Nov 15, 2019
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„Dann haut doch ab“

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Demonstrantinnen im Libanon

Dankenswerterweise hat jüngst der libanesische Präsident Michel
Aoun eines der wichtigen Betriebsgeheimnisse von Herrschaft im Nahen Osten
ganz offen ausgeplaudert.

In die Ecke gedrängt von demonstrierenden Massen, die die Nase ganz einfach
voll haben von Misswirtschaft, Korruption, konfessioneller Aufsplitterung, all
den täglichen Lügen und Gemeinheiten, von oben verordneter Tugend und all dem
anderen, verlor der Mann offenbar kurzfristig die Contenance und erklärte, dass ja, wem es im Land nicht mehr gefalle,
einfach gehen könne.

Kritisiert die Bevölkerung ihre Herrscher, wird die Bevölkerung eben mundtot
gemacht oder ausgetauscht. Es wäre ja noch schöner, die Misere könnte irgendwie
mit so einer Herrschaft zu tun haben.

So nämlich denken und handeln sie letztlich alle: Wem es nicht passt, wie sie
ihre Länder in den Ruin treiben, der könne ja gehen. Oder ansonsten einfach
über die nächste Grenze gejagt werden. Der syrische Amtskollege Aouns hat es
schließlich erfolgreich vorgemacht: Als in Syrien Millionen von Menschen auf
die Straße gingen und anfangs nicht einmal den Sturz des Regimes sondern nur
ein paar Reformen forderten, kam man ihnen nicht etwa nach, sondern schoss sie
solange zusammen, bis Unzählige irgendwann das Land verließen.

Kritisiert die Bevölkerung ihre Herrscher, wird die Bevölkerung eben mundtot
gemacht oder ausgetauscht. Es wäre ja noch schöner, die Misere könnte irgendetwas
mit der Herrschaft selbst zu tun haben. Das gilt umso mehr für eine zornige
junge Generation, wie sie gerade im Libanon und Irak das ganze System in Frage
stellt. Weit besser, die sitzen frustriert und desillusioniert in irgendeinem
Flüchtlingslager, als dass sie vor dem Präsidentenpalast die Machtfrage
stellen.

Dieses kleine Betriebsgeheimnis, das so geheim nicht ist, scheint in Europa weitgehend unbekannt. Da erklären immer wieder irgendwelche Staatsoberhäupter in der Region, wie wenig ihnen die Bevölkerung, zu deren Wohlergehen sie angeblich regieren, am Herzen liegt und signalisieren damit, dass sie in der ersten Krise sich gerne großer Teile dieser Bevölkerung zu entledigen bereit sind. Konkret heißt das: Sie werden zu Flüchtlingen und wie das im Nahen Osten nun einmal so ist, wenden sich Flüchtlinge, so es irgend geht Richtung Europa. Was aber macht Europa? Bekämpft die Flüchtlinge und unterstützt genau diese Präsidenten im Namen von Stabilität oder wie sonst die Phrasen lauten.

Artikel zuerst erschienen auf Jungleblog.

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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