeit gibt, die Wirksamkeit von Deradikalisierungsarbeit zu überprüfen. Wenn überhaupt, so lässt sich nur in den seltensten Fällen der gewissermaßen negative Nachweis erbringen, dass es die Arbeit der Deradikalisierungsexperten war, der wir den Umstand zu verdanken haben, dass ein Terroranschlag ausgeblieben ist. Das einzige, was sich meines Wissens sagen lässt: Bisher hat in Österreich noch keiner Anschläge begangen, nachdem er mit Deradikalisierungsexperten zu tun gehabt hat. Immerhin.

Tickende Bomben, nicht nur in London

Der
dritte der angesprochenen Mythen, der von der Möglichkeit einer Überwachung,
die Anschläge zu verhindern vermag, verweist auf ein Problem, für das unsere
Gesellschaften auch 18 Jahre nach 9/11 keine Antwort gefunden haben: Was tun
mit Menschen, die sich entweder (hier) noch nichts zu Schulde kommen haben
lassen oder nach verbüßten Haftstrafen wieder freigelassen werden, von denen
aber nach wie vor erhebliche Gefahr ausgeht?

Die
Europäer waren sich weitgehend einig in ihrer Ablehnung über die Haftanstalt für
Dschihadisten in Guantanamo, und die davon aufgeworfenen (Menschen-)rechtlichen
Fragen sind unübersehbar. Das Attentat von London unterstreicht aber leider nur
allzu deutlich, dass allein mit wohlfeiler Empörung über die Amerikaner das zugrundeliegende
Problem nicht aus der Welt geschafft wird.

Wie auch immer sie aussehen mögen, praktikable Lösungen sollten gefunden werden, bevor auch hierzulande Terroristen blutige Anschläge ausführen – und dann im Nachhinein zu hören ist, dass die Täter den Behörden längst bekannt waren.

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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