Aug 26, 2018
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Auf dem Weg nach „Eurafrika“

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Zuerst die gute Nachricht: Der große afrikanische Migranten-Ansturm auf Europa hat noch gar nicht angefangen. Etwa 200.000 Schwarzafrikaner gelangten im Völkerwanderungsjahr 2015 über Libyen und die zentrale Mittelmeerroute nach Italien. 2016 waren es etwa 180.000. Seit 2007 sind ungefähr zwei Millionen Afrikaner nach Europa gelangt – 200.000 pro Jahr. 1960 lebten knapp 900.000 Afrikaner in Europa, gut neun Millionen sind es heute.

Hier endet die gute Nachricht. Es folgt die schlechte: Bis zum Jahr 2050 muss sich Europa auf etwa 150 Millionen bis 200 Millionen schwarzafrikanische Migranten gefasst machen. Das schreibt der amerikanische Journalist und Wissenschaftler Stephen Smith in seinem 268 Seiten schmalen Bändchen über den „Ansturm auf Europa: Das Junge Afrika auf dem Weg zum Alten Kontinent“. Seit 1987 hat Smith für französische Zeitungen aus und über Afrika geschrieben. Auch sein jüngstes Buch gibt es vorerst nur auf Französisch. Heute ist Smith Professor für Afrika-Studien an der Duke University im US-Bundesstaat in North Carolina.

Rasendes Bevölkerungswachstum …

Smith weiß alles über Afrika und ist der Kenner aller Afrika-Zahlen. Und die haben es in sich. 1960, zum Ende der Kolonialzeit, zählte ganz Afrika etwa 230 Millionen Menschen. Seither hat sich ihre Zahl auf 1,3 Milliarden fast versechsfacht. Schon recht bald, im Jahr 2050, wird sie sich noch einmal verdoppelt haben – auf 2,5 Milliarden. Wäre Frankreich seit 1930 gewachsen wie Afrika, um den Faktor 16, müsste es 2050 etwa 640 Millionen Franzosen geben, errechnet Smith zum Vergleich.

Afrika erlebt damit das rasendste Bevölkerungswachstum, das die Welt je gesehen hat – und südlich der Sahara verläuft es sogar noch schneller: Neun Subsahara-Länder werden ihre Bevölkerung bis 2050 sogar verfünffachen. Ausgerechnet den bettelarmen vier Sahelzonen-Länder Niger, Tschad, Mali und Burkina Faso gelingt die Verdoppelung schon in knapp 20 Jahren – auf knapp 140 Millionen. Ganz Subsahara-Afrika wird nur in diesem Jahrzehnt um 200 Millionen Menschen wachsen.

… aber kaum Wirtschaftswachstum

Wovon die dann leben sollen, weiß niemand. Bereits heute sind in Schwarzafrika 400 Millionen Personen chronisch unterernährt. Von grüner Revolution der Landwirtschaft ist etwa in der Sahelzone keine Spur: 96 Prozent der Bauern beackern dort Flächen von weniger als fünf Hektar und ernten weniger als eine Tonne Getreide pro Hektar. Nur fünf Prozent des Ackerlands sind bewässert – in Indien 58 Prozent. Die Folge: Nigeria etwa musste schon 2015 etwa 10 Milliarden Dollar für Lebensmittelimporte ausgeben – ein Fünftel seiner Öl-Einnahmen.

20 Millionen New Yorker verbrauchen soviel Strom wie 1,2 Milliarden Afrika.

Stephen Smith

Wirtschaftswachstum steht in Afrika meist nur auf dem Papier. Afrikas Anteil am Weltwirtschaftsprodukt oder am Welthandel ist heute ähnlich dem von 1950. Das rasende Bevölkerungswachstum frisst alles auf. Smith rechnet vor: Damit sich etwa in Mali das aktuelle Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von 675 Dollar verdoppeln könnte, müsste Malis Wirtschaft 18 Jahre lang um sieben Prozent wachsen. In über 100 Jahren könnte Mali dann das heutige Niveau von Frankreich erreichen.

Wie unrealistisch afrikanische Wachstumsträume sind, sagt eine andere Zahl: 2015 produzierte ganz Afrika so viel Elektrizität wie Spanien oder Argentinien – Länder mit weniger als 50 Millionen Einwohnern. Von Industrialisierung und industrieller Produktion ist der Kontinent weit entfernt. Aber jedes Jahr strömen in Subsahara-Afrika 22 Millionen Junge auf Arbeitsmärkte, die es gar nicht gibt.

Stresstest zwischen den Generationen

Denn das ist die nächste Folge der Bevölkerungsexplosion: 40 Prozent der Schwarzafrikaner sind jünger als 15 Jahre, 80 Prozent jünger als 30. Smith: „Niemals in der Geschichte waren Bewohner eines Teils der Erde so jung wie heute die Subsahara-Afrikaner.“ Was kein Segen ist. Die rasende Generationenfolge überschlägt sich und stellt alle gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf. Nur fünf Prozent der Afrikaner sind über 60 Jahre alt. Zu wenig, um Normen und Werte an die unendlich vielen Jungen weiterzugeben. Das Prinzip der Seniorität, das Vorrecht des Alters, für Schwarzafrika tausend Jahre alte gesellschaftliche Grundregel, erodiert. Smith: „Die moralische Reproduktion Afrikas ist zerstört.“

Für die demokratische Entwicklung Afrikas verheißt der gewaltige Jugendüberschuss nichts Gutes: Massen von jungen Männern erhöhen die Bürgerkriegsgefahr. Smith: „Das außergewöhnlich junge demographische Profil Subsahara-Afrikas, vermindert die Chancen, dass sich dort demokratische Systeme konsolidieren.“

Lagos: Geköpfte Alterspyramide

Weitere Folge von Bevölkerungsexplosion und Jugendüberschuss: rasende Landflucht und Verstädterung. Smith schaut dafür nach Nigeria, für ihn das „Schaufenster für den Wandel, den Subsahara-Afrika gerade erlebt“. 1960 hatte die nigerianische Hafenstadt Lagos 350.000 Einwohner. 2012 waren es über 20 Millionen. Nigerias Bevölkerung hat sich in dieser Zeit von 40 Millionen auf heute 190 Millionen fast verfünffacht, aber die von Lagos versechzigfacht. 1940 gab es  in Südsahara-Afrika sechs Städte mit mehr als 100.000 und zusammen etwa einer Million Einwohnern. Heute gibt es dort 40 Millionen- und Mehrfachmillionenstädte.

Die Jungen sind unter sich. Sie erfinden dort Normen und Werte, einen neuen Verhaltenskodex.

Stephen Smith

Was Folgen für die Gesellschaft hat: Zwei Drittel der Bewohner von Lagos leben in Slums. 95 Prozent sind unter 30 Jahre alt. „Die Alterspyramide ist geköpft“, schreibt Smith. Autorität von Eltern oder Älteren gibt es in den Slums von Lagos nicht. „Die Jungen sind unter sich. Sie erfinden dort Normen und Werte, einen neuen Verhaltenskodex. Nicht unbedingt das Gesetz des Dschungels, aber gewiss keine Schule des Bürgersinns.“ Und direkt von dort, direkt aus Mega-Slum-Metropolen wie Lagos, kommen Afrikas Migranten nach Europa.

Problematische Entwicklungshilfe

Wann beginnt er also, der große afrikanische Run auf Europa? Wenn drei Bedingungen zusammenkommen, meint Smith: Eine kritische Zahl von Afrikanern muss genug Geld haben für die Reise. Außerdem braucht es große schwarzafrikanische Diasporas in Europa, die Neuankömmlinge anziehen und ihnen helfen. Und die Wohlstandskluft zwischen Afrika Europa muss verlockend groß sein.

Mit ihrer Entwicklungshilfe schießen sich die reichen Länder selber ins Bein.

Stephen Smith

Alle drei Voraussetzungen sind genau jetzt gegeben. Mit ihrer Entwicklungshilfe „schießen sich die reichen Länder selber ins Bein“, schreibt Smith: „In dem sie den armen Ländern helfen, die Wohlstandsschwelle zu erreichen, die den Menschen erlaubt, sich überhaupt auf den Weg zu machen, schütten sie eine Prämie auf die Migration aus.“

Es sind eben nicht die Ärmsten der Armen, die auswandern, sondern jene, die die reine Subsistenzwirtschaft hinter sich gelassen haben. Smith: „Gestern zu arm, um auszuwandern, machen sich heute die Massen an der Schwelle zum Wohlstand auf den Weg ins europäische Paradies.“

Eurafrika

Ist also der afrikanische Millionen-Ansturm unausweichliches Schicksal für Europa? Nein, meint Smith. Denn nicht nur die Afrikaner haben die Freiheit zu handeln, sondern auch die Europäer. Sie müssen es nur wollen.

Smith macht den Europäern mehrere Szenarios auf. „Eurafrika“ nennt er das erste: Europa nimmt alle Afrikaner auf, die kommen. Tatsächlich gibt es sogenannte Experten, die meinen, das vergreisende, schrumpfende Europa brauche genau das, um seinen Wohlstand zu erhalten. Smith rechnet nach: Um die Bevölkerungszahl von 1995 zu halten, bräuchte Europa bis zum Jahr 2050 jedes Jahr etwa eine Million Einwanderer.

2050 wären dann drei Viertel der Bevölkerung Europas Afrikaner oder Kinder von Afrikanern.

Stephen Smith

Um die Zahl der arbeitenden Bevölkerung auf diesem Niveau zu stabilisieren, müssten pro Jahr 1,6 Millionen Migranten kommen. Um das aktuelle Verhältnis von Arbeitenden zu Nichtarbeitenden zu erhalten, müssten die Europäer jedes Jahr 13 Millionen Afrikaner aufnehmen. Smith: „2050 wären dann drei Viertel der Bevölkerung Afrikaner oder Kinder von Afrikanern – für alle europäischen Länder politisch völlig unakzeptable Zahlen.“ Nicht zuletzt, weil „Eurafrika“ das „Ende der sozialen Sicherheit in Europa wäre“. Smith weiß warum: „Der Sozialstaat verträgt sich nicht mit offenen Türen.“

Festung Europa

Das Szenario „Festung Europa“ dagegen hält Smith nicht nur für machbar, sondern auch für politisch wie moralisch vertretbar. Tatsächlich gingen die Europäer diesen Weg längst. Etwa wenn sie für viel Geld mit der Türkei, Marokko oder Libyen Verträge schlössen, um Migrationsrouten zu schließen. Smith: „Europa versucht, sich hinter einer Festungsmauer aus Geld zu verschanzen.“ Was nicht aussichtslos ist: „Europa ist reich und hat es mit Armen zu tun.“

Protektorat südlich der Sahara

„Rückkehr zum Protektorat“ nennt er ein drittes Szenario: Angesichts der existentiellen Bedrohung „durch die Migranten-Sturmflut“, könnten die Europäer versucht sein, „das Übel an der Quelle abzuschneiden“. Indem sie auf dem Nachbarkontinent direkt intervenierten und Verträge mit afrikanischen Regimen schlössen: Eindämmung des Migrantenzustroms für Gegenleistung und Belohnung. Afrikanische Regime erhielten sozusagen den Status von europäischen Protektoraten.

Europa versucht, sich hinter einer Festungsmauer aus Geld zu verschanzen.

Stephen Smith

Auch dafür sieht Smith schon Ansätze, etwa in  EU-Bemühungen um Verträge über die Rücknahme von Migranten – sogar mit dem vom Internationalen Gerichtshof gesuchten sudanesischen Diktator Omar Al-Baschir.

Größte weltpolitische Herausforderung für Europa

Für welchen Weg sich die Europäer auch entscheiden, sicher ist: Die nächste große Begegnung der Afrikaner mit Europa steht bevor. Zu Beginn des dritten Jahrtausends ist Afrikas Bevölkerungsexplosion die größte weltpolitische Herausforderung – vor allem für die Europäer. Smith‘ wichtiges Buch verdient schleunige Übersetzung ins Deutsche.

Der Beitrag Auf dem Weg nach „Eurafrika“ erschien zuerst auf Bayernkurier.

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