Apr 1, 2019
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Buchtipp mit Leseprobe: „Der Krieg vor dem Krieg“

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Als ich „Der Krieg vor dem Krieg“ des Politikwissenschaftlers Ulrich Teusch in die Hand nahm, dachte ich: ‚Sicher ein gutes Buch, aber Neues werde ich darin kaum finden“. Ich habe mich getäuscht. Die sehr hellsichtige Zusammenstellung und Einordnung von in groben Zügen Bekanntem hat es mir erlaubt, Zusammenhänge zwischen Geopolitik und gesellschaftlich-medialen Rückschritten bei uns viel klarer als bisher zu sehen. Ein Buch, das sich zu lesen lohnt, wenn man die gemeinsamen Hintergründe von Uploadfiltern, Netzdurchsuchungsgesetz und generell der Einengung des akzeptablen Meinungsspektrums verstehen will. Hier eine Leseprobe:

Urlich Teusch. Aus dem Kapitel: Permanenter Krieg und Kriegspropaganda in Permanenz.

Dass Medien sich gerade in Sachen Krieg kooperativ verhalten, ist nichts Neues. »Befindet sich die eigene Nation im Krieg, wird die Berichterstattung zum Teil der Kriegsanstrengung«, sagte der renommierte britische Journalist und Kriegsreporter Max Hastings.

Wie schon festgestellt: Die Grenzlinien zwischen Kriegs- und Friedenszuständen werden immer undeutlicher. Kalte Kriege, latente Kriege, heiße Kriege unterschiedlicher Art und Intensität, Kriege vor und Kriege nach dem Krieg … Folgt man einem weit gefassten Kriegsverständnis, dann ist Krieg – global betrachtet – zu einem Normalzustand geworden. Die westliche Führungsmacht befindet sich seit 2001 im permanenten Krieg, der selbst von den politisch Verantwortlichen des Landes so bezeichnet wird: als Generationenkrieg, langer Krieg oder unendlicher Krieg. Viele Beobachter stellen fest, Krieg sei für die USA mittlerweile zum natürlichen Zustand, zum Way of Life, zur Raison d’être geworden. Das System brauche den Krieg, um noch funktionsfähig zu sein. Es sei einer »Kriegssucht« verfallen, so der Anti-Terror-Experte und frühere CIA-Mann Philip Giraldi – und dies, obwohl auf dieser Welt niemand die nationale Sicherheit der USA ernstlich bedroht.

Krieg geht mit Kriegspropaganda einher, permanenter Krieg mit Kriegspropaganda in Permanenz. Wenn es in Kriegen zu einer Quasi-Gleichschaltung der etablierten Medien kommt, dann ist der Umstand, dass wir in einer Zeit des permanenten Krieges leben, möglicherweise der Hauptgrund für die seit Jahren zu beobachtende mediale Formierung. Unter einem Druck dieser Art wird der ohnehin schon enge Mainstream-Korridor zum Laufställchen. In einer solchen Konstellation kann nicht mehr über die Frage diskutiert werden, ob eine russische Bedrohung überhaupt existiert, sondern nur noch darüber, wie ihr am besten zu begegnen wäre.

Ein kalter Krieg, wie wir ihn gegenwärtig erleben, bringt eine innergesellschaftliche beziehungsweise innerstaatliche Polarisierung und Formierung mit sich. Es entsteht eine Wechselwirkung: Zum einen beschränkt die innere Formierung die außenpolitischen Handlungsspielräume. Selbst wenn Donald Trump ernstlich eine grundlegende Verbesserung der russisch-amerikanischen Beziehungen im Sinn hätte, könnte er sich angesichts des aufgeheizten antirussischen Klimas in seinem Land kaum durchsetzen. Eher steht zu vermuten, dass der innenpolitische Druck ihn nötigt, gerade gegenüber Russland Härte zu zeigen. Zum anderen bleibt Aggressivität nach außen nicht ohne Rückwirkung im Inneren. Auf Dauer tritt eine Gefährdung der inneren Liberalität ein. Die Guten werden von den Bösen, die Freunde von den Feinden geschieden. Wenn die internationalen Spannungen wachsen, wenn tatsächlich Kriegsgefahr be- oder entsteht, dann verschärfen sich auch die innenpolitische Tonlage und Gangart. Die ohnehin schon niedrige Toleranzschwelle gegenüber Dissidenten sinkt weiter ab. Alternativen Kommunikationskanälen, so sie denn größere Resonanz finden, droht Ungemach. Selbst wer eine mittlere und vermittelnde Position einnimmt und sich bemüht, die Dinge differenziert zu beurteilen oder nach Gemeinsamkeiten Ausschau zu halten, kann in die Bredouille geraten und als unsicherer Kantonist geführt werden. »Neutralismus« oder »Äquidistanz« lauteten die entsprechenden Vorwürfe im ersten Kalten Krieg, heute spricht man etwas plakativer von Putin- oder Russland-Verstehern. Und wer gar das direkte Gespräch mit Vertretern der anderen Seite sucht und irgendwo in ihrer Begleitung gesichtet wird, muss sich auf den Vorwurf der »Kontaktschuld« gefasst machen.

Etiketten dieser Art helfen, die Good Guys von den Bad Guys zu unterscheiden. Sie verfügen zwar über eine lange Tradition, haben aber mit der Wirklichkeit in aller Regel nur wenig bis nichts zu tun. Ganz früher war von Ketzern oder Hexen die Rede, im 19. Jahrhundert dann von Unruhestiftern, Aufrührern, Demagogen, Gottesleugnern oder vaterlandslosen Gesellen. In der Weimarer Republik sprach man von Erfüllungspolitikern, in der Bonner Republik von Verzichtspolitikern. Man diffamierte Andersdenkende als Kulturbolschewisten oder Salonkommunisten, verortete sie in einer fünften Kolonne oder unter den nützlichen Idioten. Man beschwor den Konsens und die Solidarität der Demokraten gegen die Verfassungsfeinde, empfahl Gesellschaftskritikern: »Dann geh doch nach drüben, wenn’s dir hier nicht passt!«, warnte vor den Sympathisanten des Terrors oder dessen geistigen Wegbereitern. Man schied die guten »Realos« von den bösen »Fundis« oder »Chaoten«. Man war (und ist) schnell bei der Hand mit Vorwürfen wie Rassismus, Antisemitismus oder Antiamerikanismus. Wer unbequeme Fragen stellt, bringt »Hate Speech« oder »Fake News« in Umlauf. Und wer besonderes Pech hat, der wird über Nacht zum Populisten (ob rechts oder links), zum Querfrontler oder Verschwörungstheoretiker erklärt.

Es ist immer das gleiche, öde Spiel. Die eigenen Reihen schließen – Störenfriede ausgrenzen. Ein denkbar primitives Verfahren. Vermutlich hätte man es schon längst aufgegeben, wenn es nicht immer wieder so schöne Erfolge zeitigen würde.“ 

Aus dem Kapitel Massentäuschungswaffen und Massenzerstreuungswaffen:

„Das Löschen, das Verzerren, das Verwerfen und Entwerten von Geschichte und historischer Erfahrung, sagte George Orwell, sei eine zentrale Dimension der »Gedankenkontrolle«. Und: »Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft, wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.«5

Nach meiner Überzeugung ist dies einer der wichtigsten, klügsten und aufklärerischsten Sätze, die je geschrieben wurden. Orwell formuliert hier eine Erkenntnis, die wir uns jeden Tag in Erinnerung rufen und ständig präsent haben sollten. Er benennt in klaren Worten die wirksamste Manipulationsmethode überhaupt. Sein Satz ist eine Mahnung, die man gar nicht ernst genug nehmen kann. Aber er enthält auch eine Handlungsanweisung: Wir, die potenziellen Opfer, müssen die Manipulation der Geschichte (und die Manipulation mithilfe der Geschichte) erkennen und entlarven. Wir müssen die Macht über die Geschichte, über unsere Geschichte, (zurück-) gewinnen. Ohne aufgeklärtes historisches Bewusstsein können wir weder die Gegenwart noch die Zukunft autonom und friedlich gestalten.

George Orwell ist bekanntlich der Autor von Nineteen-Eighty-Four (publiziert 1949), einer der beiden großen Dystopien des 20. Jahrhunderts. Die andere, Brave New World (1932), stammt von seinem Landsmann Aldous Huxley. Vor dem Hintergrund der großen totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts schien es lange so, als habe Orwell die überlegene Vision vorgelegt. Mitte der 1980er-Jahre begann – nicht zuletzt unter dem Einfluss des amerikanischen Medienkritikers Neil Postman – ein Umdenken. In seiner 1985 erschienenen Streitschrift Wir amüsieren uns zu Tode verglich Postman die beiden Romane und ihre Autoren: Während Orwell vor der Unterdrückung durch eine »äußere Macht« warne, die den Menschen ihre individuelle Autonomie, ihre Einsichten und ihre Geschichte raube, sei Huxley der Ansicht gewesen, dass regelrechte Repression gar nicht erforderlich sei. Irgendwann, so seine These, würden die Menschen anfangen, ihre Unterdrückung zu lieben, und die Techniken verehren, durch die sie entmündigt und beherrschbar werden.

»Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, daß wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Orwell befürchtete, daß die Wahrheit vor uns verheimlicht werden könnte. Huxley befürchtete, daß die Wahrheit in einem Meer von Belanglosigkeiten untergehen könnte.«6

Neil Postman war der Ansicht, dass Huxleys Analyse – obwohl ungefähr 15 Jahre früher erschienen – den realen Verhältnissen näher komme als die Orwells. Aber: Schließen sich die Dystopien Huxleys und Orwells wechselseitig aus? Könnten nicht beide Autoren Recht behalten haben, jeder auf seine Weise, und jeder, weil er eine wichtige Teilwahrheit erkannt hatte? Ich bin überzeugt, dass sich die Wahrnehmungen Huxleys und Orwells ergänzen, dass also in unseren Gesellschaften beides geschieht:

Erstens werden wir durch propagandistische Techniken getäuscht (Orwell): also desinformiert, belogen, mit Halbwahrheiten abgespeist oder durch die Unterdrückung von Nachrichten im Unklaren gelassen.

Zweitens werden wir durch propagandistische Techniken zerstreut (Huxley): also vom Wesentlichen abgelenkt, mit Belanglosigkeiten überflutet, mit Pseudoproblemen beschäftigt, mit Unterhaltungsangeboten aller Art bei Laune gehalten.“

Und damit nicht der falsche Eindruck aufkommt, Teusch habe nur deprimierende Einsichten zu bieten, aus demselben Kapitel noch dies:

„Es gehört zu den erfreulichen Entwicklungen der letzten Jahre, dass Propaganda im Allgemeinen und Kriegspropaganda im Besonderen immer öfter an Grenzen stoßen. Das liegt nicht nur an der Ausbreitung und wachsenden Reichweite alternativer Medien. Es liegt auch und vor allem an der tiefen Krise des politischen, ökonomischen und sozialen Systems, dessen Teil diese Propaganda ist. (…) Das eröffnet allen, die für eine friedliche, frei und multipolare Welt streiten, große Chancen.“

 Ulrich Teusch: „Der Krieg vor dem Krieg. Wie Propaganda über Leben und Tod entscheidet“, Westend Verlag, 2.4.2019

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