Nov 16, 2019
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20. November 1979: Die Besetzung der Großen Moschee in Mekka (Teil 1)

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Große Moschee in Mekka

Vor 40 Jahren besetzten militante Islamisten die
Große Moschee in Mekka. Die Folgen dieses Vorfalls prägen Saudi-Arabien bis
heute: Nachdem die Rebellen niedergekämpft waren, wurden im Königreich viele
ihrer Forderungen umgesetzt.

Eine
„Zeitenwende“ nennt
der Historiker Frank Bösch das Jahr 1979, mit dem seiner Ansicht nach „die Welt
von heute begann“. Allein der Blick auf den Nahen Osten scheint seine Einschätzung
zu bestätigen – in der Tat hatte kaum ein Jahr mehr Einfluss auf die Zukunft der
Region als 1979.

Drei
Ereignisse springen dabei sofort ins Auge: Im Februar kehrte Khomeini aus dem
Exil in den Iran zurück und stellte sich an die Spitze der Revolution, die zur Schaffung
der „Islamischen Republik“ führte, im März schloss Ägypten als erstes arabisches
Land Frieden mit Israel und am 25. Dezember marschierte die Sowjetarmee in
Afghanistan ein. Beinahe in Vergessenheit geraten ist dagegen ein weiteres
Ereignis, dessen Folgen weit über den Nahen Osten hinaus spürbar werden sollten:
die Besetzung der Großen Moschee von Mekka.

Die Übernahme

Am Morgen des 20. November 1979 versammelten sich Zigtausende Gläubige im wichtigsten Heiligtum des Islam, um am ersten Tag des neuen Jahres, dem Jahr 1400 nach islamischer Zeitrechnung, am Morgengebet teilzunehmen. Plötzlich, gegen halb sechs Uhr, brach Unruhe aus. Geschrei war zu hören, Schüsse fielen. Der Imam der Moschee wurde von mehreren Bewaffneten zur Seite gedrängt, über die Lautsprecheranlage der Moschee wurden Anweisungen an die hunderten Mitstreiter ausgegeben, die sich offenbar auf dem großflächigen Areal der Moschee verteilt hatten: „Los jetzt!“ ist auf Filmaufnahmen zu hören, „Besetzt die Minarette! Die Scharfschützen auf Position! Verschließt die Eingänge! Stellt Wachen auf!“[1]

Mehrere
Polizisten, die aus Rücksicht auf das strikte islamische Waffenverbot in der
Moschee nur mit Stöcken ausgerüstet waren, wurden erschossen. Einigen Menschen
gelang es noch, aus der Anlage zu fliehen, bevor die Bewaffneten die über 50 Zugänge
verriegeln konnten, anderen wurde in den folgenden Tagen ermöglicht, die Moschee
zu verlassen. Wie viele der geschätzt 100.000 Gläubigen aber in den Händen der
Geiselnehmer verblieben, war unklar. Bis heute sprechen manche von der größten
Geiselnahme der Geschichte.

Ein
Mann begann eine knapp einstündige Erklärung zu verlesen. Deren Kernaussage:
Eine alte Prophezeiung habe sich erfüllt, der Mahdi sei erschienen, um die Verfälschung
und Korrumpierung des Glaubens zu beseitigen und der Welt Gerechtigkeit zu
bringen.

So
begann die Besetzung der Großen Moschee in Mekka. Zwei blutige Wochen sollte es
dauern, bis es der völlig überraschten Führung Saudi-Arabiens dank ausländischer
Hilfe gelang, das gesamte Areal wieder unter Kontrolle zu bringen und den seit
etlichen Jahrzehnten ersten Aufstand gegen ihre Herrschaft niederzuschlagen. Als
sich der Staub gelegt hatte, war Saudi-Arabien ein anderes Land geworden.

Übliche Verdächtige

Trotz
einer von den saudischen Behörden verhängten Nachrichtensperre verbreitete sich
die Nachricht von der Besetzung der Moschee rasch in alle Welt und heizte Spekulationen
darüber an, wer für die gleichermaßen ungeheuerliche wie spektakuläre Aktion
verantwortlich sei.

In
den Vereinigten Staaten waren zu dieser Zeit alle Augen auf das noch junge islamistische
Regime im Iran gerichtet. Der Vorfall in Mekka ereignete sich nur etwas mehr
als zwei Wochen nach der Besetzung der amerikanischen Botschaft in Teheran und der
Geiselnahme ihrer Belegschaft durch militante
Khomeini-Anhänger
. Viele stellten einen Zusammenhang zwischen diesen beiden
Ereignissen her.

Moschee
in Mekka von Bewaffneten besetzt, vermutlich Militante aus dem Iran“, lautete
etwa die Schlagzeile der New York Times am Tag nach dem Beginn der
Besetzung, auch wenn in dem Artikel dann viel zurückhaltender unter Verweis auf
eine saudische Stellungnahme zu lesen war, dass es sich um die Aktion einer „Gruppe
von Abtrünnigen der islamischen Religion“ handle und eines ihrer Mitglieder
sich zum „versprochenen Messias“ erklärt habe.

Der
Geheimdienst des Pentagon gab sich dagegen von der Verantwortung einer
iranischen Gruppe „fanatischer Anhänger von Ayatollah Khomeini“ überzeugt, eine
Sichtweise, der sich auch die wichtigsten Berater von Präsident Carter
anschlossen.

Der
amerikanische Botschafter in Saudi-Arabien, John Carl West, war dagegen in
seinen Depeschen aus Dschidda um eine vorsichtige Einschätzung bemüht. Zwar
gebe es Meldungen über eine Beteiligung von Iranern oder auch Jemeniten, andere
saudische Quellen verwiesen aber auf „saudische Stammesmitglieder einer noch nicht
identifizierten Gruppe islamischer Fundamentalisten“.

Antiamerikanische Gewalt

Die
iranische Führung reagierte in diesem Herbst 1979 bereits so, wie sie es in den
vier Jahrzehnten seitdem immer tut, wenn es darum geht, Schuldige zu benennen: In
ihrer ersten Stellungnahme machte sie eine Verschwörung des „kriminellen
amerikanischen Imperialismus“ für den Angriff auf die Moschee verantwortlich,
der dem Zweck diene, die Muslime zu schwächen. Wenige Tage später erklärte
Revolutionsführer Khomeini, die USA „und ihre korrupte Kolonie Israel“ würden versuchen,
die heiligsten Stätten des Islam zu besetzen. „Muslime, steht auf und verteidigt
den Islam!“

Von
einer gemeinsamen Urheberschaft von „Zionisten“ und Amerikanern waren auch einige
pakistanische Medien überzeugt. Seit der israelischen Geiselbefreiungsaktion
von Entebbe drei Jahre zuvor, so erklärte der Herausgeber einer populären
pakistanischen Zeitung, habe man erwartet, dass amerikanische und israelische
Kommandos eines Tages landen und Mekka sowie Medina besetzen würden.

Die
Propaganda fiel auf fruchtbaren Boden. Von den Verschwörungstheorien aufgehetzt,
zog ein wütender Mob zur amerikanischen Botschaft in Islamabad, stürmte das
Gelände und setzte
das Gebäude in Brand
. Mehrere Menschen wurden getötet, darunter ein amerikanischer
Marine. Über hundert Botschaftsmitarbeiter und -gäste verschanzten sich in
einem Tresorraum und konnten erst nach mehreren Stunden vom pakistanischen
Militär gerettet werden. Angriffe auf amerikanische Einrichtungen gab es auch
in Rāwalpindi und Lahore, darüber hinaus in der Türkei, in Indien, in
Bangladesch, Kuwait und Libyen.

Von
Teheran aus ließ Revolutionsführer Khomeini die Welt an seiner „großen
Freude
“ über die Angriffe auf US-Einrichtungen teilhaben.

Wer waren die Besetzer?

Abgesehen
davon, dass zu den Hunderten Besetzern der Moschee auch ein paar zum Islam
konvertierte Amerikaner gehörten, hatten die USA mit der Aktion in Wahrheit nichts
zu tun. Verantwortlich war vielmehr tatsächlich, wie US-Botschafter West zutreffend
nach Washington übermittelte, eine „Gruppe islamischer Fundamentalisten“.

Beim Kopf des Aufstands handelte es sich um den in den 1930er Jahren in eine Beduinenfamilie geborenen Juhaiman al-Utaibi. [2] Sein Großvater hatte zu den fanatischen Wahhabiten der Ikhwan („Bruderschaft“) gehört, die Staatsgründer Abd Al-Aziz ibn Saud in den frühen 1920er Jahren als Stoßtruppen bei der Eroberung seines Königreichs gedient hatten, sich dann aber mit diesem überwarfen, als er den neu geschaffenen Staat konsolidieren und den Dschihad auf dem Wege Allahs nicht weiter fortführen wollte. Juhaimans Vater soll am 1929 niedergeschlagenen Ikhwan-Aufstand gegen Ibn Saud beteiligt gewesen sein.

Nach
nur wenigen Jahren rudimentärer Schuldbildung – ob er je richtig lesen und
schreiben gelernt hat, ist bis heute nicht gewiss – trat Juhaiman in den Dienst
der saudischen Nationalgarde, die sich hauptsächlich aus Beduinen, darunter viele
ehemalige Ikhwan-Kämpfer, zusammensetzte. Nach fast zwanzig Jahren verließ er (vermutlich
im Jahre 1973) die Nationalgarde und zog nach Medina. Mangels der dafür
erforderlichen Bildung konnte er nie formell Student an der Islamischen Universität
Medina werden, bewegte sich aber in deren Umfeld und soll Kurse am Dar al-Hadith
besucht haben, einer alteingesessenen Institution, die sich der Lehre der Aussprüche
und Handlungen des Propheten Mohammed verschrieben hatte.

Die neuen Ikhwan

In
dieser Zeit trat Juhaiman einer Gruppe namens „Salafistische Gruppe zum
Gebieten des Rechten und Verhindern des Verwerflichen“ (Al-Jamaa Al-Salafiya
Al-Muhtasiba/JSM) bei, die in den 1960er Jahren entstanden war und sich stark an
den Lehren von Muhammad
Nasir ad-Din al-Albani
orientierte, einem der wichtigsten Vordenker des Salafismus.
Mit ihm teilte die JSM die Kritik an den anerkannten islamischen Rechtsschulen
und am Zustand des Islam, der sich am Vorbild der ersten drei Generationen der
Muslime orientieren und die Religion von schädlichen Innovationen und
Missverständnissen reinigen müsse.

Die
voranschreitende Öffnung Saudi-Arabiens, die mit dem Ölreichtum und der
einsetzenden Modernisierung begonnen hatte, galt den Salafisten als Abkehr vom
Glauben. Die JSM vertrat einen extremen Konservatismus, aus dessen Sicht selbst
der saudische Wahhabismus schon als Abweichung vom wahren Islam galt, u.a. weil
er mit der korrumpierenden Macht des saudischen Staates kooperierte. Ihre strikte
und wörtliche Lesart des Koran und der Hadithe ließ sie Formen der religiösen
Rituale entwickeln, die sie immer öfter in Konflikt mit dem wahhabitischen
Establishment brachte.

1977 kam es schließlich zum Bruch zwischen führenden wahhabitischen Ulema (Religionsgelehrten) und einer Minderheit von JSM-Mitgliedern, der in der Abspaltung einer sich fortan Ikhwan nennenden Gruppe rund um den als charismatischen geltenden und wegen seiner Herkunft aus einem angesehenen Beduinenstamm verehrten Juhaiman endete. Der Konflikt mit den Wahhabiten und die Radikalisierung der Ikhwan blieb den Sicherheitsbehörden nicht verborgen, die im Dezember 1977 gegen deren Mitglieder vorgingen.

Rückkehr des Mahdi

Der
vorgewarnte Juhaiman konnte der Verhaftung entgehen und zog sich mit noch verbliebenen
Getreuen in die Wüste zurück, wo er bis zur Besetzung der Großen Moschee im
Untergrund lebte.

In
diesen knapp zwei Jahren publizierte Juhaiman eine Reihe von Briefen, in denen er
seine radikalen religiösen Überzeugungen propagierte. In einem dieser Schreiben
griff er den saudischen Staat frontal an, der die Religion weltlichen Interessen
untergeordnet, dem Dschihad abgeschworen und gemeinsame Sache mit christlichen
Mächten wie Amerika gemacht habe. Dem saudischen Herrscherhaus sprach er einen legitimen
Anspruch auf die Führung der islamischen Umma ab, weswegen ihm keine Loyalität
entgegengebracht werden müsse. Seine Anhänger rief er dazu auf, sich vom saudischen
Staat und seinen Institutionen fernzuhalten. Nicht minder grundsätzlich fiel
seine Kritik am wahhabitischen Establishment aus, auch wenn er davor
zurückschreckte, die Ulema kurzerhand zu Ungläubigen zu erklären.

Von großer Wichtigkeit wurde für Juhaiman die Überzeugung von der kommenden Wiederkehr des Mahdi, ein Gedanke, dem im sunnitischen Islam im Allgemeinen keine große Bedeutung zukommt. Doch eines Nachts im Jahre 1978 hatte Juhaiman durch einen Traum die Gewissheit erlangt, dass einer seiner treuen Mitstreiter, Muhammad al-Qahtani, niemand geringerer als der Mahdi sei und das Ende aller Tage bevorstehe.

Juhaiman und seine Gruppe begannen Waffenlager anzulegen, um auf den Tag X vorzubereitet zu sein. Die Wochen der islamischen Pilgerreise nach Mekka im Herbst 1979 nutzten die Ikhwan, um ihr umfangreiches Waffenreservoir Stück für Stück auf das Areal der Großen Moschee zu schmuggeln. Am ersten Tag des islamischen Jahres 1400 war es schließlich so weit: Juhaiman und hunderte seiner Anhänger traten in Aktion und verkündeten im Zuge der Besetzung der Moschee die Rückkehr des Mahdi.

Anmerkungen:

[1] Aufnahmen vom Beginn der Besetzung sind in der Arte-Produktion „Mekka 1979 – Urknall des Terrors?“ zu sehen.

[2] So nicht anders angegeben, stützt sich das Folgende hauptsächlich auf Lacroix, Stéphane/Hegghammer, Thomas: The Meccan Rebellion. The Story of Juhayman al-‚Utaybi Revisited, Bristol 2011.

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Artikel · Außenpolitik · Mena Watch

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